Pferdezüchterin verzweifelt wegen EPS: „Keine Möglichkeit, meine Gesundheit zu schützen“

hzEichenprozessionsspinner

Anette Gerhardt-Hülsdünker wohnt an einer Eichenallee. Fast jeder Baum ist vom Eichenprozessionsspinner befallen. Die Dorstenerin würde auf eigene Kosten Gift versprühen, darf es aber nicht.

Hervest

, 29.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Trotz Sahara-Hitze geht Anette Gerhardt-Hülsdünker schon tagelang nur mit langärmeligen Oberteilen, langen Hosen und Halstuch vor die Tür. Sie wohnt in Dorf Hervest in der Bauerschaft Orthöve und betreibt dort eine Pferdezucht. Wohnhaus und Zuchtbetrieb liegen direkt an einer Eichenallee. Fast jeder Baum ist vom Eichenprozessionsspinner (EPS) befallen, die giftigen Härchen setzen der Dorstenerin und ihren Tieren ziemlich zu.

„Ich war immer ein kerngesunder Mensch“, sagt Anette Gerhardt-Hülsdünker. „Aber jetzt muss ich regelmäßig Allergietabletten nehmen und habe Atemprobleme.“ Kürzlich seien ihre Kinder für ein paar Tage zu Besuch gewesen. „Sie haben das Haus kaum verlassen und waren am Ende froh, als sie wieder weg waren. Sie haben ausgesehen wie Streuselkuchen.“

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Die Dorstenerin zeigt ein Foto ihres Hundes, seine Zunge ist dramatisch angeschwollen. „Er wäre am Sonntag fast erstickt und konnte nur mit einer Notfall-Cortisonbehandlung gerettet werden.“ Auch die Pferde leiden: „Die schnuppern ins Gras und hinterher sieht es aus, aus hätten sie ein Froschmaul, weil alles dick und verätzt ist.“ Um die Tiere so gut es geht zu schützen, hat Anette Gerhardt-Hülsdünker ihnen eine Art Ganzkörper-Anzug übergezogen.

Was die Pferdezüchterin am meisten ärgert, ist die Hilflosigkeit. Sie wohnt im Außenbereich, wo die Stadt nichts gegen die EPS-Nester unternimmt. „Das akzeptiere ich ja. Aber selbst wenn ich als Bürger bereit bin, tatkräftig mitzuwirken, sind mir die Hände gebunden. Ich habe keine Möglichkeit, meine Gesundheit zu schützen. Hier geht‘s ja nicht nur um mich, das betrifft ja auch viele andere in Randgebieten.“

Pferdezüchterin verzweifelt wegen EPS: „Keine Möglichkeit, meine Gesundheit zu schützen“

Nester, die auf die Straße fallen, werden entfernt. Liegen sie auch nur einen Meter auf dem Grundstück von Anette Gerhardt-Hülsdünker, muss sie sich selbst kümmern. Bei dem schwarzen Haufen auf dem Boden handelt es sich um ein abgeflämmtes Nest. © Robert Wojtasik

Vor 14 Tagen bestellte Anette Gerhardt-Hülsdünker eine Fachfirma, die planmäßig Mitte Juli zum Absaugen vorbeikommen soll. Für die Anfahrt mit Hubwagen und Sauggeräten würden pauschal 500 Euro berechnet, sagt sie. Der Arbeitsaufwand sei mit rund 130 Euro pro Stunde veranschlagt. „Für einen Baum mit fünf oder sechs Nestern landet man dann ungefähr bei 1000 Euro.“

„Bin bereit, sämtliche Bäume an der Allee auf meine Kosten zu besprühen“

Deutlich günstiger, effektiver und praktikabler in der Anwendung für Laien sei nach Meinung der Pferdezüchterin der Einsatz von Biozid. Rund 20 ihrer eigenen Eichen hat sie besprüht und dafür rund 400 Euro bezahlt. „Ich wäre ja bereit, sämtliche Bäume an der Allee, die ja auch von vielen Fahrradfahrern und Spaziergängern genutzt wird, auf meine Kosten zu besprühen.“ Das ist aber verboten, weil die Bäume ihr nicht gehören.

Die Stadt Dorsten hat sich gegen Sprüheinsätze mit Gift entschieden, weil das auch andere Raupenarten töte und „in der Folge auch Vögel, die Raupen fressen, keine Nahrung mehr finden würden bzw. die Giftstoffe in deren Nahrungskette gelangen würden“, heißt es aus dem Rathaus. Das am ehesten wirksame Mittel sei außerdem nur sehr aufwendig auszubringen, es sei etwa sicherzustellen, dass über mehrere Stunden kein Mittel aus dem behandelten Baum heraustropfen kann.

Pferdezüchterin verzweifelt wegen EPS: „Keine Möglichkeit, meine Gesundheit zu schützen“

So gut wieder jeder Baum entlang der Eichenallee in der Bauerschaft Orthöve in Dorf Hervest ist vom Eichenprozessionsspinner befallen. © Robert Wojtasik

Das Dilemma: „Fachverbände raten zumindest von einem intensiven Einsatz von Giften ab“, sagt Stadtsprecher Ludger Böhne. „Von den Bürgern wird er flächendeckend gefordert.“

Die Eiche ist in Dorsten ein „stadtbildprägender Baum“, wie Böhne sagt. Rund 80.000 Straßenbäume gibt es im Stadtgebiet, etwa 10.000 davon sind Eichen. Hinzu kommt aber noch mal etwa die zehnfache Menge an privaten Eichen, wie Bürgermeister Tobias Stockhoff am Donnerstag in der Holsterhausen-Konferenz erklärte. Stockhoff kündigte an, Vorschläge zu prüfen, wie künftig mit dem Problem umzugehen sei. Dazu gehört das Anlocken von Meisen und anderen Vögeln, die die Raupen fressen (DZ+), sowie der Einsatz eines Spezialschaums.

Nach der Saison werde man aber auch darüber sprechen, ob man Bürgern künftig gestattet, auch öffentliche Bäume zu besprühen, kündigt Stadtsprecher Ludger Böhne an. Genau das wünscht sich Anette Gerhardt-Hülsdünker: „Es muss anders gehen, die Stadt muss mit Bürgern zusammenarbeiten. Als Privatmensch kämpft man gegen Windmühlen“, sagt sie. „Es kann doch nicht sein, dass man dermaßen ausgeliefert ist.“

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