Mohammad (20) aus Syrien: Wie ich in Dorsten eine neue Heimat gefunden habe

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Er flüchtete mit seinem Bruder vor dem Krieg in Syrien und brachte sich selbst die deutsche Sprache bei. Mohammad Albalkhi (20) erzählt seine Geschichte vom Fliehen und Ankommen.

von Mohammad Albalkhi

Dorsten

, 27.12.2019, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es gibt verschiedene Gründe, die uns zwingen, unsere Heimat zu verlassen. Und es gibt mindestens ebenso viele Geschichten. Warum wir geflohen sind, was wir erlebt haben, wie wir überlebt haben und wie wir als Flüchtlinge heute leben. Und heute möchte ich Ihnen meine Erfahrungen über meine Flucht und das Ankommen in Deutschland erzählen.

Zuerst möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Mohammad Albalkhi, ich bin 20 Jahre alt und ich komme aus Syrien, aus der Hauptstadt Damaskus.

Die Stadt liegt in Schutt und Asche

2011 brach der Krieg in Syrien aus, damals war ich Schüler und es gab Schwierigkeiten, jeden Tag die Schule zu erreichen, denn der Schulweg war gefährlich. Die Stadt, in der meine Familie und ich gelebt haben, liegt durch Bombardierung und Luftangriffe in Schutt und Asche. Auch unsere Wohnung war zerstört, es blieb kein Stein auf dem anderen.

Aufgrund der Situation und der schlechten Lage im Land haben mein Bruder und ich vor drei Jahren den Entschluss gefasst, das Land zu verlassen. Es war für uns keine einfache Entscheidung, aber wir hatten Hoffnung auf ein besseres Leben und einen neuen Anfang.

Mitten in der Nacht an einem abgelegenen Strand in der Türkei

Nach der großen Verzweiflung bin ich mit meinem Pass in die Türkei gereist. Von dort sollte es mit einem Boot über das Mittelmeer gehen. Viele Menschen trafen sich mitten in der Nacht an einem abgelegenen Strand der türkischen Hafenstadt Izmir. Es war sehr dunkel, wir haben unsere Rucksäcke nicht gefunden und ich fand meine Rettungsweste nicht mehr. Nach langer Suche fand ich eine Rettungsweste, die am Strand herumlag und die mir nicht passte. Ich musste sie aber anziehen.

Das Boot war voll und es war eng. Wir waren mehr Menschen, als dieses Boot maximal transportieren kann. Mein Bruder und ich saßen an der Reling. Wir hatten Angst, dass das Boot in jeder Sekunde kippen könnte. Diese Bilder werde ich nie wieder vergessen.

Es hat mehr als sechs Stunden gedauert, bis wir eine Insel in Griechenland erreicht haben. Wir hatten diesen ersten Teil der Flucht überlebt.

Mohammad (20) aus Syrien: Wie ich in Dorsten eine neue Heimat gefunden habe

Mohammads Flucht führte ihn 2016 unter anderem nach Izmir in der Türkei. Dort entstand auch dieses Foto. Es zeigt mit Nummern gekennzeichnete Gräber von syrischen Flüchtlingen. Die Syrer kamen beim Versuch ums Leben, Griechenland von der Türkei aus über das Mittelmeer zu erreichen. © picture alliance / dpa

Von dort aus ging es dann weiter zu Fuß, über Griechenland, Slowenien, Kroatien, Slowakei, Ukraine, am Ende nach Österreich und dann schließlich nach Deutschland mit dem Zug.

Es hat nicht sofort geklappt, mit dem Zug von Österreich nach Deutschland weiterzufahren, denn wir wurden an der Grenze angehalten und mussten aus dem Zug aussteigen. Wir durften nicht weiterfahren, weil wir keine europäischen Pässe hatten. Danach mussten wir an der Grenze in einem Zelt ein paar Stunden warten, bis unsere Fingerabdrücke genommen waren. Und dann durften wir unter der Begleitung der zuständigen Behörde mit dem Bus weiterfahren nach Hamburg. Hamburg war der erste Ort für uns in Deutschland.

Von Hamburg nach Bad Berleburg

Nach dem Ankommen wurden wir für ein paar Stunden nach der langen Reise gesundheitlich untersucht. Wir sind dann gefragt worden, ob wir in Hamburg bleiben oder zu einem anderen Ort fahren möchten. Aber da wir vorhatten, zu einer Flüchtlingsunterkunft zu fahren, die sich in Bad Berleburg in NRW befindet, haben wir der Begleitung Bescheid gegeben, dass wir da hinfahren möchten.

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Nachdem wir nach Bad Berleburg gefahren sind, haben sie dort unsere Daten aufgenommen und wir haben auch unsere Pässe und Ausweise abgegeben, um unsere Identität zu bestätigen und damit wir dann den Asylantrag reibungslos stellen konnten. Nach einigen Wochen kam die Rückmeldung von der Stadt, dass wir nach Schermbeck (Gahlen) transportiert werden müssen. Dort sind wir in einem Hotel untergebracht worden.

Warten auf die BAMF-Entscheidung

Nach fast drei Monaten haben wir eine Meldung von der Gemeinde Schermbeck erhalten, dass wir in die Innenstadt umziehen müssen. Wir sind in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht worden und dort mussten wir abwarten, bis unsere Asylanträge bearbeitet waren.

In der Zeit habe ich das Berufskolleg in Wesel besucht und mein Bruder nahm an einem Deutsch-Sprachkurs teil.

Nach fast neun Monaten kam die Bescheinigung vom BAMF, dass der Asylantrag genehmigt wurde. Ab diesem Zeitpunkt durften wir dann eine eigene Wohnung suchen. Das war nicht einfach und hat sehr lange gedauert. Bis ich dann eine Wohnung in Dorsten fand und mit meinem Bruder umgezogen bin.

Deutsche Sprache selbst beigebracht

Nach dem Umzug wechselte ich auf die Gesamtschule Wulfen, an der ich die 12. Klasse absolvierte. Durch die neue Schule lernte ich einen sehr netten Lehrer namens Wolfgang Triptrap kennen, der früher an der Gesamtschule Wulfen Schulleiter war. Und ich fand an der Schule einen besten Freund namens Raihan Ahmed. Die deutsche Sprache habe ich mir selbst beigebracht, durch das Internet, Fernsehen, und die Schule hat auch viel geholfen. Herr Triptrap bot mir freiwillig Hilfe an. Er und mein Freund Raihan haben mir sehr den Rücken gestärkt. Ich konnte auch meinen Führerschein machen, weil der Rotary Club Dorsten diesen finanziert hat.

Nach der 12. Klasse suchte ich einen Praktikumsplatz. Durch Herrn Triptrap bin ich auf Christoph Winck gestoßen. Er ist Verlagsleiter der Dorstener Zeitung. Das erste Mal traf ich Herrn Winck in einem Bus. Es war der Abend, an dem ich an der Druckerei-Besichtigung teilnahm. Herr Winck hat die Gruppe geführt und uns nach Dortmund begleitet. Im Bus hatten wir dann so etwas wie ein Vorstellungsgespräch.

Mohammad (20) aus Syrien: Wie ich in Dorsten eine neue Heimat gefunden habe

Aktuell arbeitet Mohammed im Kundenmanagement, wo er sich unter anderem um Reklamationen kümmert. © Robert Wojtasik

Ich bekam den Praktikumsplatz für ein Jahr. Seit August 2019 bin ich bei der Dorstener Zeitung. Im ersten Monat habe ich eine Schulung in Dortmund gemacht und die neuen Azubis kennengelernt. Danach war ich in der Geschäftsstelle und in der Logistik. Im Moment nehme ich am Telefon Reklamationen von Kunden an. Ich lerne auch noch die Arbeit im Anzeigenverkauf und in der Redaktion kennen. Darauf freue ich mich schon und bin sehr gespannt.

Durch das Praktikum habe ich Berufserfahrungen gesammelt und das nette Team kennengelernt. Ich bin froh, dass ich diese Chance bekommen habe. Nach dem Praktikum möchte ich gerne studieren.

Ich denke viel an meine Familie in Syrien. Wir halten Kontakt über WhatsApp. Ich hoffe, dass der Krieg schnell vorbeigeht.

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