Gastro-Lockdown und Finanzhilfe: „Ganz große Katastrophe für uns“

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Mit Milliarden soll Gastro-Betrieben durch den zweiten Lockdown geholfen werden. Aber die Finanzhilfen haben ihre Tücken und die Ungewissheit ist weiter groß.

Dorsten

, 06.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die erste Woche „Lockdown light“ ist schon fast rum und war für Gastronomen in Dorsten mal wieder geprägt von Existenzangst und quälender Ungewissheit. Zwar wurden vorab rund 10 Mrd. Euro Finanzhilfen für betroffene Betriebe in Deutschland in Aussicht gestellt. Wie das genau ablaufen soll, war aber lange unklar.

Iris Koczwara vom Vegan-Restaurant Cookie‘s Veggies erzählt im Gespräch, wie viel Verlust sie in diesem Jahr bereits gemacht hat. Die Zahlen möchte sie nicht öffentlich machen: „Wenn ich die Zahlen nur sage, schießen mir schon die Tränen in die Augen“, sagt sie. „Das ist alles eine ganz große Katastrophe für uns.“

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Bis Donnerstag waren kaum Details zu den außerordentlichen Wirtschaftshilfen für die vom zweiten Lockdown betroffenen Betriebe bekannt. Es hieß bis dato nur, dass bis zu 75 Prozent des November-Umsatzes aus 2019 erstattet werden. „Das kann man so gar nicht berechnen“, meint Koczwara und nennt das Beispiel Betriebsferien. Wer 2019 im November geschlossen hatte, dem fehlten auch Einnahmen, die nun anteilig erstattet werden können.

Keine Finanzhilfe im Juni wegen zu viel Umsatz

Das Cookie‘s Veggies macht jedes Jahr im Juni Betriebsferien. Nur dieses Jahr nicht. „Ich kann ja nicht aus dem Lockdown kommen und direkt in die Ferien gehen, ich bin doch auf die Einnahmen angewiesen“, sagt Iris Koczwara. Weil die überschaubaren Juni-Einnahmen in diesem Jahr die vom Juni 2019 (0 Euro wegen Betriebsferien) aber überstiegen, habe sie keine zweite Finanzhilfe erhalten, sagt Koczwara.

Zuletzt hat sie in den Betrieb investiert und einen Catering-Service aufgebaut. Der steht nun still, alle Buchungen sind storniert und sämtliche Anzahlungen erstattet. Die November-Einnahmen in diesem Jahr wären mit Catering höher gewesen als im Vorjahresmonat, die Kalkulation für 2020 ist eine ganz andere als die für 2019. „Wenn, dann müsste man das mit einem Jahresdurchschnitt berechnen“, sagt Koczwara.

Bundesregierung gibt Details bekannt

Am Donnerstagabend gab die Bundesregierung dann Details zum Zuschussprogramm bekannt: Mit der Novemberhilfe werden Zuschüsse pro Schließungswoche in Höhe von 75 Prozent des durchschnittlichen wöchentlichen Umsatzes im November 2019 gewährt. Ausnahmen gibt es für Unternehmen, die nach Oktober 2019 den Betrieb aufgenommen haben, und Solo-Selbstständige.

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November-Umsätze, die trotz grundsätzlicher Schließung erzielt werden, werden bis zu einer Höhe von 25 Prozent des Vergleichsumsatzes nicht angerechnet. Bei Restaurants ist die Erstattung auf Umsätze mit vollem Mehrwertsteuersatz (im Restaurant verzehrte Speisen) begrenzt. Im Gegenzug werden Umsätze aus dem Außer-Haus-Geschäft aus der Gesamtrechnung ausgenommen, damit Betriebe dieses Krisengeschäft ausweiten.

Wie lohnenswert das To-Go-Geschäft ist, hängt auch vom jeweiligen Betrieb ab. Bei manchen rechnet es sich einfach nicht, den Kostenapparat wieder anzuschmeißen, um dann im Zweifel nur ein paar Gerichte loszuwerden.

Stefan Finke (l.), Chef des Rhader Restaurants Zur Alten Mühle und hier auf einem Archivbild zu sehen, ist das Lachen längst vergangen. Für ihn ist der erneute Gastro-Lockdown „purer Aktionismus".

Stefan Finke (l.), Chef des Rhader Restaurants Zur Alten Mühle und hier auf einem Archivbild zu sehen, ist das Lachen längst vergangen. Für ihn ist der erneute Gastro-Lockdown „purer Aktionismus". © Anke Klapsing-Reich (A)

„Ich glaube das alles sowieso erst, wenn das Geld auf dem Konto ist“, sagte am Donnerstagvormittag Stefan Finke, Chef des Rhader Restaurants Zur Alten Mühle.

Da waren die Details zur Finanzhilfe noch nicht bekannt und Finke befürchtete, mit seinem Liefer- und Abholservice am Ende womöglich noch schlechter dazustehen als Betriebe, die im November komplett geschlossen haben: „Sollte es so sein, dass die, die zumachen, das dicke Geld kriegen und die, die sich weiter den Hintern aufreißen, benachteiligt werden, weil die Einnahmen angerechnet werden, mache ich morgen zu.“

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