Handwerksbetriebe in Dorsten suchen händeringend Auszubildende: 158 Stellen sind noch frei

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Dorstens Handwerks- und Ausbildungsbetriebe haben viel zu bieten: 158 freie Ausbildungsplätze. 152 Dorstener Jugendliche suchen eine Stelle. Sie passen aber nicht zum Stellenangebot.

Dorsten

, 08.08.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Vanessa de Ryck 2013 ihre Ausbildung als Fleischereifachverkäuferin bei Edeka abschloss, konnte sie unter den Stellenangeboten im Kreis Recklinghausen auswählen. Die 26-Jährige aus Maria Veen entschied sich für einen Dorstener Arbeitgeber: Sie ist seitdem an der Verkaufstheke der Fleischerei Bellendorf in der Essener Straße tätig. Vanessa de Ryck sagt: „Ich habe meine Berufswahl nie bereut.“

Vanessa de Ryck ist eine gute Werbebotschafterin für Ausbildungsberufe. Doch damit kann sie bei jungen Leuten in Dorsten wohl kaum punkten. Denn viele zieht es nicht in die Ausbildungsbetriebe, sondern an die Universitäten oder Fachhochschulen. Oder an die weiterführenden Schulen, um den höchstmöglichen Abschluss zu schaffen.

Informationen für junge Leute: Agentur für Arbeit Dorsten, Kappusstiege 13-15, 46282 Dorsten, Tel. (0800) 4 5555 00. Dieser Anruf istkostenfrei. Die Agentur ist erreichbar montags von 8 bis 12.30 Uhr, dienstags von 8 bis 12.30 Uhr, mittwochs von 8 bis 12.30 Uhr, donnerstags von 8 bis 12.30 Uhr und von 13.30 Uhr bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 12.30 Uhr.

„Wir haben in Dorsten noch 158 freie Ausbildungsplätze in allen Bereichen zu bieten, vor allem im Einzelhandel, im Verkauf, im Lebensmittelgeschäft oder im Handwerk“, sagt die Sprecherin der Arbeitsagentur in Recklinghausen, Cordula Cebulla. Demgegenüber stünden 152 Stellenbewerber in Dorsten: „Aber die passen nicht zum Stellenangebot, das ist ein bekanntes Matchingproblem“, so Cebulla.

Dringender Rat: Einen Termin in der Berufsberatung machen

Mit Matchingproblem umschreibt die Agentursprecherin, dass die Arbeitsplatzanforderungen sowie persönlichen Eigenschaften und Kompetenzen der Bewerber nicht harmonieren. Cebulla rät allen Schulabsolventen, die keine Vorstellung oder nur vage Vorstellungen von ihrem Wunschberuf haben, die Berufsberatung der Arbeitsagentur in Anspruch zu nehmen. „Es gibt so viele Ausbildungsberufe vor allem durch die neuen Technologien und die Digitalisierung. Viele kennen die Vielzahl der Angebote gar nicht“, sagt Cebulla.

Junge Leute neigten dazu, dem Rat der Eltern zu folgen oder den Vorschlägen von Freunden: „Eltern empfehlen ihren Kindern oft, weiter die Schule zu besuchen, um den höchstmöglichen Abschluss zu erreichen. Manchmal passt das aber gar nicht zu den persönlichen Möglichkeiten und Bedürfnissen ihrer Kinder.“ Und auch die besten Freunde seien nicht zwingend die besten Ratgeber, wenn es um die Berufswahl geht: „Es gibt 330 Ausbildungsberufe in Deutschland. Das wissen viele gar nicht“, sagt Cebulla.

Arbeitgeber werben kreativ um den Nachwuchs

In ihrer Not, die freien Ausbildungsstellen zu besetzen, gehen viele Arbeitgeber mittlerweile kreativ zu Werke. Cordula Cebulla: „Sie sprechen zum Beispiel gezielt Studienabbrecher an.“ Etwa ein Drittel der Studenten wirft in den ersten Semestern an der Fachhochschule oder Universität das Handtuch, weil die Fachrichtung nicht mit den persönlichen Möglichkeiten korrespondiert. Dann ist die Ratlosigkeit oft groß. Eine duale Ausbildung, Arbeit und Studium, könnte die Rettung sein.

Josef Bellendorf, Vanessa de Rycks Chef, hat Mittel und Wege gefunden, fachlich gut geeignetes Personal für seine Betriebe zu finden: „Es geht nichts über persönliche Kontakte.“ Bellendorf hat eine Verkäuferin, die einen guten Draht zu einer Jugendlichen aus Duisburg hat. Die wurde neugierig und ist jetzt als Praktikantin in der Metzgerei Bellendorf tätig. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei uns eine Ausbildung beginnt“, sagt Bellendorf.

Einen Gesellen konnte er nach dem Meisterbrief, den der junge Mann erworben hatte, ebenfalls wieder für sein Unternehmen zurückgewinnen. Auch hier hätten sich die persönlichen Kontakte als nützlich erwiesen. Bellendorf sieht aber auch, dass das Handwerk echte Nachwuchsprobleme hat. „Es ist kein Geheimnis, dass es für die Handwerksbetriebe schwierig ist, junge Leute zu gewinnen.“ Schwarzsehen möchte Bellendorf aber nicht: „Alle Berufe erfinden sich immer wieder neu. Ich habe Anfang des Jahres eine Ausbildung zum Fleisch-Sommelier absolviert.“

Ein noch selten in Anspruch genommener Werdegang, der es aber in sich hat. Metzgermeister Josef Bellendorf ist jetzt auch Spezialist für die Beratung von Kunden, deren Zungen immer feiner werden und die den besonderen Geschmackskick im Fleischer-Fachbetrieb suchen. Sommeliers sind gut geschulte Kenner des Genussmittels Fleisch.

Ob man dem Nachwuchs damit den Mund wässrig machen kann? Cordula Cebulla meint: „Die Ausbildungsberufe sind attraktiver für die Bewerber geworden, man kann aber noch nicht davon sprechen, dass es ein Umdenken auf breiter Basis gibt.“ Hier gebe es noch viel Beratungsbedarf.

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