Nach Insolvenz von Thomas Cook: Ausnahmezustand beim Dorstener Partner

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Die Verunsicherung der Reisenden ist groß nach der Insolvenz des Veranstalters Thomas Cook. Ein Dorstener Partner-Reisebüro versucht, der Lage Herr zu werden. Was Kunden jetzt tun können.

Dorsten

, 23.09.2019, 18:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war kein angenehmer Arbeitstag für Sebastian Fularzik und Özer Öner. Denn den ganzen Montag über meldeten sich besorgte Kunden in ihrem Reisebüro in der Dorstener Fußgängerzone, um zu erfahren, welche Folgen die Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook für ihre Urlaubspläne hat.

„Thomas Cook“ steht in großen Lettern über dem Laden in der Lippestraße, aber zur insolventen Gesellschaft gehört das Reisebüro nicht. „Wir sind Franchise-Partner“, klärt Miteigentümer Sebastian Fularzik auf. Die Nachricht von der Insolvenz habe ihn genauso unvorbereitet getroffen, wie seine Kunden. „Wir sind mit Bauchschmerzen ins Bett gegangen und mit der Nachricht aufgewacht. Das ist ein Riesen-Erdbeben für die Branche.“

Die Kirchhellenerin Christina Stratmann sorgt sich um ihren Urlaub. Am Donnerstag soll ihr Flug nach Kos in Griechenland gehen. Aber ob es tatsächlich klappt, wird sie wohl erst am Abreisetag erfahren. „Wir können nur abwarten“, erklärt ihr Sebastian Fularzik. Schließlich wisse derzeit niemand, wie es mit den deutschen Tochtergesellschaften des britischen Veranstalters weitergehe. Abwarten - kein Wort fällt an diesem Vormittag so häufig.

Betrieb komplett eingestellt

Die deutschen Töchter, zu denen unter anderem Neckermann Reisen und Öger Tours gehören, haben am Montagmorgen ihren Betrieb vorerst komplett eingestellt und den Verkauf von Reisen komplett gestoppt. „Wir loten derzeit letzte Optionen aus“, heißt es auf der Neckermann-Website. Sollten diese scheitern, sehe man sich gezwungen, auch für die deutschen Gesellschaften Insolvenz anzumelden. Reisen mit Abreise am Montag und Dienstag könnten „nicht gewährleistet“ werden.

Die Airline Condor, ebenfalls eine Tochter von Thomas Cook, teilte zwar mit, dass der Flugbetrieb weitergehe. Aus rechtlichen Gründen dürfe Condor allerdings keine Urlauber, die mit Thomas-Cook-Veranstaltern gebucht haben, mehr an ihr Reiseziel bringen.

„Eine direkte Absage wäre mir lieber gewesen“, sagt Christina Stratmann, die ihre Reise im Dorstener Reisebüro gebucht hatte. So erfahre sie wohl erst am Flughafen, ob sie ihren Urlaub antreten kann. Auch eine Umbuchung konnte ihr Fularzik nicht anbieten. „Ich kann die Reise im System einsehen, aber nicht ändern“, sagt er. Bei Neckermann sei derzeit sowieso keiner erreichbar.

„Aber wir gehen natürlich proaktiv auf die Betroffenen zu und versuchen, Alternativen zu finden.“ Für alle, die schon an ihrem Urlaubsort festsitzen, sei die Situation natürlich eine Katastrophe.

Pauschalreisetouristen sind sicher - mit Einschränkungen

Und was ist mit denen, die wie Christina Stratmann ihre Reise noch nicht angetreten haben? Zumindest Pauschalreise-Touristen seien laut Reisebüro-Miteigentümer Özer Öner auf der sicheren Seite. Denn in diesem Fall greife der „Sicherungsschein“. Dieser ist gesetzlich vorgeschrieben und soll Reisende per Versicherung vor den Folgen von Insolvenzen schützen. Pauschalreisende erhalten ihn mit ihren Reiseunterlagen.

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Das Problem: Der Absicherer kann seine Haftungssumme auf 110 Millionen Euro jährlich deckeln. „Wenn das nicht reicht, erhalten Kunden ihre Ansprüche nur anteilig aus der allgemeinen Insolvenzmasse“, erklärt Ruth Pettenpohl von der Verbraucherzentrale Dorsten. Pauschalreisenden rät sie, zunächst den Reiseleiter vor Ort oder den Veranstalter zu kontaktieren.

Schlechte Karten für Individualtouristen

Individualtouristen haben deutlich schlechtere Karten: Sie haben keinen Anspruch auf Ersatzflüge. „Individualtouristen müssen sich um alles selbst kümmern“, so Pettenpohl. “, so Pettenpohl. Und auch bei der Erstattung ihrer Kosten müssen sie sich hinten anstellen. Sie müssen ihre Forderung an den Insolvenzverwalter richten. Erfahrungsgemäß erhielten Gläubiger dann nur einen Bruchteil der offenen Forderung, so Pettenpohl. „Als Pauschalreisender ist man immer besser dran“, so Öner.

Die Verbraucherzentralen fordern Insolvenzversicherungen auch für einzeln gebuchte Flüge, um Individualreisende besser abzusichern. „Außerdem möchten wir nicht, dass so viel im Voraus gezahlt wird“, sagt Ruth Pettenpohl. Deshalb fordern die Verbraucherschützer ein Verbot von Anzahlungen über 20 Prozent und von Restzahlungen früher als 30 Tage vor dem Flugtermin. „Dadurch haben Sie das Problem, das Geld zurückzubekommen.“

„Spaßig wird das nicht“, ahnt Özer Öner mit Blick auf die Arbeit der kommenden Wochen. Existenzbedrohend sei die Pleite des Veranstalters für sein Reisebüro aber nicht. Zwar erwarte er „auf jeden Fall finanzielle Einbußen“, doch der Anteil der Thomas-Cook-Reisen am Geschäft sei „zum Glück nicht so groß.“ Während er das sagt, klingelt das Telefon. „Erstmal abwarten“, rät er dem Kunden am anderen Ende der Leitung. „Kommen Sie bitte auf uns zu. Sie können sich ja vorstellen, was hier los ist.“

Den Ausnahmezustand hatte auch Michael Vospohl in seiner Reiseagentur ausgerufen. Mitarbeiter, die eigentlich frei hatten, leisteten Sonderschichten. Und in allen drei Filialen war jeweils nur ein Mitarbeiter für das normale Tagesgeschäft zuständig und alle anderen für die aktuelle Krisenlage. „Wir haben sofort Listen erstellt und die Betroffenen kontaktiert. Das war mal eine Mega-Krisenbewältigung an diesem touristischen Super-Gau-Tag“, so Inhaber Michael Vospohl.

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