Er opfert freiwillig Urlaubstage, um an der Nordsee Menschen aus einer Gefahr zu befreien: Der 44-jährige Manuel Miserok aus Dorsten kennt die Welt der Seenotretter wie kein Zweiter.

Dorsten

, 12.09.2018, 19:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Seit mehr als 150 Jahren setzen sie ihr Leben aufs Spiel und sorgen damit für Sicherheit vor Deutschlands Küsten: die Seenotretter. Bei Tag und Nacht, auch bei starkem Wind und hohen Wellen. Als „Helden in Ölzeug“ hat man die mutigen Männer einst bezeichnet. Doch Helden wollen sie gar nicht sein.

„Wir sehen uns eher als Profis, die ihr Handwerk verstehen“, sagt Manuel Miserok. Der 44-jährige Dorstener kennt die Welt der Seenotretter wie kaum ein Zweiter – ist er doch seit Jahren als ehrenamtlicher Mitarbeiter der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ (DGzRS) im Einsatz sowie als freiwilliger Rettungsmann auf See aktiv. Und hat er doch kürzlich als Autor ein 180-seitiges und sehr informatives Buch über das Seenotrettungswesen an Nord- und Ostsee veröffentlicht.

Hobby zum Beruf gemacht

Sein altes Jugendzimmer zu Hause im Dorstener Stadtteil Hardt sieht aus wie ein kleines maritimes Privatmuseum: Die Vitrinen sind mit Schiffs-Miniaturmodellen in allen möglichen Größen bestückt, in der Ecke steht eine ausgemusterte Schiffsschraube, an der Wand hängen Rettungsringe und Schiffs-Fotos, in den Regalen stehen die Original-DGzRS-Jahrbücher der vergangenen Jahrzehnte, darunter auch seltene Exemplare.

„Die Jahrgänge ab 1936 habe ich komplett“, erzählt der Dorstener Freizeit-Segler stolz, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat: Als Produktmanager vermarktet er für eine bayrische Firma Ozean-Törns mit einem Groß-Windjammer namens „Eye of the Wind“ aus dem Jahr 1911.

Eingesetzt auf der Rettungsstation Hooksiel

Seit 13 Jahren ist Manuel Miserok, den viele Dorstener Basketball-Fans noch aus seiner aktiven Zeit bei der BG Dorsten kennen und der nach Abitur am St- Ursula-Gymnasium und Studium der Sportwissenschaft zunächst als Dozent an der Sporthochschule in Köln tätig war, ehrenamtlich für die Seenotrettungs-Gesellschaft unterwegs.

„Auf Bootsmessen und anderen Großveranstaltungen informiere ich über die wichtige Arbeit der Organisation und akquiriere Spenden“, sagt er. „Und seit zweieinhalb Jahren bin ich freiwilliger Rettungsmann auf der Rettungsstation in Hooksiel.“ Zweimal im Jahr opfert der Dorstener dafür gerne für jeweils vier bis sieben Tage seinen Urlaub.

1000 Kräfte rund um die Uhr im Einsatz

Miserok gehört damit zu den 800 Freiwilligen, die die rund 200 festangestellten Kräfte bei ihrem wichtigen Dienst an den Küsten verstärken. Nord- und Ostsee bedecken im Bereich Deutschlands eine Gesamtfläche von gut 56.000 Quadratkilometern, die Küstenlinie ist 2389 Kilometer lang. Ein Netz von 55 Rettungsstationen gewährleistet, dass im Seenotfall schnell Hilfe geleistet werden kann. Die zentrale Seenotleitung sitzt in Bremen.

Der westlichste Stützpunkt befindet sich auf der Ostfriesischen Insel Borkum, der östlichste in Ueckermüde am Stettiner Haff. Insgesamt 60 Fahrzeuge sind im Einsatz. Die 20 größten Stationen (wie etwa Helgoland, Cuxhaven oder Rügen) nennen einen Seenotrettungskreuzer bis zu 46 Metern Länge ihr Eigen, die kleineren Stationen sind mit Seenotrettungsbooten unter 20 Meter Länge ausgestattet.

Motorprobleme sind häufigste Unfallursachen

Die Station des Dorsteners ist Hooksiel unweit des Jadebusens in Niedersachsen. Sein Einsatzschiff ist die „Bernhard Gruben“, ein 23-Meter-Kreuzer samt Tochterboot, benannt nach dem Namen des am 1. Januar 1995 beim Unfall des Seenotkreuzers „Alfried Krupp“ ums Leben gekommenen Vormanns (Kapitän).

Vier Mann sind hier rund um die Uhr an Bord. „Eine vergleichsweise ruhige Station“, sagt Manuel Miserok. Das Einsatzgebiet liegt zwischen der Insel Wangerooge und der Wesermündung. „Die typischen Unfallursachen sind Motorprobleme von Freizeit-Yachten oder dass Schiffe auf Grund gelaufen sind, dann werden sie von uns angeschleppt und in den sicheren Hafen gebracht.“

Wie die Feuerwehr auf See

Wenn die Seenotretter über die Zentrale alarmiert worden sind, werden die Maschinen gestartet und die Leinen geworfen. „Jeder kennt seinen Platz, jeder weiß, was er zu tun hat“, sagt Miserok. „Wir sind so was wie der ADAC und die Feuerwehr auf See“, sagt er. „Mit der Ausnahme, dass wir nicht rechts am Straßenrand anhalten können, um Menschenleben zu retten.“ Als zusätzliches Einsatzmittel hat jedes größere Schiff ein kleines, wendiges Tochterboot an Bord, um in Not geratene Menschen besser zu erreichen.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Aus Verbundenheit zum Ruhrgebiet hat der Buchautor die „Glückauf“ zu seinem Lieblings-Tochterboot erkoren. © Manuel Miserok

Durchschnittlich 2000 Einsatzfahren pro Jahr

Durchschnittlich 2000 Einsatzfahrten verzeichnet die Statistik der deutschen Seenotrettungszentrale pro Jahr, dabei wurden im vergangenen Jahr 58 Menschen aus echter Seenot gerettet, dazu 432 aus direkter Gefahr. „Eine Top-Platzierung nimmt dabei immer die Station Laboe ein“, weiß Manuel Miserok. Denn die Nähe zum Nord-Ostsee-Kanal sorgt für eine gute „Auftragslage“ der dortigen Retter.

Mit rund 30.000 Schiffsbewegungen pro Jahr ist der Kanal weltweit die am meisten befahrene künstliche Wasserstraße für Schiffe. Etwa 200 Kreuzfahrtschiffe laufen in jedem Jahr die Kieler Häfen an, im Sommerhalbjahr teilt sich die Berufsschifffahrt das Revier mit den Freizeitkapitänen. Zudem gibt es dort Küstenabschnitte, die bei Wind- und Kitesurfern oder Seglern sehr beliebt seien, und außerdem werden die riesigen Off-Shore-Windparks von Booten aus beliefert. „In dieser Gemengelage kommt es immer mal wieder zu Unfällen.“

Segeljacht geriet bei starkem Wellengang in Not

Manuel Miserok selbst hat in Hooksiel noch keinen schweren Seenotrettungseinsatz mitmachen müssen. Und selbst wenn, würde er nicht allzu viel Persönliches darüber erzählen wollen. „Es gibt so etwas wie einen Ehrenkodex unter den Seenotrettern: Was an Bord passiert, bleibt an Bord“, sagt er. Der dramatischste Notfall seiner Station, so schildert er aber doch, sei in den 1990er-Jahren passiert. Damals geriet vor dem Küstenabschnitt bei einem Herbststurm eine Segeljacht in Not.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Für sein Buch-Projekt hat der Dorstener Seenotretter Manuel Miserok viele Rettungsboote im Einsatz fotografiert. © Manuel Miserok

Bei starkem Wellengang machte sich der Seenotrettungskreuzer „Vormann Steffens“, der Vorgänger von „Bernhard Gruben“, auf den Weg. „Doch im Laufe des Einsatzes wurde das Schiff auf die Seite gedrückt und ein Seenotretter ging über Bord.“ Er konnte nur gerettet werden, weil die Besatzung das tat, was sie eigentlich nicht tun soll. „Sie hat den Motor ausgemacht, konnte deshalb die Hilferufe ihres Kameraden hören und ihn so orten.“

Wattwanderer vor dem Ertrinken gerettet

Im Juli 2018 kam es für die Hooksieler Nachbarstation Fedderwardersiel zu einer äußerst heiklen Situation. „Ein Vater und seine beiden Söhne sind mitten in der Nacht in letzter Minute vor dem Ertrinken aus der Nordsee gerettet worden“, erzählt Manuel Miserok. Sie seien Wattwandern gewesen und von der Flut überrascht worden. „Um kurz vor 23 Uhr habe ein junger Mann Hilferufe aus dem Watt gehört und die Polizei alarmiert. Die Seenotretter rückten nahe der niedersächsischen Gemeinde Butjadingen mit einem Boot aus und erhielten Unterstützung aus der Luft durch einen Hubschrauber. Kurz darauf entdeckten sie im Licht des Suchscheinwerfers den Vater, der schon bis zur Brust in der Flutströmung stand. Seine beiden 9 und 15 Jahre alten Söhne hielt er auf den Armen.“ Weil das Watt schon von der Flut überspült gewesen sei, habe der Hubschrauber nicht landen können. Vom Boot aus zogen die Einsatzkräfte den Vater und die zwei Kinder aus dem Wasser. „Er hat sich nicht einmal bei meinen Kollegen bedankt“, hat Manuel Miserok später erfahren.

Der Dorstener war bislang lediglich bei technischen Hilfeleistungen im Einsatz. „Der normale Arbeitsalltag besteht aus viel Routine“, sagt er. Schiffspflege, Wartungsarbeiten, „zum Beispiel werden regelmäßig im Maschinenraum die Filter gewechselt und täglich die Betriebsstoffe gepeilt“. Nach Einsätzen wird das salzige Meerwasser mit Frischwasser abgespült.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Der Kreuzer Bernhard Guben in der Station Hooksiel - der Einsatzort von Manuel Miserok. © Manuel Miserok

„Klar Schiff machen“ heißt das im Seemannsdeutsch. Und da immer vier Mann an Bord sind, muss auch der Haushalt an Bord geschmissen werden. „Die Jungs wollen ja essen, deshalb müssen wir die Speisen in der Kombüse vorbereiten und selbst kochen“, erzählt Miserok. Jedes Bordmitglied habe eine private Kammer. „Es gibt aber auch einen Gemeinschaftsraum, bei dem wir gemeinsam vor dem Fernseher sitzen oder klönen.“

Schon als Kind infiziert

Wie kommt es eigentlich, dass eine „Landratte“ aus dem Ruhrgebiet wie der 44-jährige Dorstener sich beruflich und in seiner Freizeit so sehr dem Thema „Wasser“ verschreibt? „Das fing schon als Kind an“, erzählt er. Mit seinen Eltern habe er fast jedes Jahr an der Nordsee Urlaub gemacht. „Dort gab es regelmäßig Rettungsvorführungen am Strand und Filmabende über Seenotretter.“ Besonders gefesselt habe ihn aber die Romanheft-Reihe „Katastrophen auf See“. „Reale Geschichten, immer mit Happy End, das hat mich schwer begeistert.“

Ein halbes Jahr am Buch gearbeitet

Als Jugendlicher sammelte Manuel Miserok Schiffs-Postkarten und begann, die einzelnen deutschen Seenotrettungsstationen abzuklappern. „Da habe ich fotografiert wie verrückt“, sagt er. Diese Bilder bildeten die Grundlage für eines der größten Privatarchive auf dem Gebiet der deutschen Seenotrettung, für das Miserok inzwischen nicht nur mehrere Regalmeter Fachliteratur und eine fünfstellige Anzahl Fotos, sondern auch zahlreiche Dokumente und Sammlerstücke zusammengetragen hat. Ein kleiner Teil davon findet sich in dem Buch „Seenotretter“, das Manuel Miserok vor ein paar Wochen für den Fachverlag für maritime Literatur „Oceanum“ geschrieben hat.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Manuel Miserok (links) ist auf diesem Foto in einem historischen Rettungsboot von 1906 unterwegs. © Sven Claussen

„Ein halbes Jahr lang habe ich dafür jede freie Minute recherchiert“, sagt der Dorstener. Herausgekommen ist dabei ein Werk, das dramatische Einsätze und historische Ereignisse schildert, aber auch auf die aktuelle Technik und die modernen Rettungsschiffe eingeht.

Früher in offenen Ruderbooten unterwegs

Ein organisiertes Seenotrettungswesen gibt es in Deutschland seit mehr als 150 Jahren. „Anfangs waren die Rettungsleute in offenen Ruderbooten unterwegs, um Schiffbrüchige an Land zu bringen“, sagt Miserok. Allein mit ihrer Muskelkraft stellten sie sich tapfer den Gewalten des Meeres entgegen. Heute haben alle Verkehrsteilnehmer auf See eine bessere Technik und robustere Schiffe. „Dank GPS und besserer Ausstattung auf den Booten ist die Schifffahrt seitdem viel sicherer geworden“, sagt er.

Arbeit wird nur durch Spenden finanziert

Ein Euro pro Buchverkauf geht als Spende an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. „Es kann nicht oft genug hervorgehoben werden: Wir finanzieren unsere Arbeit ausschließlich durch Spenden und freiwillige Zuwendungen, ohne jegliche staatlich-öffentliche Mittel“, sagt Miserok.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Bei der Messe „Boot“ in Düsseldorf ist Manuel Miserok als ehrenamtlicher Mitarbeiter für die Seenotrettungs-Gesellschaft tätig, hier mit dem Schauspieler Till Demtrøder. © Manuel Miserok

Der Bund habe der DGzRS 1982 die Aufgabe des Seenotrettungsdienstes übergeben. „Wir erfüllen diesen Auftrag also unabhängig, eigenverantwortlich und auf privater Basis.“

Sein schwerster Einsatz

Auch wenn der Dorstener selbst noch keine Menschenleben aus Lebensgefahr retten musste, hatte er doch schon selbst einen buchstäblich „schweren“ Einsatz. Er dauerte fast 39 Monate lang (kein Seemansgarn!), erstreckte sich über ein Gebiet zwischen dem 21. und 8. Grad östlicher Länge und wog zweieinhalb Tonnen. „Dabei ging es um ein ausgemustertes Seenotrettungsboot der Sieben-Meter-Klasse namens „Swantje“, erzählt der 44-Jährige.

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Die ausrangierte Swantje holte der Seenotretter selbst aus Litauen ab. © Manuel Miserok

In 300 Arbeitsstunden selbst repariert

Seine erste Begegnung mit der damals 17 Jahre alten „Swantje“ hatte Miserok als 14-Jähriger im Jahr 1988 im Hafen von Laboe am Ostufer der Kieler Förde. Dann verlor er das Boot, das irgendwann nach Litauen „versetzt“ wurde, aus den Augen. In der Zwischenzeit hatte der Dorstener im Jahr 2006 für einen symbolischen Preis von einem Euro in Den Helder (Holland) ein altes Seenotrettungsschiff namens „Bruntje“ erworben und es in 300 Arbeitsstunden restauriert. „Das habe ich dann dem Schifffahrtsmuseum in Haren an der Ems als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.“

Im Herbst 2013 machte dann die Information die Runde, dass die Hafenbehörde in Litauen die „Swantje“ loswerden will. „Der Gedanke daran, dass sich möglicherweise kein Käufer finden würde und meine nächste Begegnung mit dem Boot in Form einer Raviolidose in einem Supermarkt sein könnte, machte mich nicht gerade glücklich“, so der Dorstener.

Mission erfüllt: Seenotrettungsboot gerettet

Manuel Miserok reiste zu der Versteigerung nach Litauen, bekam den Zuschlag, ließ das Boot nach Deutschland verschiffen. „Hier stellte sich dann heraus, dass es zu teuer sein würde, es wieder fahrtüchtig zu machen.“

Manuel Miserok (44) opfert seine Freizeit für Menschen in Seenot

Manuel Miserok hat das Rettungsboot Swantje vor dem Verschrotten gerettet. Umfassend restauriert steht es vor einem Museum in Cuxhaven. © Privat

Und so wurde auch die „Swantje“ restauriert und einem Museum anvertraut: Seit 2017 macht sie vor dem Cuxhavener Museum „Windstärke 10“ Werbung für die Arbeit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Und Manuel Miserok konnte in sein Logbuch eintragen: „Mission erfolgreich abgeschlossen - Seenotrettungsboot gerettet“.

Das Buch von Manuel Miserok ist in Buchhandlungen und online zu bestellen: „Oceanum. Das maritime Magazin Spezial: Seenotretter“, ISBN 978-3-86927-603-8, 176 Seiten, 14,8 x 21 cm, zahlreiche farbige Abbildungen, Broschur, Euro 16,90 (inkl. 1 Euro Spende an die DGzRS), erschienen im Oceanum-Verlag. Alle Informationen über die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, über Spenden, Fördermitgliedschaften, Zuwendungsbestätigungen, Sammelschiffchen und Anlass-Spenden, gibt es hier. www.seenotretter.de/kontakt/
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