Dorstenerin bringt „Körper in Extremzuständen“ auf die Tanzbühne

hzPatricia Carolin Mai

Als Leistungsschwimmerin verlangte die Dorstener Schülerin Patricia Carolin Mai ihrem Körper früher schon einiges ab. Für ein Tanz-Projekt legte die 34-Jährige jetzt noch eine Schippe drauf.

Dorsten

, 02.10.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was der menschliche Körper so alles kann und schafft, wie er sich verändert in Extremsituationen und wie er Erinnerungen abspeichert, das klingt eher nach Medizin als nach zeitgenössischem Tanz. Dennoch hat die Choreografin und Tänzerin Patricia Carolin Mai die „Körper in Extremzuständen“ in den Mittelpunkt einer Trilogie gestellt, mit der sie auf diversen Bühnen schon große Erfolge gefeiert hat.

Den eigenen Körper hat Patricia Carolin Mai zunächst in Dorsten Extremsituationen ausgesetzt. Das Mädchen aus Östrich, Schülerin am St.-Ursula-Gymnasium, hat beim SV Schermbeck Schwimmen als Leistungssport betrieben. Die Tochter eines Tanzlehrer-Ehepaares wuchs auf mit viel Musik und Tanz und entdeckte irgendwann neben dem Schwimmen das Salsa-Tanzen für sich.

Nach dem Abitur gab es einen Umweg über die Mode

„Nach dem Abitur an St. Ursula habe ich zunächst Mode in Mönchengladbach studiert“, berichtet die quirlige 34-Jährige, die derzeit in Hamburg lebt. Dann zog es sie jedoch zum Tanz. „Mit 21 Jahren habe ich mit dem Tanzstudium begonnen“, erzählt Mai, „da war ich fast schon ein bisschen spät dran. Aber mein Körper ist durch das Schwimmen robust und stark.“

Schließlich entschied sie sich für einen Studienplatz am Königlichen Konservatorium in Antwerpen und an der SNDO Amsterdam. Zudem studierte sie den Masterstudiengang Performance Studies an der Universität Hamburg. Als Stipendiatin der Israelstiftung arbeitete sie zwei Jahre als Tänzerin in Tel Aviv.

„Ich hatte in Belgien so viele beeindruckende Begegnungen mit israelischen Tänzern, dass ich ihrem Tanzstil und ihrem Ausdruck unbedingt auf den Grund gehen wollte“, erinnert sich Patricia Carolin Mai. „Die Menschen leben dort im Vergleich zu uns in einer Extremsituation. Mich hat interessiert, was das mit ihrem Körper macht. Was bleibt davon haften?“

Tanzstück wird im Mülheimer Ringlokschuppen aufgeführt

Vor diesem Hintergrund entstand eine Trilogie, deren dritter Teil das generationsübergreifende Tanzstück „Hamonim“ (hebräisch für „was die Masse bewegt“) darstellt. Für dieses Stück hat sie acht Monate lang mit 70 Menschen gearbeitet, dabei die Schutzmechanismen von Gemeinschaft untersucht und ausprobiert, was nötig ist, um als Individuum in der Gruppe zu bestehen. Ist es ausgeliefert oder findet es Schutz?

„Hamonim“ hat seither Zuschauer in Hamburg, Seoul und München beeindruckt und versucht das am 10. Oktober im Mülheimer Ringlokschuppen erneut, als Eröffnungstanzstück des „HundertPro“-Festivals für Tanz, Performance, Theater und Comedy.

Den Auftritt in NRW, nahe der Dorstener Heimat, bezeichnet Patricia Carolin Mai als „Geschenk“. Schon jetzt steht fest, dass eine Dorstener „Fan-Gruppe“ nach Mülheim kommen wird, wo die Arbeit am 28. September beginnt.

Wegen Corona wurde die Größe des Ensembles auf 30 Menschen begrenzt, die Plätze in der Tanzgruppe waren ruckzuck vergeben. Auf der Bühne herrscht Maskenpflicht, es darf keine Berührungen und keinen Handkontakt geben. Patricia Carolin Mai: „Corona ist nochmal eine ganz besondere Herausforderung, aber die nehmen mein Team und die Tänzer an.“ Rund zehn Tage hat die Gruppe Zeit, um „Hamonim“ zur Bühnenreife zu bringen.

Eine junge Frau im Wettstreit mit dem eigenen Körper

Etwa gleichzeitig endet ein spannendes Solo-Projekt der Tänzerin, das Anfang September in Leipzig Premiere feierte und in diesen Tagen im Hamburger Theater Kampnagel aufgeführt wird. Für „Kontrol“ hat sich Patricia Carolin Mai in einen Wettkampf mit dem eigenen Körper begeben: Unter Anleitung des Sportwissenschaftlers Patrick Rump trainierte die ehemalige Leistungsschwimmerin sechs Stunden pro Tag ihren Körper.

Patricia Carolin Mai

Patricia Carolin Mai © Baki

Konzipiert war das Projekt von September bis Mai, dann kam Corona und verlängerte es um vier Monate. Extremer Muskelaufbau war das Ziel, dem die 34-Jährige auch mithilfe einer Ernährungsberaterin immer näher kam. Sie berichtet: „Ich habe auf Zucker und Kohlenhydrate komplett verzichtet zugunsten von Fett und Proteinen.“ Das eher sanfte Training der Tänzerin hat sie ersetzt durch ein regelrechtes Bodybuilding-Programm, bei dem sie über 70 Kilogramm schwere Gewichte gestemmt hat und durch Ausdauereinheiten beim Laufen und Schwimmen.

Ein spannender Aspekt dieses körperlichen Trainings sei die Transformation des Körpers hin zu einer vermeintlichen Androgynisierung gewesen, berichtet Patricia Carolin Mai. Die Entscheidung, sich die Haare raspelkurz schneiden zu lassen, habe die Wahrnehmung der Menschen auf sie ebenfalls verändert. „Ich definiere mich als Frau, aber mein Körper wird gelesen als der eines Mannes.“ So durchtrainiert der Körper auch ist, auf der Bühne zeigt er sich dennoch in tänzerischer Zerbrechlichkeit.

Patricia Carolin Mai hat ihren Körper für das Stück „Kontrol“ ein Jahr lang extrem trainiert und sich von ihren langen Haaren getrennt.

Patricia Carolin Mai hat ihren Körper für das Stück „Kontrol“ ein Jahr lang extrem trainiert und sich von ihren langen Haaren getrennt. © Öncü Gültekin

Die Kraft, die sie durch das konsequente Training gewonnen hat, will Mai nicht missen. Jetzt sei es aber gut, wieder mehr Zeit für soziale Kontakte und Familienbesuche in Dorsten zu haben. Vielleicht auch für ein Wiedersehen mit ihrer in London lebenden Freundin Julia Teller, die 2021 Miss Germany werden möchte. Oder mit ihren St.-Ursula-Lehrerinnen Andrea Fockenberg und Schwester Benedicta, zu denen sie immer wieder Kontakt hat und die die Tanz-Karriere ihrer einstigen Schülerin im heimischen Dorsten nicht ohne Stolz verfolgen.

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