Traditionsgeschäft Elektro Sewing macht Schluss zum Jahresende - wegen der Kunden

hzAus für Einzelhandelsgeschäft

Über 40 Jahre Familientradition enden am Heiligabend: Elektro Sewing an der Borkener Straße macht Schluss. Es war aber kein Kurzschluss, der Cordula Karl dazu bewegt hat.

Holsterhausen

, 23.12.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Elektro Sewing an der Borkener Straße stellt zum Jahresende den Betrieb ein. Offiziell wird das Geschäft an Heiligabend (24. Dezember) um 12 Uhr geschlossen. Cordula Karl, Tochter der Firmengründer Josef und Ursula Sewing, hat Gründe, die sie dazu gebracht haben, den elterlichen Traditionsbetrieb aufzugeben: die Kunden. Die seien nicht nur wegen der Baumärkte oder Mediamärkte weniger geworden. Sondern sie verhielten sich auch anders.

„Kunden sind in den letzten Jahren zu uns gekommen, haben sich eingehend bei uns informiert und am Ende ihre Elektrowaren im einschlägigen online-Handel bestellt. Wenn ich am Monatsanfang das Geschäft geöffnet habe, wusste ich nicht, ob ich am Monatsende die Ladenmiete von den Einnahmen bezahlen konnte“, sagt sie. Sie werde demnächst als Angestellte in einem „dreimal so großen Fachhandel wie wir“ in Wesel arbeiten. „Das beruhigt mich sehr.“

Cordula Karls Eltern Josef und Ursula Sewing haben 1973 zunächst für Elektroinstallationen in Holsterhausener und Dorstener Haushalten gesorgt, bevor Elektro Sewing 1979 sein erstes Geschäft an der Freiheitsstraße in Holsterhausen eröffnete. „Das waren gute Zeiten“, erinnert sich Mutter Ursula.

Während der Mann als Installateur unterwegs war, war die heute 77-Jährige für Verkauf und Büro zuständig. Ursula Sewing wischt sich ein paar Tränen aus den Augen: „Ich kann die Entscheidung meiner Tochter aber verstehen“, sagt sie.

Tochter Cordula stieg früh ins Geschäft ein

Tochter Cordula stieg schon früh mit in den elterlichen Betrieb ein: „Als 14-Jährige bin ich mit „Vatter“ auf den Bau gefahren“, sagt die Holsterhausenerin. Für sie stand von Anfang an fest: „Ich werden Elektroinstallateurin.“ Eine junge Frau in den 1980er-Jahren fand aber in diesem von Männern dominierten Handwerksberuf keine Lehrstelle: „Weil die Betriebe keine getrennten Sanitärräume für Männer und Frauen hatten.“

Also nahm „Vatter“ Josef seine zupackende Tochter mit auf die Baustellen, wo sie ihr Handwerk gründlich erlernte. Und auch im Verkauf wurde Cordula Karl von ihren Eltern angeleitet.

Elektro Sewing war ein Begriff

Denn Elektro Sewing war nicht nur in Holsterhausen ein Begriff. Ob neue Waschmaschine oder Kühlschrank, Elektro-Kleingeräte oder Installation, Reparatur oder ein paar neue Leuchtmittel für Küche, Bad, Wohnzimmer oder Schlafzimmer - viele Dorstener kannten die Familie Sewing und ihr Sortiment im Geschäft. „Sie wussten, dass sie alles bei uns kriegen.“

Traditionsgeschäft Elektro Sewing macht Schluss zum Jahresende - wegen der Kunden

Cordula Karl schließt ihr Geschäft an der Borkener Straße, Boxer Eddy wird ihr erhalten bleiben. Die Familie Sewing hat schon fünf Generationen von Boxern als treue Begleiter geschätzt. © Claudia Engel

Inklusive ein paar Knuddeleinheiten mit den Boxer-Hunden, die die Familie Sewing jetzt in der fünften Hunde-Generation auf Schritt und Tritt begleiten. „Manche Besucher sind nur wegen unserer Hunde gekommen“, sagt Cordula Karl. Eddy, der jüngste Boxer-Spross, freut sich sichtbar, wenn die Ladenglocke am Eingang bimmelt: Streicheleinheiten nahen!

Reges Kommen und Gehen vor Weihnachten

Wenige Tage vor Weihnachten herrscht bei Elektro Sewing ein reges Kommen und Gehen. Manche versorgen sich noch schnell mit selten gewordenen Birnen, die sie im Großhandel nicht bekommen. Eine Frau nimmt eine Reihe von Leuchtröhren mit, der nächste Kunde holt sich Ersatz für seine TÜV-geprüfte Osram-Lichterkette, die keine LEDs hat, sondern elektrische Kerzen und schon seit ewigen Zeiten den Tannenbaum erstrahlen lässt.

Kunde aus Lembeck schaut zufällig herein

Ein weiterer Kunde aus Lembeck ist per Zufall auf Elektro Sewing gestoßen. „Ich war hier beim Zahnarzt und habe gesehen, dass es dieses Geschäft gibt“, sagt der Mann. „Wir haben an unserem Badezimmerspiegel teil-verspiegelte Birnen. Die gibt es nirgendwo mehr. Haben Sie die zufällig da?“, fragt er Cordula Karl.

Sie hat diese Birnen tatsächlich zur Hand. Eines der selten gewordenen Produkte „made in Germany“. „Birnen aus China verkaufe ich nicht“, sagt sie. Denn die Hersteller geben zwar Garantie auf ihre Erzeugnisse. Aber die sei in China schwierig einzufordern.

Bis Heiligabend, 12 Uhr, haben Kunden Zeit, sich von der Familie Sewing zu verabschieden. Aber so ganz lässt Cordula Karl dann doch nicht los: „Treue Kunden bekommen bei mir immer noch ihre Leuchtmittel oder Waren, die sie brauchen“, sagt sie. Sie sei telefonisch weiterhin unter der Nummer ihrer Firma zu erreichen: (02362) 6 11 54.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt