Jennifer Schug: „Ich kann es nicht ertragen, wie es in Dorsten manchmal läuft“

hzInterview

Jennifer Schug ist die designierte Bürgermeister-Kandidatin der SPD Dorsten. Sie gilt als Außenseiterin im Wahlkampf, aber auch als Gegenentwurf zu Amtsinhaber Tobias Stockhoff. Eine Chance?

Dorsten

, 05.01.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Anfang Februar werden die Dorstener Sozialdemokraten ihre Bürgermeister-Kandidatin offiziell küren. Jennifer Schug (45) ist vom Parteivorstand nominiert worden, ein Gegenkandidat ist nicht in Sicht.

Die Mutter von drei Kindern bereitet sich deshalb schon auf den Wahlkampf vor – und blickt im Interview auch auf ihre bisherige Arbeit bei der SPD zurück.

Das Facebook-Portal „We love Dorsten“ hat Sie kürzlich als „Hausfrau von Hervest“ bezeichnet. Wie finden Sie das?

(lacht) Ich hatte überlegt, Sie in Schürze zu empfangen … Im Ernst: Das ist sexistisch und nicht das Niveau, auf das ich mich begebe. So bin ich nicht, darauf habe ich keine Lust. Das ist eine Sprache in AfD-Manier, die nur Schlechtes bringt.

Warum wollen Sie eigentlich Bürgermeisterin von Dorsten werden?

Wenn man sich meine Geschichte in der Politik anschaut, ist das der nächste, logische Schritt, der kommt – und der auch kommen muss. Ich war bis vor etwa sechs Jahren Bürger und Wähler wie jeder andere. Dann habe ich mit anderen für den Erhalt der Wichernschule gekämpft und angefangen, mich ernsthaft mit Kommunalpolitik zu beschäftigen. Ich bin in jede Sitzung des Schulausschusses und des Rates gegangen und habe gemerkt, dass ich es nicht ertragen kann, wie es in Dorsten manchmal läuft.

Jennifer Schug: „Ich kann es nicht ertragen, wie es in Dorsten manchmal läuft“

Jennifer Schug (M.) engagierte sich einst für den Erhalt der Wichernschule im Marienviertel. Das weckte ihr Interesse an Kommunalpolitik. © Claudia Engel (A)

Sie haben damals gesagt, dass Sie den Hang haben, sich einzumischen.

Genau, so war ich schon immer. Nicht als Politikerin, aber als Klassen- und Schulsprecherin am Petrinum zum Beispiel. Das hat sich nicht geändert. Wenn es um objektive Ungerechtigkeit oder Missstände geht, engagiere ich mich. Jetzt bin ich Sachkundige Bürgerin im Schulausschuss und manchmal baff, wie viel Verbesserungspotenzial es da gibt. Um es mal positiv auszudrücken …


Ihre politische Karriere ist kurz, aber sehr steil verlaufen.

Ich bin aber nicht vor vier Jahren in die SPD eingetreten, um politisch Karriere zu machen, sondern weil die SPD mir von meinem Werten am nächsten steht. Nah an den Menschen zu sein, das ist mir wichtig. Da ist auch bei der SPD sicherlich noch Luft nach oben. Ich habe als Parteivorsitzende in den letzten Jahren versucht, die Partei zu verändern. Und dabei natürlich immer mehr Einblick bekommen in die Politik vor Ort.


Sie sind sehr schnell Parteichefin in Dorsten geworden. Glück gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, weil die SPD ein Führungsproblem hatte?

Man muss sicherlich immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ich bin ja nicht in die SPD eingetreten, weil es gut läuft, sondern weil es nicht gut läuft. So sehe ich das immer noch. Ich habe mich auch ganz bewusst als Beisitzerin für den Landesvorstand beworben. Das war wichtig, um Einblicke zu bekommen. Aber was mir Spaß macht und wo ich unmittelbar etwas erreichen kann, ist hier vor Ort. Da sehe ich meine Stärken.

Sie sind 2017 angetreten, die SPD in Dorsten zu verändern. Wie weit sind Sie auf diesem Weg?

Die Erneuerung der SPD ist ja keine Erfindung von mir, sondern sie war in aller Munde. Ich habe niemals gedacht, dass das so lange dauert. Es ist nicht einfach, Dinge zu verändern, die viele Jahre auch in Dorsten auf eine gewisse Art gemacht wurden. Erneuerung tut auch weh, man muss ja etwas anders machen. Das ist etwas, was auch kritisch gesehen wird, und deshalb hat das auch so lange gedauert.

Was haben Sie denn verändern können?

Personell haben wir den Stadtverbandsvorstand fast vollständig erneuert.

Stichwort: jünger und weiblicher …

Ja, wobei „weiblich“ eine Herausforderung ist, denn es gibt ja nicht so viele Frauen in der Politik. Und dieser Slogan stammt auch nicht von mir, sondern von der Bundes-SPD. Wenn „weiblicher“ bedeutet, dass Männer den Platz freimachen müssen, hört der Spaß für einige Männer irgendwann auf.

Die personelle Veränderung muss ja nicht bedeuten, dass alles sofort besser läuft, aber es gibt neue Ideen, neue Wege, Dinge anzugehen. Und ja: Wir sind tatsächlich jünger und weiblicher geworden.

Jennifer Schug: „Ich kann es nicht ertragen, wie es in Dorsten manchmal läuft“

Als Beisitzerin im SPD-Landesvorstand bekommt Jennifer Schug (hier mit NRW-Parteichef Sebastian Hartmann) mehr Einblick in die Politik. Ihr vorrangiges Betätigungsfeld sieht sie aber in Dorsten. © SPD

Macht Politik Spaß?

Ja, wir arbeiten gut zusammen, verstehen uns gut im Vorstand. Das gehört auch dazu, wir machen das ja komplett ehrenamtlich. Manche mögen das nicht, wenn ich das sage, aber ich mache das auch, weil es Spaß macht. Ich habe drei Kinder, viel zu tun, könnte auch in meinen alten Beruf einsteigen. „Spaß“ geht aber nicht weit genug. Es ist mir ein Anliegen, das zu machen: etwas für die Menschen in dieser Stadt zum Positiven zu verändern.

Sind Sie Idealistin?

Ja, aber ich bin nicht naiv. Ich möchte die Welt verbessern (lacht), aber das schaffe ich im Moment natürlich nicht, also fange ich mit Dorsten an. Ernsthaft: Ich habe ganz viele Sachen, von denen ich glaube, dass man sie besser machen muss.

Ein Beispiel?

Bei der geplanten Digitalisierung der Schulen sind die Betroffenen meines Erachtens nicht vernünftig eingebunden worden. Da wird im letzten Schulausschuss als Tischvorlage ein Zeitplan präsentiert, demzufolge das Petrinum ein Jahr lang auf Ebene 1 keine Tafeln hätte. Wie kann das sein?

Wenn man über den Offenen Ganztag redet – warum nimmt man die Träger nicht mit dazu und fragt, wie der aktuelle Bedarf und die Situation vor Ort ist? Die Stadtverwaltung neigt dazu, immer erst alles zu regeln mit Rückendeckung der politischen Mehrheit und dann nachzufragen. Da fehlt mir eindeutig die Transparenz.


Die Bürgerbeteiligung in Dorsten ist in den letzten Jahren aber deutlich ausgeweitet worden.

Ja, das finde ich gut, aber es geht mir noch nicht weit genug. Was in Stadtteilkonferenzen besprochen wird, ist nicht bindend und somit keine echte Mitbestimmung. Es geht letztlich um die Frage, wie man miteinander umgeht, es geht um Teamarbeit zwischen Stadt und Bürgern. Da ist man immer besser als alleine. Da sehe ich noch viel Verbesserungspotenzial.

Sie sind Sachkundige Bürgerin im Schulausschuss, aber sonst nicht im Tagesgeschäft der Kommunalpolitik und somit in manchen Themen auch nicht so „drin“. Ist das ein Nachteil, auch mit Blick auf Ihre Kandidatur?

Nein, ich bin in jeder Fraktions- und Vorstandssitzung und somit auch in den Themen. Im Prinzip gibt die Partei ja die Linie vor und die Fraktion setzt sie um. Das wurde aber in der Vergangenheit nicht immer so gelebt.

Die Revolution in der SPD-Fraktion ist ja vor nicht allzulanger Zeit gescheitert …

Das sagen Sie, aber: Die Fraktion ist ja vom Bürger gewählt worden. Und die wird erst nächstes Jahr neu gewählt. Inhaltlich ist das nicht immer einfach, aber ich bin nicht in der Fraktion und muss mich dann auch beugen. Das nennt sich innerparteiliche Demokratie, die gilt natürlich auch für mich. Aber trotzdem erlaube ich mir auch manchmal, eine andere Meinung zu vertreten.

Wahlkampf ist zeitaufwändig, das Amt des Bürgermeisters erst recht. Wie haben Sie eigentlich der Familie Ihre Pläne beigebogen?

Meine Kinder (15, 12 und 10) werden älter und die Situation zu Hause wird etwas entspannter. Sie alle brauchen noch Hilfe und Unterstützung, aber für den Wahlkampf nehme ich mir die Zeit. Ich habe das den Kinder erklärt, auch was auf sie zukommen kann und dass ich das gerne machen möchte. Sie tragen das mit, meine Eltern springen bei Bedarf zum Glück ein. Mein Mann war nicht von Anfang an begeistert, aber auch er sieht ja, dass mich das gepackt hat und ich es machen möchte. Er steht hundertprozentig hinter mir. Er ist mein wichtigster Berater – und auch Kritiker.

Und wie wollen Sie gegen Tobias Stockhoff die Wahl gewinnen?

Indem wir einen guten Wahlkampf machen, etwas anders als bisher. Das planen wir gerade, zwei Klausurtagungen hatten wir bereits. Wir werden ein paar konkrete Themen haben, die ich jetzt aber noch nicht verrate, die wir als Partei, aber auch ich als Person nach vorne bringen. Ansonsten versuche ich, die Menschen so gut und so oft wie möglich zu erreichen über unterschiedliche Wege. Ich stehe mitten im Leben und bin keine Parteipolitikerin im klassischen Sinne.

Ich kenne ganz viele Sorgen und Nöte der Menschen. Und ich glaube, dass meine Vision vom Zusammenleben in Dorsten etwas ist, was den Menschen mehr Lebensqualität und ein besseres Leben bringen würde.

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