Kindeswohlgefährdung: Wann das Jugendamt eingreift - und was dann passiert

Kinderschutz beim Jugendamt

Ein Dorstener Kind überlebt schwer misshandelt, ein anderes stirbt an den Folgen seiner Verletzungen: Hätte das verhindert werden können? Und wann greift das Jugendamt eigentlich ein?

Dorsten

, 01.03.2019, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min
Kindeswohlgefährdung: Wann das Jugendamt eingreift - und was dann passiert

Die Mutter und Stiefvater des Zweijährigen bei ihrer Gerichtsverhandlung im Januar 2019: Der Mann hatte das Kind lebensbedrohlich verletzt und wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. © Jörn Hartwich

Wann greift das Jugendamt bei mutmaßlichen Kindeswohlgefährdungen ein? Diese Frage stellt sich immer dann, wenn Fälle von Kindesmisshandlungen Schlagzeilen machen.

In zwei Dorstener Fällen von Kindesmisshandlungen wurden beide Täter Anfang 2019 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Ende 2016 holten Mitarbeiterinnen des Jugendamtes einen Zweijährigen aus der Dorstener Wohnung seiner Mutter und seines Stiefvaters. Das Kind hatte schwerste Hirnverletzungen, blaue Flecken am ganzen Körper, ein Bein gebrochen. Es war im lebensbedrohlichen Zustand, als ihn die Jugendamtsmitarbeiterinnen vor der Gewalttätigkeit seines Stiefvaters retteten.

Der dreijährige Lukas (*Name von der Redaktion geändert), ein weiteres Kind, auf das das Jugendamt Dorsten ein Auge hatte, hatte nicht so viel Glück: Er starb an den Folgen seines Schütteltraumas. Die tödlichen Verletzungen fügte ihm ein Freund seiner Mutter zu. Die Mutter war mit dem Kind aus Dorsten in eine Nachbarstadt gezogen, wo ihr neuer Mann lebte und hatte sich so dem Zugriff des Dorstener Jugendamtes entzogen.

Wir fragten beim Dorstener Jugendamt nach, wann das Jugendamt eingreift und was bei mutmaßlichen Gefährdungen von Kindern anschließend folgt.

? Wie sieht der Handlungsfaden für Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes bei mutmaßlichen Kindeswohlgefährdungen aus?

Werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung bekannt, agieren diese immer nach einem gleichen festgelegten Schema. Dabei werden die Vorgaben, die bereits im § 8a SGB VIII (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung) benannt werden und das weitere verpflichtende Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darstellt, berücksichtigt.

Der Ablauf sieht vor, dass zunächst die eingehenden Informationen im Zusammenwirken weiterer Fachkräfte ausgewertet und im Anschluss Absprachen zur Vorgehensweise der Überprüfung getroffen werden. Kann eine akute Kindeswohlgefährdung nicht ausgeschlossen werden, erfolgt eine umgehende Überprüfung der Meldung durch zwei erfahrene Fachkräfte im Vieraugenprinzip. Hierbei ist die Inaugenscheinnahme des Kindes ein wesentlicher Bestandteil der Überprüfung.

Dies führt oftmals dazu, dass eine Überprüfung bei einem Hausbesuch geschieht. Nach Möglichkeit soll im Zusammenspiel mit den Sorgeberechtigten diese Überprüfung erfolgen. Dabei werden ihnen auch Jugendhilfeangebote dargestellt und Unterstützung angeboten.

Sind eindeutige Hinweise auf akute Kindeswohlgefährdung festgestellt worden und Eltern nicht in der Lage oder mitwirkungsbereit, den Schutz des Kindes zu gewährleisten, wird eine Herausnahme als letztes Mittel unvermeidbar.

? Inwieweit sind die Mitarbeiter des Jugendamtes geschult, Misshandlungen oder Missbrauch zu erkennen?

Da wöchentlich mehrfach Meldungen beim ASD eingehen, war es wichtig, uns in diesem Bereich gut aufzustellen. Aus diesem Anlass wurden im vergangen Jahr nahezu die gesamten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes der Stadt Dorsten in einer Qualifizierungsmaßnahme zu zertifizierten Kinderschutzfachkräften ausgebildet.

? Welche Indizien sprechen für eine Herausnahme der Kinder und Jugendlichen aus der Familie?

Indikatoren können Hämatome, Platzwunden, apathische Verhaltensauffälligkeiten sein. Zur weiteren Abklärung holen wir uns in solchen Fällen auch oftmals Unterstützung durch Ärzte und Kinderschutzambulanzen. Insbesondere bei der Abklärung zur Entstehungsgeschichte von Verletzungen sind diese sehr hilfreich.

Grundsätzlich ist aber auch entscheidend, wie die Einsichtsfähigkeit und Mitwirkungsbereitschaft von Erziehungsberechtigten ist. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen hierbei überprüfen, inwieweit Eltern in der Lage und gewillt sind, für ausreichenden Schutz ihres Kindes zu sorgen. Verweigern Eltern hierbei ihre Mitwirkung, bleibt nur noch die Herausnahme.

? Wie reagiert das Jugendamt auf telefonische Hinweise von Ärzten oder Angehörigen, die eine Kindeswohlgefährdung beobachtet haben?

Jeder eingehende Hinweis wird ernstgenommen, bewertet und überprüft. Hierbei spielt der Zugang keine Rolle. Das bedeutet, dass einer anonymen Meldung genauso nachgegangen wird, wie der Meldung eines Arztes, Angehörigen oder aufmerksamen Mitbürgers. Und im Zweifel überprüfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Sinne des Kinderschutzes lieber einmal zu viel.

? Wie viele Kinder wurden 2018 wegen Kindeswohlgefährdung aus ihren Familien herausgenommen?

Im Jahr 2018 wurden in Dorsten 37 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Das bedeutet nicht, dass alle diese Kinder und Jugendlichen vor Gewalt und Missbrauch geschützt werden mussten. Vielmehr können auch individuelle Problemlagen zu akuten Gefährdungen führen, die das Eingreifen des Jugendamtes unumgänglich machen.

Gründe können hierfür zum Beispiel Flucht, Sterbefälle oder plötzlich auftretende Krankenhaus- oder Kuraufenthalte von Eltern sein. Somit verbirgt sich hinter jeder Inobhutnahme immer eine Notsituation. Diese muss aber nicht immer zwangsläufig mit einer grundsätzlichen Vernachlässigung oder Gewalterfahrung einhergehen. Manchmal ist es einfach die Unversorgtheit durch Ausfall der Eltern und fehlendem sozialen Netzwerk.

? Wie werden Familien oder Alleinerziehende betreut, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind?

Oftmals sind durch vielschichtige Problemlagen der Eltern Schieflagen entstanden, die direkte Auswirkung auf die Erziehungsfähigkeit haben. Arbeitslosigkeit, finanzielle Not, drohender Wohnungsverlust können Gründe sein, die zu einer Überforderungssituation von Eltern führen und zugewandtes und konsequentes Erziehungsverhalten erschweren.

Erkennen Eltern ihre Situation und die damit verbundenen Auswirkungen für das Kind, bietet das Jugendhilfeangebot Eltern gute Möglichkeiten, Schieflagen wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist allerdings ein besonderes Augenmerk auf die Elternarbeit zu richten.

Eltern haben durch ihr Erziehungsverhalten dafür gesorgt, dass ihr Kind in seinem Verhalten auffällt. Daher hilft es dabei, nicht ausschließlich mit dem Symptomträger zu arbeiten. Die Ursache muss ausgemacht und bearbeitet werden und das sind in der Regel die Eltern.

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