Frauenarzt zum Babykino-Verbot: „Das Problem sind die Ultraschall-Studios“

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Medizinisch nicht notwendige Ultraschalluntersuchungen bei Schwangeren sind ab 2021 verboten. Gut so, meint der Dorstener Frauenarzt Dr. Thomas von Ostrowski.

Dorsten

, 02.03.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für viele Schwangere ist es inzwischen eine Selbstverständlichkeit, digitale Fotos ihrer ungeborenen Kinder zeigen zu können. Um Babys vor unnötigen Einflüssen durch Ultraschalluntersuchungen zu schützen, ist das sogenannte „Babykino“, also medizinisch nicht notwendiger Ultraschall bei Ungeborenen, ab dem Jahr 2021 verboten.

Dr. Thomas von Ostrowski, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in der Praxis Pränatalmedizin Dorsten, befürwortet das Verbot. Zugleich betont er im Interview, dass richtig eingesetzter Ultraschall nicht gesundheitsgefährdend sei und plädiert für eine zusätzliche gesetzlich vorgeschriebene Ultraschalluntersuchung während der Schwangerschaft.

Kommt es in Ihrem Arbeitsalltag häufig vor, dass Schwangere Fotos ihrer Babys machen lassen wollen?

Jede Schwangere möchte ein Bild zur Erinnerung, das ist doch sehr verständlich. In unserer Praxis und in den meisten anderen Pränatalmedizinischen Abteilungen wird das klassische Babyfernsehen nicht angeboten, weil wir nicht die Zeit dazu haben und es insbesondere keinen medizinischen Mehrwert bietet. In unserer Praxis nutzen wir häufig 3D- oder 4D-Technik, um zu sehen, wie zum Beispiel das Gesicht des Kindes aussieht. Meistens bekommen die Eltern dann auch gerade dieses Bild mit nach Hause.

Was passiert bei einer Ultraschallbehandlung?

Ultraschall ist Schall mit einer Frequenz oberhalb der menschlichen Hörgrenze. Das Kind hört es nicht, auch wenn das häufig behauptet wird. Der Schallkopf sendet kurze Schallwellen aus, die vom Körper reflektiert werden, sogenannte „Echos“. Aufgrund dieser Echos berechnet das Ultraschallgerät ein Schnittbild des Kindes, der Gebärmutter und anderer Strukturen der Mutter. Bei einem 3D-Ultraschall werden viele parallel aufgenommene Bilder zu einem dreidimensionalen Bild aufgebaut. 4D meint dabei das bewegte 3D-Bild.

Was ist gefährlich am Ultraschall?

Die Gefahr sind ultraschallbedingte Temperaturerhöhungen im Körper der Schwangeren. Bei einer normalen Ultraschalluntersuchung wird der beschallte Bereich des Babys um ca. 1 Grad Celsius erwärmt. Bis zu einer Temperatur von 38,5 Grad Celsius ist das unproblematisch. Ein ungeborenes Kind weist eine Körpertemperatur von ca. 37 Grad Celsius auf. Jedes Ultraschallgerät hat eine Warnvorrichtung, mit der man ablesen kann, wie stark das Gewebe erwärmt wird, das ist der sogenannte Thermische Index. Wird ein bestimmter Wert überschritten, wird die Behandlung abgebrochen.

Auch mechanische Einwirkungen der Ultraschallwellen auf die Zellwände können diese schädigen, allerdings stellt dies eine theoretische Gefahr dar. Auf Grundlage dieser Risiken sind Ärzte mit dem Einsatz der Ultraschalldiagnostik sehr vorsichtig und arbeiten nach dem sogenannten ALARA-Prinzip (As Low As Reasonably Achievable), sprich: so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar.

Stimmt es, dass Babys sich teilweise sichtbar von der Strahlenquelle abwenden?

Das ist nicht bewiesen. Wir wissen aus der Embryonal- und Fetalforschung, dass Babys im Mutterleib vor der 24. Schwangerschaftswoche keine fetale Wahrnehmung haben - weder bewusst oder unbewusst. Des Weiteren besteht eine fortwährende Dämpfung des Ungeborenen, weil die Plazenta dämpfende und narkotische Substanzen produziert. Das bedeutet, dass Babys sich in einer Art Dauerschlaf befinden. Was an kindlichen Bewegungen beobachtet bzw. gespürt wird, sind Reflexe. Es gibt Reaktionen, aber die werden eher durch den Druck des Schallkopfes auf den Bauch der Mutter hervorgerufen.

Medizinisch nicht notwendiges „Babykino“, also Ultraschall bei Ungeborenen im Mutterleib, ist ab 2021 verboten.

Medizinisch nicht notwendiges „Babykino“, also Ultraschall bei Ungeborenen im Mutterleib, ist ab 2021 verboten. © dpa

Was ist Ihre Meinung zum Babykino-Verbot?

Ich halte es für korrekt. Das Thema ist von den Medien allerdings ein bisschen überbewertet worden. Natürlich dürfen im Rahmen der drei gesetzlich vorgesehenen Ultraschalluntersuchungen oder den darüber hinaus notwendigen Untersuchungen weiterhin das Gesicht oder andere Strukturen des Kindes in der 3D-Technik gezeigt werden. Erinnerungsfotos für die Eltern wird es natürlich weiterhin geben.

Wo ist dann das Problem?

Das Problem sind Ultraschall-Studios, wie es sie in einigen Großstädten gibt. Häufig sind diese Studios nicht von Ärzten betrieben und ihr Sinn besteht einzig darin, schöne Fotos zu erstellen, die keinen medizinischen Mehrwert haben. Da wird womöglich das ungeborene Kind über einen längeren Zeitraum beschallt, um ein besonders schönes Bild zu bekommen.

Wir Ärzte sind uns sicher, dass Ultraschall keine Gesundheitsbelastung für das ungeborene Kind darstellt, solange er von Ärztinnen und Ärzten eingesetzt wird und ein Bewusstsein über mögliche Gefahren sowie Kontrolle besteht. Intensive Forschungsarbeiten untermauern diese Meinung, aber es ist eben nicht alles bewiesen und deshalb sind zum Beispiel solche Studios problematisch einzustufen. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt.

Mich wundert allerdings, dass jetzt das Verbot kommt, ohne dass die Mutterschaftsrichtlinien angepasst werden.

Was stimmt nicht mit den Mutterschaftsrichtlinien?

Sie entsprechen nicht mehr dem Stand der Wissenschaft und müssen novelliert werden. Die drei gesetzlich vorgesehenen Ultraschalluntersuchungen sind nicht mehr Stand der Dinge. Die letzte Ultraschalluntersuchung findet in der 32. Schwangerschaftswoche statt. Das ist ein Zeitpunkt, wo manche Unterfunktion des Mutterkuchens sich erst entwickelt und im ungünstigsten Fall unentdeckt bleibt. Es wäre deshalb sinnvoll, zum Beispiel einen zusätzlichen Ultraschall zu einem späteren Zeitpunkt in der Schwangerschaft einzuführen.

Übers Internet kann man sich heutzutage Ultraschallgeräte leihen und nach Hause liefern lassen. Wie bedenklich sind solche Angebote aus medizinischer Sicht?

Höchst bedenklich, weil Schwangere fast immer Ultraschall-Laien sind. Da kann es leicht passieren, dass ein Kind zu lange beschallt wird. Das kann zu kurzfristigen Temperaturerhöhungen von 4 bis 5 Grad Celsius führen, sofern nur auf eine Körperregion fixiert wird, wie beispielsweise das kindliche Gesicht.

Ich habe mal einen Fall erlebt, da hat sich eine Schwangere ein Ultraschallgerät geliehen und war von den Fotos dann so irritiert, dass sie direkt einen Termin bei uns vereinbart hat. Sie war in Sorge, weil sie die Bilder nicht deuten konnte und hat hinterher gesagt, dass sie so etwas nie wieder tun würde.

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