Das erste Interview mit der neuen Ersten Beigeordneten in Dorsten

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Nina Laubenthal ist neue Erste Beigeordnete der Stadt Dorsten. Die Kita- und OGS-Gebühren findet sie nicht familienfreundlich, den Stellenplan im Rathaus sieht sie kritisch - ein Interview.

Dorsten

, 18.05.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nina Laubenthal kommt mit dem Auto zum Interview. Sie hat viel Zeit mitgebracht, der Parkschein reicht für fast zwei Stunden. Sicher ist sicher, ein Knöllchen möchte die frühere Leiterin des Ordnungsamtes (44) sich nicht einhandeln.

Frau Laubenthal, Sie haben Karriere gemacht im Rathaus. War das der Plan?

Als ich vor 14 Jahren bei der Stadt Dorsten angefangen habe, war das nicht mein Plan. Da habe ich mich gefreut, dass ich eine Stelle im Öffentlichen Dienst bekommen habe, die nicht weit von meinem Wohnort Kirchhellen entfernt ist. Es war ein Zufall, dass damals die Stelle im Ordnungsamt frei wurde. Und es war Zufall, dass Lars Ehm zum Ministerium gegangen ist.

Wieso sind Sie überhaupt zur Stadtverwaltung gegangen? Es gibt doch für eine Volljuristin auch wunderbare andere Jobs.

Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung bei der Finanzverwaltung in Nordkirchen gemacht. Weil ich anschließend studieren wollte, habe ich gekündigt und sollte dann 30.000 D-Mark Ausbildungsvergütung zurückzahlen. Das Geld hatte ich natürlich nicht.

Sie haben bestimmt geklagt....

Nein, aber ich habe mich verpflichtet, nach dem Jura-Studium in den Öffentlichen Dienst zurückzugehen. Während des Studiums habe ich dann die sogenannte Kommunalstation in Dorsten gemacht, das war der erste Berührungspunkt mit der Stadtverwaltung. Mir hat‘s gefallen, und anscheinend war der Eindruck, den ich hinterlassen habe, auch nicht so schlecht. Die letzte Ausbildungsstation im Referendariat habe ich auch in Dorsten absolvieren dürfen.

Das hat Sie geprägt?

Ja, und dann war es ganz viel Glück, dass passend zu meinem zweiten Staatsexamen in Dorsten eine Juristenstelle frei wurde.

Jetzt sind Sie Erste Beigeordnete, auch weil sie Juristin sind. Warum ist das eigentlich so wichtig?

Das hat den Vorteil, dass man mit Verwaltungsrecht groß geworden ist. Für den Fall, dass der Bürgermeister verhindert ist, ist man ziemlich fit in Verwaltungsangelegenheiten.

Der Bürgermeister ist aber kein Jurist, sondern Physiker...

(schmunzelt) Man kann das lernen. Es ist ein Vorteil, wenn man sich in Verwaltungsrecht auskennt und zum Beispiel weiß, wie man Verfügungen schreibt.

Wie oft müssen Sie sich im beruflichen Alltag mit juristischen Dingen auseinandersetzen?

In der klassischen Sachbearbeitung nicht mehr so oft, weil wir ja drei Juristen im Haus haben. Aber vieles ist von Formalien geprägt, wo das juristische Auge besser noch mal drüberschaut.

Sie sind Mutter eines achtjährigen Sohnes und arbeiten Vollzeit. Wie haben Sie Ihr Familienleben organisiert?

Mit ganz viel Unterstützung meiner Eltern und der Schwiegermutter.

Ist das Ihr Ideal von einem Familienleben?

Nein. Ich würde es mir anders wünschen, aber wir leben ohnehin nicht das sogenannte Idealbild einer Familie. Mein Mann arbeitet auswärts und ist nur am Wochenende zuhause. Unser Sohn kennt es nicht anders, dass Familienleben und Freizeit sehr auf das Wochenende fokussiert sind.

Ich vermute, Sie müssten aus finanziellen Erwägungen nicht unbedingt Vollzeit arbeiten. Was ist es dann?

Der Spaß und die Liebe zum Beruf. Und wir haben unser Privatleben so organisiert, dass auch unser Sohn nicht darunter leidet.

Familienpolitik fällt künftig in Ihr Ressort. Dieses intakte Familienleben, das Sie für sich beschreiben, gibt es in Dorsten oftmals nicht. Was macht das mit Ihnen als Ehefrau und Mutter?

Ich finde es schade, weil es oft dazu führt, dass die Kinder nicht die gleichen Startbedingungen haben. Und wenn zu der Situation, dass jemand alleinerziehend ist, auch noch finanzielle Sorgen kommen, dann ist das nicht schön für die Familie. Mir zeigt das, wie gut es meiner Familie und mir geht. Gleichzeitig überlege ich, warum das bei anderen Familien nicht so ist, was Staat und Stadt tun können, was aber auch die Familie selbst machen kann, damit die Lebensbedingungen besser werden.

Ist Dorsten eine familienfreundliche Stadt?

(überlegt) Ja und nein.

Warum ja, warum nein?

Es tut sich sehr viel für Familien in Dorsten. Es gibt attraktive Neubaugebiete, es wird unheimlich viel geboten, auch an ehrenamtlichem Engagement, sodass man sich in der Stadt willkommen fühlt. Nein, wenn ich im Vergleich zu meinem Wohnort Bottrop sehe, was hier eine Kinderbetreuung kostet. Wenn ich mein Kind in der Kita oder in der OGS anmelde, ist das in Dorsten viel teurer als in Bottrop. Wobei es jetzt in Bottrop auch teurer wird.

Sie verschieben also den Umzug von Kirchhellen nach Dorsten noch ein bisschen...

(lacht) Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass wir umziehen. Wir haben unsere Freunde dort, außerdem ist die Anbindung zur A 31 für meinen Mann perfekt. Und nach Dorsten ist es nicht weit.

Sie sind im September 2018 in ihrem Heimatort in die CDU eingetreten. Warum? Weil es Druck gab?

Nein, es gab kein Signal und auch keinen Druck, dass es gewünscht ist.
Aber die zeitliche Nähe zum Abschied von Lars Ehm fällt schon auf.
Ja, die gibt es. Und im Nachhinein kann ich sagen: Ich glaube, dass es förderlich war, aber es war kein zwingender Grund. Ich habe es aus Überzeugung getan, politisch interessiert war ich schon immer.

Warum die CDU?

Weil meine Wertvorstellungen dort am stärksten verwirklicht werden.

Seit einigen Wochen gehören Sie dem Verwaltungsvorstand an. Gibt es da die große Einigkeit, wie es nach außen hin scheint?

Hinter verschlossenen Türen darf man in alle Richtungen denken, wir diskutieren manchmal sehr kontrovers. Am Ende kommen wir zu einer Lösung, die nicht immer einstimmig sein muss, aber nach außen von allen vertreten wird.

Waren Sie bei einem Thema schon mal nicht der Meinung der Mehrheit?

(überlegt) Nein, das gab es bisher nicht, wird aber sicherlich demnächst kommen, wenn wir über den Stellenplan sprechen.

Ach?

Wir unterliegen haushalterischen Zwängen, das ist klar, aber ich bin auch noch sehr nah an der Basis. Ich weiß, was das mit Mitarbeitern macht, wenn immer mehr Aufgaben obendrauf kommen, aber gleichzeitig Stellen nicht nachbesetzt oder gestrichen werden. Wir haben eine Grenze erreicht, was wir Mitarbeitern zumuten können.

Das sagt der Personalrat auch...

Mir ist es wichtig, Mitarbeiter zu motivieren. Ich möchte nicht, dass sie mit Bauchschmerzen zur Arbeit kommen, weil sie nicht wissen, wie sie die Arbeit vom Tisch bekommen. Wenn es nicht mehr Personal gibt, hat das zur Folge, dass die Arbeit nicht in der erforderlichen Quantität und Schnelligkeit geleistet werden kann. Dann muss man den Mut haben, den Mitarbeitern den Rücken zu stärken, wenn mal eine Sache vor die Wand fährt.

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