Hatte auf ein Leben in Freiheit gehofft: Der 25-jährige Dorstener neben seinem Verteidiger Dirk Wolterstädt. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Dorstener las Richtern Songtexte vor – dann ging’s in die Psychiatrie

Ein junger Mann aus Dorsten muss für unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie. Von den Richtern verabschiedete er sich mit einer Darbietung, die sie wohl auch noch nie erlebt haben.

Damit hatte wohl niemand gerechnet: Kurz vor seiner Verurteilung hat ein junger Dorstener noch einmal die Chance genutzt, die Richter mit seinem außergewöhnlichen Talent zu beeindrucken. Der 25-Jährige las minutenlang Liedtexte vor, die wohl jeder Rapper 1:1 übernehmen könnte. Es ging um Liebe, Verzweiflung, Unruhe und Hoffnung. Es war aber wohl das letzte Mal, dass er die Texte, die er für seine Ex-Freundinnen geschrieben hat, öffentlich vortragen konnte.

Die Richter am Essener Landgericht haben den 25-Jährigen am Donnerstag auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Er selbst hatte bis zuletzt darauf gehofft, wieder entlassen zu werden.

Selbst eine Ärztin hatte Angst

Es war eine schwere psychische Erkrankung, die den Dorstener im vergangenen Jahr immer mehr in ihren Bann zog. In dieser Situation kam es in seiner Beziehung zu schweren Krisen und Ausrastern. „Er wurde aggressiv und gewalttätig“, so die Staatsanwältin. „Verbal und körperlich.“

Von Schlägen ist im Urteil der 7. Strafkammer des Essener Landgerichts die Rede. Von einem Würgeangriff und von Todesdrohungen. Selbst eine Ärztin der Hertener Psychiatrie, in die der 25-Jährige zwischenzeitlich eingeliefert worden war, hatte große Angst.

Leben nicht „auf die Kette gekriegt“

Der 25-Jährige war festgenommen worden, nachdem er am Dorstener Busbahnhof auf seine damalige Freundin losgegangen ist. Passanten sahen, wie er sie vor die Schaufensterscheibe eines Bettengeschäfts stieß, dann soll es auch zu Schlägen gekommen sein – in den Bauch und gegen den Kopf.

Die ohnehin schwierige Beziehung hatte einen Bruch bekommen, nachdem die Freundin schwanger geworden war. „Ich habe ihr gesagt, dass es das Beste ist, wenn sie das Kind abtreiben würde“, hatte der Dorstener den Richtern am Donnerstag noch einmal erklärt. „Wir haben ja schon unser eigenes Leben nicht auf die Kette gekriegt.“

Das gemeinsame Kind ist inzwischen geboren, soll sich aber bereits in der Obhut von Pflegeeltern befinden.

„Mama hat immer geholfen“

Dort hatten sich die beiden Anfang des letzten Jahres auch kennengelernt. Als sie entlassen wurden, zogen sie zusammen. Außerdem gab es noch einen Hund und eine Katze. „Die Wohnung wurde immer schäbiger“, so der 25-Jährige. „Wir hatten nie Geld. Meine Mama hat uns immer geholfen.“

Im Urteil war von Körperverletzung und Bedrohung die Rede. Für die Richter gab es am Ende jedoch keine Alternative, den Dorstener auf unbestimmte Zeit in der geschlossenen Psychiatrie unterzubringen – zum Schutz der Allgemeinheit. Eine klassische Bestrafung war ausgeschlossen. Der 25-Jährige gilt aufgrund seiner Erkrankung als schuldunfähig.

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Gerichtsreporter
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