Geheimes Corona-Lager sichert die Notversorgung in Dorsten (mit Video)

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Um dieses Corona-Lager wird Dorsten beneidet: Atemschutzmasken, Schutzanzüge und Hygienemittel hat die Stadt an geheimen Orten für die Notversorgung gebunkert. Aber auch Leichensäcke.

Dorsten

, 24.04.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Weg führt durch feuerfeste Türen. Mit einem Aufzug geht es in den Keller und weiter durch einen gut beleuchteten Flur. Eine kleine Kamera zeichnet auf, wer hier vorbeikommt, auch Bewegungsmelder soll es geben. Karsten Meyer öffnet mit einem Schlüssel eine schwere Stahltür ohne Klinke, drückt auf den Lichtschalter.

Über 200.000 unterschiedliche Atemschutzmasken

Ziel erreicht: Dorstens geheimes Corona-Lager. „Mit diesen Beständen sichern wir die Notversorgung in der Stadt“, erklärt Karsten Meyer mit Blick auf die Regale. Von einem großen Blatt liest er die aktuellen Lagerbestände ab: „Über 200.000 unterschiedliche Schutzmasken oder Mund-Nasen-Schutz, mehrere tausend Liter Hand- und Flächendesinfektion, über 2000 Schutzanzüge.“

Transportboxen, Schutzbrillen, Drucksprüher, Spritzschutzmasken, Handseife und Desinfektionsspender lagern ebenfalls in dem fensterlosen Raum. Und 100 Leichensäcke. „Die werden wir hoffentlich nie benötigen“, sagt Meyer.

Der Chef des Freizeitbades Atlantis ist Mitte März zum Leiter einer zentralen Logistikeinheit im „Stab außergewöhnlicher Ereignisse“ ernannt worden. „So etwas gibt es nur bei der Kreisverwaltung und in Dorsten“, sagt er. Sein Auftrag: rechtzeitig Hygieneartikel und Schutzausrüstung beschaffen. Oder wie es Bürgermeister Tobias Stockhoff ausdrückt: „Ziel ist es immer, vor die Lage zu kommen. Das heißt, wir schauen heute, was morgen passieren kann, um dafür gut vorbereitet zu sein.“

Bestellungen mit Vorkasse in China zu riskant

Karsten Meyer hat nach der Schulzeit eine Lehre im Groß- und Außenhandel absolviert und wusste noch „ein bisschen, wie das mit dem Im- und Export funktioniert“. Er beantragte eine Einfuhrnummer beim Zoll und sondierte mit seiner Kollegin Nicole Krause die Lage. „Wir haben eine Bestellung direkt beim Hersteller in China platziert und festgestellt, dass das sehr riskant ist.“

Aus China und über zwei Zwischenhändler hat Karsten Meyer Zehntausende FFP2-Masken geliefert bekommen.

Aus China und über zwei Zwischenhändler hat Karsten Meyer Zehntausende FFP2-Masken geliefert bekommen. © Stefan Diebäcker

Der Transport von China über Russland bis zum Frankfurter Flughafen birgt eine Menge Unwägbarkeiten, weil bereits bezahlte Lieferungen oftmals aus „öffentlichem Interesse“ beschlagnahmt werden. So wurde jeder Bestellung ein zweisprachiges Schreiben des Bürgermeisters mit offiziellem Stadtsiegel beigefügt, in dem bestätigt wird, dass die Waren für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, vor allem für die medizinische Sicherheit bestimmt sind.

Mit Zwischenhändlern das Risiko minimiert

Um das finanzielle Risiko für die Stadt auszuschließen, suchte sich Meyer gezielt zwei Zwischenhändler mit guten Kontakten in China, bei denen er in Vorkasse ging, aber das Haftungskapital der Gesellschaft beansprucht hätte, wenn die Lieferungen nicht in Dorsten angekommen wären. „Das war ein bisschen Glaskugel, aber es hat gut funktioniert. Bislang hatten wir noch keinen Lieferausfall und haben alles bekommen, was wir bezahlt haben.“

Ein zweisprachiger Brief mit Unterschrift des Bürgermeisters und Stadtsiegel bestätigte, dass die Waren für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bestimmt waren.

Ein zweisprachiger Brief mit Unterschrift des Bürgermeisters und Stadtsiegel bestätigte, dass die Waren für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bestimmt waren. © Stefan Diebäcker

Ärzte, Schulen und Rettungsdienste werden ausgerüstet

Aus dem üppig bestückten Corona-Lager, das kaum eine Stadt in der Größe Dorstens vorweisen kann, werden bei Engpässen u.a. Ärzte, Pflegeheime und Banken, Feuerwehr und Rettungsdienst, alle Schulen und Kindergärten sowie die städtischen Einrichtungen versorgt. „Das Krankenhaus hat sich noch nicht gemeldet“, bestätigt Meyer, „aber wir könnten binnen einer Stunde 5000 FFP2-Masken liefern, wenn es dort eng würde.“

Lange Zeit hat die Stadt Dorsten die Bestände geheim gehalten, inzwischen geht das nicht mehr. Nur der exakte Ort darf nicht verraten werden, auch wenn es reichlich Sicherheitsvorkehrungen gibt. „Händler sagen ihren Kunden, wir können nicht so schnell liefern, aber fragt doch mal in Dorsten nach“, berichtet Meyer mit einem Schmunzeln.

„Der Kreis Soest hat schon zweimal um Amtshilfe gebeten, weil niedergelassene Ärzte nichts mehr hatten und die medizinische Versorgung nicht weiter hätte sichergestellt werden können.“ Andere Städte und Gemeinden fragen, ob Meyer nicht auch für sie eine Bestellung aufgeben könne.

In einem Außenlager sind spezielle Schutzanzüge und Atemschutzmasken u.a. für Feuerwehrleute und den Rettungsdienst untergebracht.

In einem Außenlager sind spezielle Schutzanzüge und Atemschutzmasken u.a. für Feuerwehrleute und den Rettungsdienst untergebracht. © Stefan Diebäcker

Seine eigentliche Aufgabe, die Notversorgung in Dorsten kontinuierlich sicherzustellen, hat Meyer binnen weniger Wochen vorläufig erfüllt. „Sollten die üblichen Lieferketten in der Corona-Krise versagen, müssen wir in der Lage sein, Dorsten am Laufen zu halten. Das sind wir.“

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