Neuer Stadtarchivar macht Jagd auf den Menschenfresser

hzNeuer Stadtarchivar

Dorstens neuer Stadtarchivar ist ein alter Bekannter. Nun will er auf die Jagd nach dem Dorstener Menschenfresser gehen. Und was macht ein Stadtarchivar eigentlich im Alltag?

Dorsten

, 03.09.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Martin Köchers neuer Arbeitsplatz verbirgt sich hinter einer schweren Stahltür in einem dunklen Flur. Wer sie öffnet, nimmt sofort den Hauch der Geschichte wahr, der einem in die Nase weht, den Geruch von altem Papier.

Über 130.000 Einheiten umfasst der Schatz, den der neue Stadtarchivar seit Juli verwaltet - die Dorstener Stadtgeschichte in Papierform. „Das sind 1500 laufende Meter Akten“, berichtet Martin Köcher. Und jedes Blatt erzählt eine Geschichte.

Wie alles begann...

Seit 1251 hat Dorsten Stadtrechte, doch eine entsprechende Urkunde fehlt. Damals gab es eben noch keinen Stadtarchivar. Die älteste Urkunde im Archiv stammt aus dem Jahre 1330. „Nichts Besonderes, ein Grundstücksverkauf“, sagt der Archivar. Mit der zweiten Urkunde erlaubte der Erzbischof von Köln Dorstens Bürgermeister 1335 den Verkauf von Bier.

Im Stadtarchiv Im Werth ist der neue Archivar ein alter Bekannter. Vor 20 Jahren machte er hier seine Ausbildung als Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste mit der Fachrichtung Archiv. Ausbilderin damals war seine Vorgängerin Christa Setzer.

Rückkehr in die Dorstener Heimat

Nach der Ausbildung wechselte er zum Wirtschaftsarchiv des Mineralölkonzerns BP/Aral. Und wiederum war es Christa Setzer, die sich für seine Rückkehr nach Dorsten einsetzte. Allerdings fiel ein Teil der Vollzeitstelle den damaligen Sparzwängen zum Opfer. Köcher ging zur Abeilung Denkmalpflege beim LWL und später zum Essener Bistumsarchiv.

Nun ist der Holsterhausener ein zweites Mal in seine Dorstener Heimat zurückgekehrt, diesmal als Nachfolger der scheidenden Christa Setzer. „Sie hat über Jahrzehnte das Archiv mit großer Leidenschaft geprägt“, sagt Bürgermeister Tobias Stockhoff. Fünf Monate dauerte die Übergabe in Parallelbesetzung. Es gab schließlich eine Menge Akten zu übergeben.

Und: „Wir wollen nicht nur archivieren, sondern die Inhalte auch angemessen aufarbeiten“, so Stockhoff. Außerdem soll sich das Archiv weiter mit Schulen und Vereinen vernetzen. Zahlreiche Kooperationen gibt es bereits, diese sollen noch intensiviert werden. Zuletzt gingen die Schüler des Petrinums für eine Projektwoche ins Archiv.

Auf den Spuren des Menschenfressers

Martin Köcher hat schon seine Lieblingsthemen im Kopf, denen er sich in Zukunft widmen will. Etwa die Geschichte der ehemaligen Heilanstalt Maria Lindenhof. Oder die des Dorstener Menschenfressers.

Franz Wahrmann, der mehrere Menschen, darunter seine eigenen Kinder, getötet und verspeist hatte, war 1699 hingerichtet worden. Bis zum Kriegsende hing ein Gemälde des Menschenfressers im Alten Rathaus am Markt, seit 1945 ist es verschollen. „Ich würde gerne rausfinden, was damit passiert ist“, sagt Köcher.

Neuer Stadtarchivar macht Jagd auf den Menschenfresser

Der neue Mann zeigt die Schätze der Stadtgeschichte. © Frederik Mordhorst

Aber was macht so ein Archivar eigentlich im Alltag? Martin Köcher muss ständig Entscheidungen treffen. „Ich muss alles bewerten, denn ich kann nicht alles übernehmen“, so Köcher. 60.000 Akten liegen im Zwischenarchiv. Manches wird von den Ämtern wieder angefordert, vieles wird vernichtet und nur ein Bruchteil der Akten findet tatsächlich einen dauerhaften Platz im Archiv.

Digitalisierung spart keinen Platz

Und schon bei der Einlagerung beginnt die Instandhaltung. „Alles muss umgeheftet und entklammert werden“, erklärt Köcher. „Denn die Klammern können rosten.“ Von der Preußischen Fadenheftung bis zur heute verwendeten säurefreien Akte ist alles vorhanden. Digitalisiert ist noch nicht viel. Das würde auch keinen Platz sparen, denn alles, was auf Papier vorhanden ist, muss auch bleiben.

Es sind schließlich lauter Originale, die Martin Köcher verwaltet. Werden die beschädigt, ist er persönlich betroffen. Er zeigt einen alten Zeitungsband, aus dem ein Besucher einen Artikel ausgerissen hat. „Hier wurde Kulturgut zerstört.“ Offenbar weiß nicht jeder den Schatz aus Papier so zu schätzen wie Martin Köcher.

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