Dorstener geht in Italien auf eine bewegende Reise zu den Spuren des Vaters im Krieg

hzFamilienforschung

Inspiriert durch einen Roger-Waters-Film sind Bernd und Lars Feller nach Italien gereist, um Kriegsstationen von Vater und Opa Bernhard Feller nachzuspüren - mit überraschenden Erlebnissen.

Dorsten

, 25.08.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als der aus Wulfen stammende Bernd Feller (bekannt als Schlagzeuger der hiesigen Rockband „Virus D“) sich kürzlich den Konzertfilm des ehemaligen britischen Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters (The Wall Live, 2014) anschaute, machte es bei ihm plötzlich „klick“. In dem Film ist der bekannte englische Musiker nämlich auf der Suche nach Spuren seines Vaters, der im Februar 1944 in Anzio (Italien) beim Kampf gegen die Deutschen getötet wurde.

4000 Kilometer

Anzio? Den Namen dieser Stadt kannte Bernd Feller gut. „Am selben Ort zur selben Zeit wurde mein Vater vermisst und geriet dort in britische Kriegsgefangenschaft“, sagt er. Dieser Zufall war Auslöser für den 65-Jährigen, sich mit seinem Sohn Lars ebenfalls auf die Reise und auf die Suche nach Spuren seines Vaters zu begeben. 4000 Kilometer brachten die beiden im Frühsommer hinter sich, erlebten einige Überraschungen und spannende Begegnungen.

Dorstener geht in Italien auf eine bewegende Reise zu den Spuren des Vaters im Krieg

Bernd Feller mit dem Fotobuch © Michael Klein

Bernhard Feller, so der Name seines Vaters, war erst 20 Jahre alt, als er während seiner Kriegsgefangenschaft von den Briten nach Nordafrika gebracht wurde. Zunächst nach Algerien, dann nach Ägypten, wo er am Suez-Kanal zum Arbeitseinsatz abkommandiert wurde. „Erst drei Jahre später kehrte er 1947 als 24-Jähriger nach Hause zurück“, erzählt sein Sohn. Dort kannte später jeder Bernhard Feller als Gemeinderatsmitglied und als den „Milchbauern von Wulfen“, der mit seinem Milchwagen das Dorf versorgte.

„Haben eine Verpflichtung“

1981 starb Bernhard Feller, seine Familie erfuhr nur wenig über seine Erlebnisse während des Krieges. „Ich wollte als junger Mann nichts von Nazi-Geschichten der Eltern-Generation hören“, sagt Sohn Bernd Feller, „und außerdem war das ein Tabu, denn mein Vater war von der schlimmen Zeit traumatisiert, er weigerte sich darüber zu reden“. Im Nachhinein bedauert Bernd Feller, dass er nicht doch intensiver nachgefragt hat: „Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Nachfahren, die eigenen Familiengeschichten in Erfahrung zu bringen und sie weiterzugeben.“

Dorstener geht in Italien auf eine bewegende Reise zu den Spuren des Vaters im Krieg

Viele Stätte in Italien haben sich im Vergleich zu den Weltkriegsjahren nicht geändert © Bernd Feller

Und so begann Bernd Feller, der heute in Hünxe lebt, sich mit der Vergangenheit des Vaters auseinanderzusetzen, recherchierte dessen Geschichte für ein Fotobuch, das er vor fünf Jahren auch seinen eigenen Kindern schenkte. Einige dieser alten Fotos und Dokumente erwiesen ihm für die Italien-Reise unschätzbare Dienste.

Wehrpass war wichtig

Vor allem der Wehrpass des Vaters, den Bernd Feller bei der zuständigen Auskunftsstelle des Bundesarchivs (früher WASt) angefordert hatte, erwies sich als Goldgrube für die Reiseroute: „Aus dem ging hervor, wo überall mein Vater stationiert war.“ Zudem gab es noch Bilder und Postkarten im schriftlichen Nachlass der Eltern, die der Vater von seinen Einsatzorten in Italien nach Hause geschickt hatte.

Dorstener geht in Italien auf eine bewegende Reise zu den Spuren des Vaters im Krieg

Bernhard Feller als Soldat in jungen Jahren © Bernd Feller

Seinen Sohn Lars, vor 39 Jahren in Dorsten geboren und heute als Übersetzer in Leipzig lebend, hatte Bernd Feller für das „Forschungsvorhaben“ gewinnen können, über Turin fuhren beide zunächst nach Marina di Massa. „Aus Massa gibt es eine Postkarte meines Vaters mit einem Gebäude, das eigentlich als Kinderferienheim konzipiert war und in dem mein Vater 1943 kaserniert war“, so Bernd Feller. „Das Haus haben wir fast unverändert wiedergefunden.“

Viele Stätten gefunden

Auch weitere Gebäude, in denen Bernhard Feller wohnte oder als Soldat eingesetzt war, machten die Fellers ausfindig. „Es hat uns sehr berührt, an genau den Stätten zu stehen, an denen auch mein Vater vor 75 Jahren gewesen ist.“ In Cesenatico zum Beispiel haben Bernd und Lars Feller den Gebäudepfeiler entdeckt, an dem Bernhard Feller 1943 auf einem alten Foto Wache schiebt, in Nettuno die Hafenanleger, von dem aus 1944 die deutschen Soldaten in die nordafrikanischen Kriegsgefangenenlager verschifft wurden.

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Besonders bewegend war für die „Spurensucher“ der Besuch der Abtei Montecassino, an der Bernhard Feller 1944 an einer der brutalsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs teilnahm, 100.000 kamen dabei ums Leben, davon 25.000 Zivilisten. „In der Abtei trafen wir einen Mann, dessen polnischer Vater während seines Kampfeinsatzes gegen die deutschen Truppen Bilder von den Geschehnissen um Montecassino gemalt hat.“

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Die Fellers waren auch auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Cassino. © Bernd Feller

Auch einen Amerikaner, dessen Großvater gegen die Deutschen gekämpft hat. „Eine sehr emotionale Zusammenkunft, denn heute dürfen wir Nachfahren der Feinde von einst in Frieden miteinander leben.“ Und auch den Soldatenfriedhof in Cassino besuchten die beiden Fellers. Dort sind 20.000 Soldaten begraben. „Dass mein Vater in Kriegsgefangenschaft geriet, war sein und unser Glück, möglicherweise läge er sonst auch hier auf dem Friedhof und uns gäbe es nicht.“ Für Bernd Feller ist jedenfalls eins gewiss: „Je mehr wir nachforschen, desto mehr wissen wir, dass die Suche jetzt erst beginnen wird.“

Weitere Fundstücke

Denn seit der Rückkehr aus Italien sind neue Fundstücke ans Tageslicht gekommen: Lars Feller hat bei Internet-Recherchen weitere Häuser und Orte in Italien identifiziert, die sein Großvater einst erwähnt hat. „Außerdem sind uns aus dem Familienumfeld weitere Fotos und Postkarten zur Verfügung gestellt worden“, sagt Bernd Feller: „Deshalb wollen wir im übernächsten Jahr wieder gemeinsam auf Italien-Reise gehen.“

Kein Kontakt zu Roger Waters

Bernd Feller hat übrigens auch versucht, Kontakt zu Roger Waters von Pink Floyd zu bekommen, der im Konzertfilm den Namen seines vermissten Vaters auf einer Gedenktafel des Soldatenfriedhofs in Cassino entdeckt hat und damit der Auslöser für die Fellerschen Ermittlungen war. „Immerhin haben sich unsere Väter möglicherweise im Krieg gegenübergestanden, darüber hätte ich mich gerne mit Roger Waters unterhalten.“ Doch leider hat sich der berühmte Musiker bislang nicht bei Bernd Feller gemeldet.

Für Interessierte ist hier der Link zum Fotobuch der Reise.
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