Dramatische Flucht aus Afghanistan: Wie Fazil (24) in Dorsten eine neue Heimat fand

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Nach seiner beschwerlichen Flucht aus Afghanistan ist der 24-jährige Fazil in Dorsten heimisch geworden und möchte gerne hierbleiben. Dafür fehlt ihm aber noch ein Ausbildungsplatz.

von Paul Kahla

Dorsten

, 09.06.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Good Shot“, ruft der junge Afghane voller Freude. Mit ganzer Kraft schwingt er seinen flachen Holzschläger und schlägt den kleinen Ball quer über den Sportplatz der ehemaligen Johannesschule. Jeden Samstagvormittag findet dort die Kricket-Gruppe des „Athletik International Dorsten“ (kurz A.I.D.) statt. Sie ist eine der vielen Gruppen des Vereins, in der Dorstener und Geflüchtete gemeinsam Sport treiben. Das wöchentliche Kricket-Spielen wird von Fazil angeleitet. Der 24-Jährige kam 2016 nach Dorsten, dafür musste er einiges auf sich nehmen.

Onkel von den Taliban erschossen

Fazil erinnert sich noch gut an den kleinen Vorort der afghanischen Großstadt Chost, in dem er mit seinen drei jüngeren Brüdern und seinen Eltern gelebt hat. Er hat dort zwölf Jahre lang eine Schule besucht und dann zunächst als Taxifahrer gearbeitet. Außerdem half er seinem Vater regelmäßig in dessen Lebensmittelgeschäft aus. Eigentlich wollte Fazil studieren, am liebsten Zahnmedizin, doch dazu kam es nie.

Die Dinge nahmen ihren Lauf, als er beobachten musste, wie sein Onkel auf dem Heimweg in seinem Auto von den Taliban erschossen wurde. „Mein Onkel war beim Geheimdienst“, erklärt Fazil. Deshalb, so der 24-Jährige, seien die Taliban hinter ihm her gewesen.

„Mein Onkel war beim Geheimdienst.“
Fazil (24)

Wenige Tage nachdem er die Polizei benachrichtigt und seinen Onkel beerdigt hatte, erhielt Fazil eigenen Angaben zufolge einen Brief von den Taliban. In diesem wurde er von der Miliz aufgefordert, keinen Kontakt mehr mit der Polizei aufzunehmen. Ansonsten, so stand es in dem Brief, würde er geköpft werden, erinnert sich Fazil.

Einige Monate später habe er dann eine Mine unter einer Brücke in seinem Heimatdorf gefunden. „Das war nicht so eine kleine Tretmine, wie man sie sich immer vorstellt“, erklärt der Geflüchtete. Vielmehr habe die Mine ausgesehen wie ein gelber Kanister, diese Bauweise sei in der Region so üblich. Trotz des Taliban-Briefs benachrichtigte Fazil wieder die Polizei, die kurze Zeit später eintraf und die Mine entschärfte. Sein Vater war deswegen sehr stolz auf ihn, sich aber gleichzeitig der Drohung bewusst, die die Taliban ausgesprochen hatte. Deshalb riet er Fazil, zu einem Verwandten nach Chost zu gehen und sich dort zu verstecken.

Der Vater sollte recht behalten mit seinen Befürchtungen

Und der Vater sollte recht behalten mit seinen Befürchtungen: Wenige Tage später erreichte ihn ein weiterer Brief von den Taliban. Der Brief war an seinen Sohn gerichtet, wieder drohten sie ihn zu töten. Obwohl er mit seinem Handeln nur die Bewohner seines Heimatdorfes schützen wollte, schien ihn die Terrormiliz für einen Spitzel der afghanischen Regierung zu halten. „Die Taliban sind überall in Afghanistan, vor denen kann man sich nicht lange verstecken“, erklärt Fazil. Deshalb riet sein Vater ihm auch zu fliehen und bemühte sich um einen Schlepper für seinen Sohn. Nach ein paar Wochen hatte er einen Mann gefunden, der bereit war, Fazil gemeinsam mit einigen anderen Afghanen über die Grenze zu bringen.

Im Spätsommer 2015 überquerte Fazil die afghanisch-pakistanische Grenze. Von Pakistan aus kam er mit der Hilfe weiterer Schleuser in den Iran und schließlich in die Türkei. Den größten Teil des Wegs legte er zu Fuß zurück, nur selten konnte er mit Autos oder Lastern reisen. Besonders der Weg durch die Berge war sehr beschwerlich. Fazil hat oft Menschen gesehen, die vor Erschöpfung nicht mehr weiter gehen konnten. Die Überquerung der Landesgrenzen war nicht einfach. Die Flüchtenden konnten sich in Grenznähe nur nachts fortbewegen und mussten achtgeben, nicht von einer Grenzkontrolle entdeckt zu werden.

Fazil hat viele Flüchtlinge verdursten sehen

„Das größte Problem war aber das Wasser“, sagt Fazil. Die Schleuser hatten die Flüchtenden zwar immer mit Wasser und Keksen versorgt, dennoch seien einige Menschen auf dem Weg an Hunger und Durst gestorben. Fazil erinnert sich noch gut an eine Familie mit Kindern, mit denen er nahe der türkischen Grenze sein letztes Wasser geteilt hatte, weil sie sonst verdurstet wären. Die Schleuser in der Türkei hatten die Möglichkeit, die Flüchtenden regelmäßiger mit Wasser und Lebensmitteln zu versorgen, sodass der Durst ein weniger großes Problem wurde. In der Türkei musste man sich jedoch noch stärker vor Polizeikontrollen in acht nehmen. Fazil wurde oft tagelang mit hunderten Flüchtenden in einem kleinen Raum versteckt gehalten.

Nachdem er über Bulgarien schließlich Serbien erreichte, schritt Fazils Flucht deutlich schneller voran. Er reihte sich ein in den Flüchtlingsstrom, der 2015 Europa erreichte und wurde per Zug von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager gebracht. Etwa zwei Monate nachdem er seine Flucht angetreten hatte, erreichte er Bayern und wurde übergangsweise in einem Münchener Flüchtlingsheim untergebracht. Hier hatte er nach langer Zeit wieder Zugang zu sanitären Anlagen und wurde regelmäßig mit Wasser und Lebensmitteln versorgt. Von München aus brachte man ihn dann wenige Monate später nach Dorsten, wo er im Flüchtlingsheim an der Luisenstraße untergebracht wurde.

Die Familie hat Fazil verstoßen - nur seine Mutter hält noch zu ihm

Während der ganzen Flucht hat Fazil telefonisch Kontakt zu seiner Familie gehalten, seine Mutter hat ihn ungefähr alle drei Wochen angerufen. So war es auch nach seiner Ankunft in Deutschland. Nach seiner Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rief er seinen Vater an. Um seine Geschichte zu überprüfen, wollte das Bundesamt die Originale der Drohbriefe sehen statt der Kopien, die Fazil ihnen vorgelegt hatte. Daher musste er seinen Vater darum bitten, ihm die Briefe mit der Post nach Deutschland zu senden. Der Vater sendete die Briefe und Fazil reichte sie ein.

Jedes Mal, wenn er seinen Vater seitdem am Telefon sprechen wollte, musste seine Mutter ihn vertrösten. Mal sagte sie ihm, sein Vater sei einkaufen, ein anderes Mal soll er auf einer Hochzeit gewesen sein. Was wirklich mit seinem Vater passiert war, erfuhr der junge Geflüchtete erst ein Jahr später.

Die Taliban haben seinen Vater erschossen

Nachdem er seinem Sohn die Dokumente geschickt hatte, suchten die Taliban seinen Vater auf und begannen auf ihn einzuschlagen. Die Mutter habe es noch verhindern wollen, doch dann, so erzählte sie ihrem Sohn am Telefon, haben die Taliban seinen Vater erschossen.

Von dieser Nachricht war er zutiefst schockiert, bis heute hat er sie nicht verkraftet. „Mein Vater war für mich alles“, sagt Fazil. Hätte er die Konsequenzen vorher erahnen können, hätte er seinen Vater niemals darum gebeten, ihm die Briefe zu schicken. Er könne sich auch nicht erklären, wie die Taliban von seiner Flucht erfahren haben, sagt der 24-Jährige. Eigentlich habe nur seine Familie etwas davon gewusst. Seine Mutter hat ihm gesagt, dass die Taliban überall ihre Leute hätten und es sich irgendwie zu ihnen herumgesprochen haben muss.

Sie lebt seit dem Vorfall in Angst und lässt ihre Kinder deshalb nicht mehr zur Schule gehen. Die Taliban kommen regelmäßig zu ihr und durchsuchen das Haus, in der Hoffnung, dass Fazil zurückgekehrt ist. Seine übrigen Verwandten gehen davon aus, dass er kein Moslem mehr sei, weil er in Deutschland lebt. Fazil ist allerdings noch immer praktizierender Moslem und nimmt beispielsweise auch am Ramadan teil. Außerdem geben sie ihm die Schuld am Tod seines Vaters, weshalb dessen Bruder der Mutter verbietet, Kontakt mit Fazil aufzunehmen. Manchmal habe sie vor Fazils Onkel genauso viel Angst wie vor den Taliban. Trotzdem hält sie zu ihrem Sohn und ruft ihn regelmäßig heimlich an.

Integration in Dorsten

„Wenn man in ein fremdes Land kommt, ist es das Wichtigste, die Sprache zu lernen“, sagt Fazil. Deutsch wurde ihm zuerst im Flüchtlingsheim in der Luisenstraße beigebracht, aktuell nimmt er dreimal die Woche an einem Deutschkurs der VHS teil.

„Wenn man in ein fremdes Land kommt, ist es das Wichtigste, die Sprache zu lernen.“
Fazil (24)

Über eine Zeitungsannonce wurde der junge Geflüchtete auf den A.I.D. aufmerksam. Zuerst nahm er an den verschiedenen Sportangeboten des Vereins teil, seine größte sportliche Leidenschaft ist das Kricketspielen. Er absolvierte die Ausbildung zum Übungsleiter und leitet seitdem die Kricket-Gruppe des Vereins. Außerdem unterstützt er einmal die Woche die Kinderkrippe des Vereins. Beim A.I.D. lernte Fazil auch Sven Müller kennen.

Der Sportlehrer ist Gründungsmitglied im Verein und unterstützt den jungen Afghanen. So auch, als sein erster Asylantrag Anfang 2017 abgelehnt wurde, nachdem er die verhängnisvollen Briefe der Taliban eingereicht hatte. „Ich kann nicht nachvollziehen, wie man jemandem mit solch einer Vita den Aufenthalt in Deutschland verwehren kann“, sagt Sven Müller.

Verwaltungsgericht glaubt Fazils Geschichte nicht

Auch Fazil fiel es schwer, Verständnis für diese Entscheidung aufzubringen. Nachdem die Anwälte im Frühjahr 2017 Einspruch gegen das Urteil eingelegt hatten, wurde Fazil Anfang Mai in einem Urteil des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen erneut der Flüchtlingsstatus abgesprochen. Der Grund: Man glaubt ihm seine Geschichte nicht.

„Ich kann nicht nachvollziehen, wie man jemandem mit solch einer Vita den Aufenthalt in Deutschland verwehren kann.“
Sven Müller

„Das Urteil bedeutet für Fazil, dass er abgeschoben werden kann, sobald Afghanistan zu einem sicheren Herkunftsland erklärt werden sollte“, erklärt Sven Müller. Dabei sei Fazil schon gut in Deutschland integriert. Der 24-Jährige hat mittlerweile das Sprachzertifikat B1 erhalten, wohnt mit einem anderen Geflüchteten in einer Wohnung in der Dorstener Innenstadt und arbeitet bei McDonalds.

Er würde eigentlich gern in Deutschland eine Ausbildung beginnen, am liebsten zum Zahntechniker. Er könne sich jedoch auch mit einem andern Beruf im medizinischen Bereich anfreunden oder mit einer Ausbildung zum Chemikant. Chemie sei damals in der Schule nämlich sein Lieblingsfach gewesen. Mit einem Ausbildungsplatz könnte Fazil seinen Aufenthalt in Deutschland verlängern, während seine Anwälte das Urteil des Verwaltungsgerichts weiter anfechten.

  • Betriebe, die bereit sind, Fazil einen Ausbildungsplatz bereitzustellen, wenden sich bitte an den A.I.D. e.V. per E-Mail: team-aid@gmx.de oder unter Tel. (02362) 44701.
  • Der „Athletik International Dorsten“ lädt für den 6. Juli (Samstag) von 15 bis 18 Uhr in die Sporthalle und auf den Sportplatz an der Marler Straße zum Aktionstag „Bunt im Sport“ ein. In Kooperation mit dem KSB Recklinghausen und der Kita Marler Straße wurde ein vielfältiges Programm für Jung und Alt auf die Beine gestellt. Angeboten werden unter anderem Ballspiele, Kinderschminken, Kinderbewegungsabzeichen, Hüpfburg und Buttons machen.
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