Der angeklagte Ex-Apotheker mit Verteidigern und zwei Mitangeklagten im Bochumer Landgericht © Jörn Hartwich
Landgericht Bochum

Ex-Apotheker: „Ich war dumm und abenteuerlustig“

Mit einer Überraschung ist in Bochum der Prozess um gefälschte Rezepte fortgesetzt worden. Der angeklagte Ex-Apotheker aus Dorsten spricht jetzt auch von Erpressung und Drogenkonsum.

Plötzlich ist auch von Bedrohung die Rede: Mit einer überraschenden Erklärung ist am Montag der Betrugsprozess gegen einen in Dorsten wohnenden Ex-Apotheker fortgesetzt worden. „Ich wurde erpresst“, sagte der Angeklagte den Richtern. „Ich musste allen Anweisungen Folge leisten.“

Der 52-Jährige war 2017 ins Visier der Ermittler geraten. Er hatte zweieinhalb Jahre lang gefälschte Rezepte für sündhaft teure Medikamente abgerechnet, die nie an Kunden ausgegeben worden sind. Einige wurden nach seinen Angaben gar nicht erst bestellt, andere unter der Hand weiterverkauft.

Kein Zurück mehr

Die Idee soll von einem Mann aus Marl stammen, der den 52-Jährigen schon vorher in angeblich verlustreiche Export-Geschäfte mit China verwickelt haben soll. Dabei sollen auch hohe Steuerforderungen angefallen sein. „Um den Ruin abzuwenden, wurde mir vorgeschlagen, Rezepte für hochpreisige Arzneimittel zu fälschen“, so der Dorstener im Prozess. Darauf habe er sich dann eingelassen.

Kaum war der erste Schritt getan, soll es jedoch kein Zurück mehr gegeben haben. „Ich sollte immer weiter Rezepte fälschen“, so der 52-Jährige. Andernfalls hätte man ihn auffliegen lassen. Betrugsschaden laut Anklage: mehr als 600.000 Euro.

Massiver Amphetaminkonsum?

Dass es überhaupt soweit gekommen ist, erklärte der Dorstener mit seinem angeblich massiven Drogenkonsum. Nach eigenen Angaben hat er sich tagsüber mit Amphetaminen aufgeputscht – in immer höheren Dosen. „Wenn man als Apotheker ungehinderten Zugang hat, steigert sich der Konsum ins Unermessliche.“ Dabei sei er regelmäßig bis an die Hälfte der tödlichen Dosis gegangen. Abends habe er dann starke Beruhigungsmittel zu sich genommen. „Am Ende konnte ich Gut und Böse nicht mehr unterscheiden“, so der Ex-Apotheker.

Psychiater hinzugezogen

Ob die Angaben stimmen, ist allerdings unklar. Ein vom Gericht beauftragter Psychiater hält es zwar für glaubhaft, dass der 52-Jährige Medikamentenmissbrauch betrieben hat. Eine verminderte Schuldfähigkeit wollte er dem Dorstener allerdings nicht attestieren. „Er war noch in der Lage, sein Denken und Handeln zu steuern.“ Auch den Mitarbeitern sei ja offenbar nichts aufgefallen.

Den zwischenzeitlich aufgekommenen Verdacht des illegalen Medikamenten- und Drogenhandels wies der Ex-Apotheker vehement zurück. „Ich habe alles selbst konsumiert.“

Ins gemachte Nest gesetzt

Warum der 52-Jährige komplett auf die schiefe Bahn gekommen ist, ist weiter unklar. „Sie konnten sich in das gemachte Nest ihrer Eltern setzen, konnten eine super laufende Apotheke übernehmen“, so die Richter. Wie könne man sich da nur mit zwielichtigen Gestalten einlassen? Die Antwort des Dorsteners lautete so: „Ich war dumm und abenteuerlustig.“

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