90 Minuten, dann ist Fabio (9) ein Affenmensch. Der Grundschüler aus Dorsten ist seit Februar der jüngste Darsteller im Musical „Tarzan“. Den Weg auf die Bühne fand er nur zufällig.

Dorsten/Oberhausen

, 03.07.2018, 19:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Das ziept!“ Fabio verzieht das Gesicht zum Spaß. 90 Minuten vor der Aufführung im Metronom-Theater sitzt der Grundschüler vor einem riesigen Spiegel und sieht zu, wie Alex und Nicky seine schulterlangen Haare zu kleinen Spiralen aufdrehen und mit Nadeln fixieren. Dann befestigen Alex und Nicky das kleine Mikro auf seinem Kopf und stülpen ein Haarnetz darüber. „Manchmal drückt das Mikro, das ist unangenehm, aber daran gewöhnt man sich“, meint Fabio. Schließlich setzen die beiden Maskenbildnerinnen dem Jungen aus Dorsten die Perücke auf. Jetzt sieht Fabio schon ein bisschen aus wie Tarzan.

Die Maskenbildnerinnen Alex und Nicky stecken Fabios Haare zusammen, befestigen das Mikro auf dem Kopf und ziehen ihm schließlich die Tarzan-Perücke auf.

Die Maskenbildnerinnen Alex und Nicky stecken Fabios Haare zusammen, befestigen das Mikro auf dem Kopf und ziehen ihm schließlich die Tarzan-Perücke auf. © Stefan Diebäcker

Seit Februar ist der aufgeweckte Junge einer von derzeit elf Kinderdarstellern - und mit neun Jahren deutlich der jüngste Tarzan im künstlichen Dschungel. Zwei-, dreimal pro Monat steht er auf der Bühne, öfter bleibt er als „Stand-by-Kind“ im Hintergrund. „Es kann immer mal vorkommen, dass sich ein Kind ganz plötzlich unwohl fühlt“, erklärt Manuela Wolf, Pressesprecherin von Stage Entertainment. „Dann springt das Stand-by-Kind ein.“ Fabio ist natürlich viel lieber auf der Bühne, hat aber lernen müssen, geduldig zu sein.

Ein Jahr warten bis zum Casting

Als Fabio das erste Mal zum Casting nach Oberhausen kam, war er noch keine sieben Jahre alt. „Zu jung“, hieß es damals. „Komm in einem Jahr wieder, wenn du noch willst.“ Fabio wollte. Druck hat seine Mutter nie gemacht. „Eine Freundin hatte mir den Flyer vom Casting gegeben, weil sie meinte, das wäre doch was für Fabio“, sagt sie. „Ich habe ihn gefragt, er war begeistert.“

Der kleine Kerl aus Dorsten hat Talent, das merkten die Musical-Profis sofort, als Fabio ein Jahr später erneut zum Casting erschien. Und er hat auch keine Höhenangst, was ja ziemlich entscheidend ist. Denn wer will schon einen Tarzan sehen, dem die Knie schlottern, wenn er an der Liane von Baum zu Baum schwingt?

Fabio durfte in die Tarzanschule und wurde ein Jahr auf seinen ersten Auftritt vorbereitet. Gesang, Schauspiel und Akrobatik - „das ist Hochleistungssport“, betont Manuela Wolf. Aber sie sagt auch: „Die Kinder werden in dieser Zeit selbstbewusster, viele in der Schule besser.“ Denn Texte lernen müssen die Kinder auch.

Schminken in der „Schmodderbox“

75 Minuten vor der Show geht Fabio in die „Schmodderbox“. Dort wird Klein-Tarzan „dreckig gemacht“, wie er sagt. „Schminken“ klingt wohl nicht so cool. Braune Farbe als Matsch auf Beine, Oberkörper und Rücken, gelbe und grüne Streifen für den Blütenstaub und Pflanzenreste. „Und Rot ist das Blut der Mutter“, erklärt Fabio. Er trägt nur eine Unterhose, über die später der Lendenschurz gezogen wird, und zittert ein wenig. „Ist das kalt hier...“

In der „Schmodderbox“ wird der kleine Tarzan „dreckig gemacht“, wie Fabio sagt.

In der „Schmodderbox“ wird der kleine Tarzan „dreckig gemacht“, wie Fabio sagt. © Stefan Diebäcker

Wenn jetzt noch Zeit wäre, könnte sich der junge Dorstener unter zwei Rotlichtstrahler stellen. „Das sind die Äffchenwärmer“, sagt Unternehmenssprecherin Manuela Wolf mit einem Schmunzeln. Fabio geht aber sofort in die Puderbox, wird einmal eingenebelt und wäre, schön staubig, wie er jetzt ist, eigentlich schon einsatzbereit. Zumindest optisch.

Der Ablauf im Backstage-Bereich des Metronom-Theaters ist minutiös geplant. Fabio wird von seiner Mutter zum Bühneneingang gebracht. Ihr Sohn bekommt eine persönliche Betreuerin. Kim lässt ihn keine Sekunde alleine, das ist Teil der arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben, die Stage Entertainment einhalten muss. Eine pädagogische Fachkraft kümmert sich auch abseits der Show um die Kinderdarsteller und hält Kontakt zum Elternhaus. „Über allem steht das Wohl der Kinder“, betont Manuela Wolf.

Die Zeit im Theater ist begrenzt

Die jungen Tarzan-Darsteller dürfen zum Beispiel nur einmal wöchentlich abends auftreten und müssen dann spätestens um 23 Uhr das Theater verlassen haben. „Wenn es eine technische Panne gibt“, so Manuela Wolf, „kann es passieren, dass die Kinder zum Schlussapplaus nicht mehr auf die Bühne dürfen.“ Fabio ist diesmal für die Nachmittags-Show eingeplant. Die geht bis etwa 17 Uhr, eine Stunde später ist Fabio wieder zu Hause in Dorsten.

Seit November 2016 wird „Tarzan“ im Metronom-Theater aufgeführt. Am 23. September ist Schluss, dann verlässt das Musical nach zehn Jahren Deutschland. Das steht seit langem fest, „wir haben einen internationalen Spielplan“, erklärt Manuela Wolf. Rund eine Millionen Menschen werden bis dahin in Oberhausen die Geschichte vom Affenmenschen gesehen haben, der als Waisenkind bei Gorillas aufwächst. Und sich eines Tages als junger Erwachsener unsterblich in Jane verliebt.

Als Tarzan beginnt, für die blonde Frau Gefühle zu entwickeln, ist Fabios etwa 25-minütiger Auftritt im ersten Akt schon lange vorbei. Doch bevor er auf die Bühne darf, mit gespielter Schüchternheit an der Liane schwingt, mit Terk, dem buntesten aller Gorillas, singend Quatsch macht und von Affenmutter Kala vor dem grimmigen Familienoberhaupt Kershak beschützt wird, muss Fabio sich aufwärmen.

Vor der Spiegelwand auf der Probebühne macht er Tanzschritte, schlägt auf dem grünen Teppich Purzelbäume und singt sich mit Hingabe ein, während Martin Gallery, der Musikalische Leiter, ihn am Piano begleitet. „Super“, sagt Kim schließlich. Fabio ist bereit und nur „ein klitzekleines Bisschen aufgeregt“.

Warm machen vor dem Auftritt. Vor der Spiegelwand übt Fabio mit seiner Begleiterin Kim ein paar Tanzschritte.

Warm machen vor dem Auftritt. Vor der Spiegelwand übt Fabio mit seiner Begleiterin Kim ein paar Tanzschritte. © Stefan Diebäcker

Anders als seine leibliche Mutter, die später im Publikum sitzt und wie jedes Mal hofft, dass ihrem Sohn nichts passiert. „Ich kann das erst genießen, wenn er wieder von der Bühne ist“, sagt sie in der Pause im Foyer. Insgesamt gibt es während der dreistündigen Show 360 Flugeinsätze, teilweise über den Köpfen der Zuschauer, bei denen laut Stage Entertainment Höhenunterscheide von bis zu 14 Metern überwunden werden. Das Fliegen ist elementarer Bestandteil der Show - auch für den Jungen aus Dorsten.

Fabio lenkt sich nach seinem Auftritt hinter den Kulissen ab, kann etwas essen und trinken und wartet auf seine kurze Gesangseinlage im zweiten Akt. Und auf den Schlussapplaus natürlich, wenn er mit den anderen Darstellern aus aller Welt auf die Bühne darf. „Das ist ein tolles Gefühl.“

„Ich würde gerne bei Mary Poppins mitmachen“

Das hätte der Grundschüler gerne öfter als etwa zweimal im Monat und länger als bis September. Aber Tarzan hat in Oberhausen bald ausgespielt. Und dann? „Ich würde gerne bei Mary Poppins mitmachen“, gesteht Fabio. Dieses Musical läuft allerdings in Hamburg, „da müsste er mit seinen Eltern umziehen“, sagt Manuela Wolf. Denn Stage Entertainment castet für seine Shows nur Kinder aus der jeweiligen Region.

Fabio wird natürlich mit seiner Familie in Dorsten bleiben, bald auf eine weiterführende Schule gehen und auf eine neue Chance hoffen. Vielleicht geht er irgendwann auch mal wieder zum Friseur. Denn die dunklen Haare hat er sich extra für seine Rolle schulterlang wachsen lassen, sagt er. Auch wenn man die auf der Bühne unter der Perücke nicht sieht - ein klein wenig Tarzan muss eben auch im Alltag sein.

Bis zum 23. September wird „Tarzan“ im Metronom-Theater am Oberhausener Centro aufgeführt. Karten kosten zwischen 50 und 120 Euro und können hier bestellt werden. Ab 10. November läuft in Oberhausen „Bat out of Hell“ mit den Erfolgssongs von Meat Loaf.
Lesen Sie jetzt