Nachbarschaftshilfe Wulfen schenkt Pflegebedürftigen Wertvolles: Zeit!

Nachbarschaftshilfe

So geht es nicht weiter mit der Pflege. Füttern, Saubermachen, Dokumentieren. Das ist Pflege alter Menschen bei uns. Die Nachbarschaftshilfe Wulfen will das ändern. Und schaut nach Holland.

Wulfen, Wulfen-Barkenberg

, 20.08.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Nachbarschaftshilfe Wulfen schenkt Pflegebedürftigen Wertvolles: Zeit!

„Wir schenken Menschen Zeit": Die Vertreter der Nachbarschaftshilfe Wulfen suchen Verstärkung (v.l.): Günter Schönborn, Hafida Elallali, Gisbert Droste, Kriemhild Schönborn, Werner Block und Hans-Udo Schneider. © Claudia Engel

Hafida Elallali hat mit dem Gedanken gespielt, sich zur Altenpflegerin ausbilden zu lassen. Die Marokkanerin aus Wulfen hat ein vierwöchiges Praktikum in einem Dorstener Altenheim absolviert. Ihr Fazit: „Wieso hält man an einem System fest, das nicht menschengerecht ist?“ Die alten Menschen wollten Zuwendung und ein freundliches Gespräch. Stattdessen bekämen sie in der stationären Pflege genau das nicht. „Die Pfleger haben keine Zeit dafür, alles muss schnell, schnell, schnell gehen“, so Elallali.

Ehrenamtliche Verstärkung gesucht

Die Nachbarschaftshilfe Wulfen teilt Elallalis Eindrücke. Die Ehrenamtlichen der Wulfener Runde, die kein eingetragener Verein ist, wissen, dass viele Menschen bis zu ihrem Tod gerne in ihren eigenen vier Wänden bleiben möchten. Es aber nicht können, weil das mit der Pflege, die hierzulande mit den Kassen abgerechnet werden kann, kaum zu vereinbaren ist. „Wir schenken den Menschen etwas Wertvolles: Zeit!“ Das sagen Dr. Hans-Udo Schneider und Kriemhild Schönborn, zwei Nachbarschaftshelfer, die ehrenamtliche Verstärkung ihres Teams wünschen.

Im zehnten Jahr ihres Bestehens richtet die Nachbarschaftshilfe Wulfen ihren Blick nach Holland. Und lädt Interessierte, pflegende Angehörige, Pflegekräfte, Vertreter von Sozialdiensten und Wohlfahrtsverbänden, zu einer öffentlichen Veranstaltung aus Anlass ihres Geburtstages für den 10. September (Dienstag), 16 bis 18.30 Uhr, in das Evangelische Gemeindezentrum an der Talaue 70 herzlich ein. „Neben einer Einführung in die Thematik „Wohin mit der Pflege“ wird Sigrid Gläser die Arbeit der Nachbarschaftshilfe Wulfen vorstellen. Außerdem wird Johannes Technau, Buurtzorg Deutschland in Münster das holländische Pflegemodell vorstellen“, sagt Hans-Udo Schneider.

Professionell aufgestellte Organisation mit Sitz in Münster

Buurtzorg, heißt Nachbarschaftshilfe auf gut Deutsch und so heißt auch die professionell aufgestellte Organisation. Burtzoorgs Idee ist, berufenen Gemeindeschwestern ihre Berufung zurückzugeben und alle Rahmenbedingungen zu erfüllen, das zu tun, was sie am besten können und lieben. „Wenn sie nämlich mit ihrer Arbeit glücklich sind, sind es auch die Patienten, deren Familien und Angehörige.“

Diese Form der Nachbarschaftshilfe und Pflege sei auch in Deutschland auf dem Vormarsch, ergänzt Hans-Udo Schneider. Buurtzorg habe Möglichkeiten gefunden, wie die Leistungen mit den Pflegekassen abgerechnet werden können.

Team schaut nach dem Rechten und entscheidet dann

Ein selbstverwaltendes Pflegeteam schaue bei den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen nach dem Rechten und entscheide dann, was die Menschen brauchen. „Das kann ein Gespräch sein, das kann Zuwendung in Form von Zuhören oder Erzählen sein. Das deckt aber auch die klassischen Pflegeangebote mit ab“, erzählt Schneider. Buurtzorg bietet von Münster aus seine Hilfe in organisatorischen Fragen an.

„Altenpfleger genießen in Deutschland sehr hohes Ansehen wegen ihrer Tätigkeit, werden aber extrem schlecht bezahlt. Dabei ist Pflege im Kern die humanste Tätigkeit, die es gibt. Leider sind wir immer mehr davon abgekommen, ganz nah bei den Menschen zu sein.“ Pflege sei profitorientiert, so Schneider. „Pflege, wie sie bei uns stattfindet, ist nicht nachhaltig.“

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