Dorstener wollen beim Christopher Street Day ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen

hzCSD Recklinghausen

An diesem Samstag findet zum zweiten Mal der Christopher Street Day in Recklinghausen statt. Eine Demonstration, an der auch Dorstener teilnehmen, um ein Zeichen zu setzen.

von Julia Stefan

Dorsten

, 15.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Weltweit haben die Christopher Street Days (CSD) begonnen, die seit 1969 gefeiert werden. Besonders an den Tagen der Demonstrationen sieht man nun auffällige Kostüme und die bunten Farben der Regenbogenflaggen, die die LGBTQ-(Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Queer)-Community repräsentieren sollen.

Und ein Zeichen zu setzen, ist wichtiger denn je. Erst kürzlich wurde ein lesbisches Pärchen in London, eine vermeintlich LGBTQ-freundliche Großstadt, aufgrund seiner Sexualität zusammengeschlagen.

„Ich empfinde Entsetzen, Trauer und Wut“

„Wenn ich so was höre, empfinde ich eigentlich nur Entsetzen, Trauer und Wut“, sagt Julien Schulz. „Eigentlich sollte es zur heutigen Zeit normal sein, gleichgeschlechtliche Liebe in der Öffentlichkeit zeigen zu können.“ Der Dorstener ist homosexuell und wird heute am CSD in Recklinghausen teilnehmen. Grundsätzlich fühlt er sich in Dorsten akzeptiert, hatte sich aber schon in der Schulzeit eine dicke Haut anlegen müssen. Glücklicherweise kam es nie zur körperlichen Gewalt, doch auch verbale Angriffe hinterlassen ihre Spuren: „Ich habe feminine Züge und mich auch modisch ausprobiert. Zum Beispiel hatte ich auch mal lange lackierte Nägel und mit diesem Normverstoß kamen einige Jugendliche in meinem Alter nicht klar.“

Dorstener wollen beim Christopher Street Day ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen

Auch für Julien Schulz hat der CSD eine große Bedeutung © privat

Dumme Blicke bekomme man immer, sagt der Dorstener. „Aber sobald man öffentlich beleidigt wird und auf Intoleranz stößt, geht das meiner Meinung nach zu weit. Ansonsten konnte ich zwar mit meinem Ex beispielsweise händchenhaltend durch Dorsten laufen, doch als ideal würde ich die Toleranz besonders in Umgebungen wie Gelsenkirchen noch nicht beschreiben.“

Auch das Pärchen Carina Pusch und ihr Freund Tom Brückner zeigen sich aufgrund solcher Ereignisse betroffen. Sie sind beide heterosexuell, haben aber durch ihr erfolgreiches Body- und Facepainting „Pusch Art“, Podcasts und einem Youtube-Channel zahlreiche Kontakte zur LGBTQ-Community.

Homophobie ist sogar in Berlin alltäglich

„Ich kenne einen Youtuber, der sich jeden Tag schminkt und meinte, dass Homophobie für ihn selbst in Berlin alltäglich sei. Gerade bei Männern ist dies wohl auffälliger, wenn sie sich weiblich kleiden oder händchenhaltend rumlaufen, Lesben dagegen werden tendenziell eher fetischisiert und nicht ernst genommen“, erzählt Carina Pusch.

Dies versetzt viele Betroffene in Angst. Durch ihre anonymen Streams lernt das Pärchen immer wieder Leute kennen, die sich noch nicht trauen, Familienangehörigen oder Freunden von ihre Sexualität zu erzählen.

Auch Tom Brückner versteht die Homophobie nicht: „Ob gleichgeschlechtliche Paare sich küssen oder nicht, betrifft einen ja selbst nicht. Homosexuelle gab es schon immer und ausschlaggebende Argumente, warum das falsch sei, gibt es meiner Meinung nach nicht wirklich.“

Eines dieser Argumente wäre, dass offene Homosexualität angeblich Kindern schade. Das Paar schüttelt bei solchen Vorwürfen den Kopf: „Was Kinder vor allem brauchen, sind liebende Eltern, die einen unterstützen statt ihnen Angst zu machen, wegen einer möglichen Partnerwahl missbilligt zu werden. Der eigenen Liebe steht ja niemand im Weg.“

Das Pärchen glaubt, dass die meisten Homophoben nicht einmal jemanden aus der LGBTQ-Community persönlich kennen und eine offene Kommunikation viel verändern könnte. Auf diese Möglichkeit macht der Verein des Vestischen-Christopher-Street-Days aufmerksam, indem sie zum zweiten Mal den CSD in Recklinghausen organisiert. Die Politikerin Rita Nowak, Parteimitglied der Grünen, hat mit dem Vorschlag, eine Queer-Gruppe zu gründen, klein angefangen.

Volles Programm in Recklinghausen

„Glücklicherweise fanden wir vergangenes Jahr genügend Zuspruch, um den CSD in Recklinghausen fortzuführen. Wir haben gleich nach der Parade im letzten Jahr uns im August zusammengesetzt, um Termine zu planen.“

Um 12 Uhr soll heute eine Ansprache am Rathaus gehalten werden, bevor es als Parade bis zum Kirchplatz geht. Dort erwarten die Teilnehmer zahlreiche Stände und ein Bühnenprogramm mit mehreren Bands, Travestie-Shows und Einlagen von der Musikschule.

„Wir wollen damit ein Zeichen gegen Diskriminierung setzen und eine Möglichkeit geben, sich informieren zu können und beim Outing zu helfen.“

Auch für Julien Schulz hat der CSD eine große Bedeutung. Er hatte erst kürzlich am CSD in Düsseldorf teilgenommen: „Es ist einfach schön zu sehen, dass sich jeder so präsentiert, wie er sich fühlt und wie er ist. Im Alltag fehlt einem oft der Mut, zum Beispiel in Dorsten mit hohen Schuhen als Mann rumzulaufen - auf der Demo bekommt man dagegen Komplimente. Keiner versteckt sich, jeder kann so sein wie er ist und ich glaube, dass es auch für Außenstehende anziehend ist, da auch immer mehr Heterosexuelle teilnehmen.“

Dies bestätigen auch Carina Pusch und Tom Brückner, die sich auch auf diesen Veranstaltungen willkommen fühlen: „Man wird nicht ausgegrenzt und letzten Endes treffen sich die Leute neben dem guten Zweck dort auch, um gemeinsam einfach Spaß zu haben.“

Diskriminierungen und Gewalt gegenüber Homo- und Transsexuellen

Es gibt die Kritik, dass der CSD, da die Paraden so laut, bunt und auffällig sind, kontraproduktiv sei für die Normalisierung der LGBTQ-Community. Auf die Frage, was man davon halte, sind sich alle einig: Es sei traurig, dass man überhaupt noch dafür kämpfen müsse, doch es gebe noch Diskriminierungen und Gewalt gegenüber Homo- und Transsexuellen.

Das zeige sich schon dadurch, dass sich über andere Veranstaltungen wie Karneval, Vatertag oder andere Demos, die in Großstädten täglich stattfinden und oft genauso auffällig sind, weniger beschwert wird. Außerdem müsse man laut sein, meinen die Dorstener CSD-Teilnehmer, da es beim CSD auch darum gehe, sich nicht wegen seiner sexuellen Identität verstecken zu wollen.

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