Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

hzTag der Trinkhallen

Wenn am Samstag zum zweiten Mal der „Tag der Trinkhallen“ im Ruhrpott gefeiert wird, ist auch der ehemalige Kiosk auf Maria Lindenhof dabei. Er hat eine ungewöhnliche Geschichte.

Dorsten

, 21.08.2018, 04:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

In den schmalen Holzregalen stapelt sich aller möglicher Krimskrams: Miniatur-Männchen aus Plastik, ein altes Radio, ein Radler-Wimpel, eine verblichene Flasche mit Glasreiniger, mehrere staubbedeckte Weingläser und noch einiges Zeug, das man im eigenen Zuhause wohl schon längst entsorgt hätte. Das Schiebefenster über dem Tresen knarzt und klemmt ein wenig, funktioniert dann aber doch - aber Kunden haben hier schon seit Ur-Zeiten keine Getränke oder Süßigkeiten mehr gekauft.

Keine Frage: Daran, dass hier in grauer Vorzeit im ehemaligen Betriebsgebäude im Dorstener Freizeitpark Maria Lindenhof mal ein Kiosk betrieben wurde, erinnert fast gar nichts mehr - und dennoch ist der winzige Raum einer der eigenwilligsten Standorte des „Tages der Trinkhallen“, der am 25. August (Samstag) im gesamten Ruhrgebiet gefeiert wird.

Park zog nur wenige Gäste an

„Hätte ich nicht gedacht, dass hier irgendwann doch noch mal was los sein wird“, sagt der 79-jährige Manfred Heitmar. Der Schermbecker hatte 1980 die Bude im zwei Jahre zuvor eröffneten Freizeitpark Maria Lindenhof übernommen. „Ich war damals als Maurer kaputt geschrieben worden“, erklärt er. „Und wollte mit dem Kiosk ein neues Leben anfangen.“

Doch der Traum von der Selbstständigkeit entpuppte sich schnell als Trugschluss. Denn der mit Landesmitteln in Höhe von 1,6 Millionen D-Mark gebaute Park zog nur wenig Gäste an. „Und die Bewohner des neu erbauten Altenheims saßen bei mir zwar nebeneinander wie die Vögel auf der Stange“, so Manfred Heitmar: „Gekauft haben sie aber nichts.“

Gebäude erlebt ein Comeback

Nach nur einem Jahr wurde nicht nur das Betriebsgebäude geschlossen, in dem die Parkbesucher auch Spiel- und Sportgeräte ausleihen konnten, sondern auch das darin integrierte Büdchen von Manfred Heitmar. Die Stadt eröffnete stattdessen gemeinsam mit der Kreispolizei in den Räumen eine Jugendverkehrsschule, die inzwischen aber auch schon seit 15 Jahren dicht ist.

Dass der kleine Kiosk von einst nun eine späte Wiederauferstehung erfährt, ist Marion Taube zu verdanken. Die Dorstener Kunsthistorikern und Kulturkuratorin ist von der Stadtverwaltung damit beauftragt worden, dem Stadtpark unter dem Titel „Stadtkrone“ neues Leben einzuhauchen.

Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

Marion Taube hat das Gebäude zum „Kunst-Kiosk“ umfunktioniert. „Das war am Anfang eigentlich ein reiner Kunstbegriff“, sagt sie. Jetzt arbeiten hier regelmäßig Künstler. © Privat

Das Grünareal ist eigentlich idyllisch zwischen Lippe und Kanal gelegen, war aber von den Dorstenern komplett vergessen worden, weil es im Laufe der Jahrzehnte nach und nach durch Schulgebäude und Sporthallen, durch einen großen Wohnblock und das erwähnte Altenzentrum immer mehr von der Innenstadt abgeriegelt worden war. Marion Taube versucht gerade, die Dorstener dazu zu bringen, das Grüngelände wiederzuentdecken, auch mit vielen kreativen Aktionen. Bei der Ideensuche dafür stieß sie im Internet auf den „Tag der Trinkhallen“. „Da habe ich ganz frech den alten Maria-Lindenhof-Kiosk angemeldet“, sagt sie.

Rund 200 Kioske machen mit

Mehr als 250 Künstler an 50 ausgewählten Programm-Buden, dazu 150 Kioske, die sich mit eigenen Aktivitäten angemeldet haben und bei der zweiten Ausgabe der Ruhrpott-Aktion mitmachen: Das von der Ruhr-Tourismus GmbH (RTG) organisierte und finanzierte Event ist gleichermaßen Hommage an ein Stück Heimatkultur des Reviers wie auch Kultur-Spektakel für Besucher von außerhalb des Ruhrpotts. Das Dorstener Büdchen gehört zu den wenigen nicht mehr aktiven Trinkhallen, die in diesem Jahr mitmachen. „Es passt aber gut zu unserem Konzept“, sagt Annika Greiner von der RTG. „Immerhin sind dort seit einiger Zeit Künstler aktiv.“

Seit einigen Monaten nämlich prangt an der Stirnwand des Gebäudes der Schriftzug „Kunstkiosk“. „Das war ein reiner Kunstbegriff, den ich mir ausgedacht habe“, gesteht Marion Taube, „um die Aufmerksamkeit auf den schönen, aber verwahrlosten Flachbau zu lenken“. Inzwischen ist das Gebäude Treffpunkt, Atelier, Werkstatt, Café und Übungsraum zugleich geworden. Die Stadtkrone-Kuratorin lädt seit Monaten immer wieder Künstler ein, sich mit der eigenwilligen Ästhetik des Parks auseinanderzusetzen.

Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

Die Künstler Sebastian Bordirsky und Anike Joyce Sadiq haben im Juli vor dem Kunstkiosk die Leinwände für ihre Video-Projektionen genäht und Sadiq ihre Dialog-Pappschilder für das Mahagonny-Kunstprojekt gebastelt und beschriftet. © Privat

Benjamin Bronni aus Stuttgart hat hier seine Holzmöbel für den „Essbaren Garten“ entworfen und zusammengeschraubt, Andreas Schmidt aus Berlin seine Schrift-Installation für das Amphitheater kreiert und die Farbe dafür angerührt. Und Sebastian Bordirsky und Anike Joyce Sadiq haben vor dem Kunstkiosk die Leinwände für ihre Video-Projektionen genäht und Sadiq ihre Dialog-Pappschilder für das Mahagonny-Kunstprojekt gebastelt und beschriftet.

Männerrunde trifft sich seit 30 Jahren in alter Verkehrsschule

„Wir sind froh, dass Marion Taube hier wieder Leben reinbringt“, sagt Hartmut Bettin. Er ist Mitglied der nebenan beheimateten Kanufreunde Dorsten, die ihr Vereinsheim direkt am Kanal haben. Bettin gehört zu einer rund zehnköpfigen Männerrunde, die sich seit mehr als 30 Jahren jeden Freitagmittag im ehemaligen „Warmraum“ der Jugendverkehrsschule trifft.

Beim Bierchen quatschen die rüstigen Herren über Gott, Politik und Welt, anschließend wird draußen der Grill aufgebaut oder in der Einbauküche des alten Kiosks der Herd angeschmissen. Ex-Kioskpächter Manfred Heitmar ist natürlich dabei, dazu unter anderem Rudolf Pasterkamp, Dieter Hacke, auch Heinz Haarmann, „der älteste noch lebende gebürtige Maria Lindenhofer“, wie er betont. „Wir werden hier geduldet“, sagt Gerd Brand, der auch Teil der Runde ist. „Denn wir sorgen dafür, dass hier im Winter nicht die Wasserleitungen einfrieren und dass im Sommer draußen alles seine Ordnung hat.“

Schwierige Lage

Gemeinsam haben die Mitglieder der Freitagstruppe im Laufe der Jahre den stetigen Verfall des Freizeitparks erlebt, dem die Stadt nun mit zwei Millionen Euro an Landesmitteln entgegenwirken will. Die meisten Details von damals kennt Gerd Brand. Er war Ende der 1970er-Jahre, als der Park gebaut wurde, Leiter des Sportamtes und damit verantwortlich für das weitläufige Gelände. „Der Freizeitpark hat leider von Anfang an nicht die Erwartungen erfüllt“, sagt er. „Die Lage ist einfach schwierig.“ Nur von der Jugendverkehrsschule, die später im Betriebsgebäude unter Leitung von Polizist Horst Fopke betrieben wurde, sprechen die Männer noch immer in höchsten Tönen.

Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

So sah das Außengelände der Jugendverkehrsschule Ende der 1980er Jahre aus. Dorstener Kinder lernten hier, wie man sich sicher im Straßenverkehr verhält. © Privat

Tausende Dorstener Grundschulkinder lernten hier die Verkehrszeichen und draußen auf einem Parcours, wie man sich im Straßenverkehr bewegt. Jugendliche wurden hier auf den Mofa-Führerschein vorbereitet. Noch heute stehen im Lager ein paar der Mini-Ampeln von damals, noch heute ist der verwitterte Anhänger mit der alten Aufschrift „Jugendverkehrsschule“ draußen geparkt, mit dem die Zweiräder zu den auswärtigen Schulen gekarrt wurden.

Manfred Heitmar war der Mann für alle Fälle

„30 Fahrräder und zwölf Mofas hatten wir hier stehen, immer blank geputzt“, sagt Manfred Heitmar. Nach seiner Kiosk-Zeit übernahm die Stadt ihn als „Gerätewart“, in der 1982 eröffneten Jugendverkehrsschule war er der Mann für alle Fälle, Hausmeister, Mechaniker, strenger Aufpasser und geduldiger Fahrlehrer in einem. „Wenn wir mit den Schülerinnen von der Ursulinen-Klosterschule oder mit den türkischen Mädchen auf dem Ascheplatz das Mofa-Training beendet hatten, konnten die meist besser fahren als die Jungs.“

Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

Manfred Heitmar war nach seiner Kiosk-Zeit der Hausmeister der Jugendverkehrsschule. 1994 hat die Dorstener Zeitung (damals noch Ruhr Nachrichten) einen Artikel über ihn geschrieben, © Klein

Längst vergangene Zeiten, zurück zur Gegenwart: Wenn sich am 25. August (Samstag) revierweit die Trinkhallen präsentieren, werden den Besuchern unterschiedliche Schwerpunkte geboten. Es gibt Filmbuden, Musik- und Kleinkunst-Trinkhallen oder Kioske, die zum Thema „Fußball im Revier“ einladen. Während das Programm für 50 von einer Jury ausgewählte Trinkhallen von der Ruhr Tourismus GmbH bezahlt wird, muss Marion Taube aus eigenem Etat ihr Kultur-Angebot bestreiten. „Wir fördern nur Kioske, die noch in Betrieb sind“, so Annika Greiner von der RTG. “Alle Kioske bekommen aber Werbematerialien wie die Trinkhallen-Quartett-Karten oder werden in unserer Internet-Karte aufgenommen.“

Musik mit „Mr. Peff“

Am Dorstener Kunstkiosk wird am Samstag Stefan Vieth auftreten. Der Gitarrist und Sänger aus Marl ist Mitbegründer der Folkband „Threepwood `N Strings“, die im Jahr 2015 den kreisweiten Sparkassen-Clubraum-Contest gewonnen hatte. Nachdem sich die Gruppe vor einiger Zeit getrennt hatte, macht Stefan Vieth solo unter dem Namen „Mr. Peff“ weiter. Der Musiker wird von 15 bis 20 Uhr den Kunstkiosk in der Stadtkrone bespielen und ein bunt gemischtes Programm präsentieren: eigene Kompositionen aus dem im Vorjahr erschienenen Bandalbum „The Kingdom of Yours“, neue Songs, aber auch Charts-Hits von einst und jetzt.

Kunstkiosk in Dorsten gehört zu eigenwilligsten Buden im Revier

Am Dorstener Kunstkiosk wird am Samstag beim „Tag der Trinkhallen“ Stefan Vieth alias „Mr. Peff“ auftreten. © Klein

Das weitere Programm beim „Tag der Trinkhallen“ am Kunstkiosk bestreiten zwei Kinder- und Jugend-Wohngruppen der Mobilen Jugendhilfe, die bereits beim „Sternlauf der Stadtteile“ am 1. Juli mitgewirkt hatten. „Wir werden einige kreative Aktionen mit den Besuchern machen“, kündigt Gruppenleiterin Sabine Bönte an. Die Mädchengruppe der Wohngruppe Vosskamp bastelt Freundschaftsbänder und Traumfänger, die gemischte Wohngruppe vom Westwall backt Muffins und organisiert ein Mal-Projekt.

Freitags-Gruppe kann viele Geschichten erzählen

Ob die Freitags-Männerrunde am Samstag auch am Start sein wird? „Das werden wir kurzfristig intern entscheiden“, sagt Hartmut Bettin. Auch Ex-Kioskpächter Manfred Heitmar ist noch unschlüssig. „Wenn wir gefragt werden, vielleicht“, ziert er sich ein wenig, fragt aber noch während des Interviews schon mal bei seiner Frau nach, ob er an dem Tag keine Termine hat.

Bettin, Brand, Pasterkamp, Hacke, Heitmar und Co. könnten den Besuchern dann sicherlich nicht nur eine Menge über die Geschichte des Freizeitparks erzählen. Auch über die Dorstener Trinkhallen-Historie wissen sie bestens Bescheid und zählen innerhalb weniger Minuten wohl 20 Büdchen samt ihrer Besitzer und Standorte auf, die es früher mal in Dorsten gegeben hat.

Ein neues „Herzschlang-Zentrum“ des Bürgerparks?

Marion Taube macht sich unterdessen schon mal Gedanken über die Zukunft des Gebäudes und ihres Kunst-Kiosks. „Man müsste den Bau schlicht und ergreifend wieder vernünftig herrichten und ihn mit einem neuen Zugang zum nahe gelegenen Kanal versehen“, schlägt sie vor. Neben der neuen Terrassenbar „Oude Marie“ am anderen Ende des Geländes könnten die Räumlichkeiten samt Atelier, kleiner Gastronomie und Kräutergarten so zum zweiten „Herzschlag-Zentrum“ des Bürgerparks werden.

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