„Nicht die Pflege-Kinder sind verrückt. Sondern die Dinge, die sie erlebt haben“

hzPflegeeltern gesucht

Es gibt immer weniger Pflegeeltern. Aber immer mehr Kinder, die schon als Babys aus den Familien herausgenommen werden müssen. Eine Pädagogin sagt: „Die Kinder haben verrückte Dinge erlebt.“

Dorsten

, 03.12.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hildegard Overfeld ist Sonderpädagogin und Geschäftsführerin der Perspektive GmbH. Seit 2009 unterhält die Perspektive GmbH im Perspektive-Haus An der Molkerei eine Babyschutzstelle: „Alle Plätze sind belegt, wir könnten sechs Kinder an Pflegeeltern vermitteln“, sagt Overfeld. Das sei kein „Weihnachtsangebot“, was man ihr 2018 zynischerweise vorgeworfen hat, sondern der Situation geschuldet. Denn die Zahl der Kinder, die ihren biologischen Eltern weggenommen werden, wachse rasant.

Im Gegenzug seien Pflegefamilien rar gesät. „Vielleicht auch deshalb, weil viele Menschen gar nicht wissen, dass auch alleinerziehende, ältere oder gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern in Betracht kommen“, so Overfeld. Die klassische Pflegefamilie gebe es seit geraumer Zeit nicht mehr. „Das hat mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun.“ Hildegard Overfeld stellt deshalb am Beispiel von Lydia vor, was möglich ist.

Schockverliebt ins Pflegekind

Lydia ist 27 Jahre alt und ausgebildete Kinderkrankenschwester. Im Perspektivehaus hat sie sich, wie sie selber sagt, „schockverliebt“. In den gerade mal vier Wochen alten kleinen Jungen mit Down-Syndrom. Seine Eltern konnten nicht verstehen, warum ihr Junge so krank war als Baby und zahlreiche medizinische Eingriffe brauchte, um gesund zu werden.

Lydia hat ihn deshalb im Uniklinikum Münster ein Jahr lang eng begleitet und betreut und sich in dieser Zeit dazu entschlossen, den Kleinen nach seinem langen Krankenhausaufenthalt zu sich zu nehmen. Das ist möglich, weil das Jugendamt seiner Heimatstadt in enger Abstimmung mit dem Perspektivehaus zugestimmt hat, die junge Pflegemutter in allen wichtigen Belangen zu unterstützen.

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„Kinder brauchen eine Bindung zu ihrer Bezugsperson, um zu wachsen und zu gedeihen“, sagt Hildegard Overfeld. Lydia und ihr Sohn sind sichtbar ein Team: Der Kleine schäkert mit seiner Mama herum, während er auf ihrem Schoß eine Mandarine verputzt.

Seit Kurzem besucht er einen heilpädagogischen Kindergarten. Und bekommt die Förderung, die er wegen seiner Einschränkungen aufgrund des Down-Syndroms braucht. Aufgeweckt, munter und überaus charmant erobert der kleine Herzensbrecher seine Umgebung.

Pflegemama studiert jetzt Heilerziehungspflege

Die Pflegemutter studiert übrigens gerade Heilerziehungspflege in Bochum und kann sich vorstellen, ein weiteres Pflegekind anzunehmen. Sie sieht in dieser für sie erfüllenden Tätigkeit „eine Bestimmung“. Das Perspektivehaus-Team sieht das auch so. „Jederzeit“ könne Lydia ein weiteres Kind unter ihre Fittiche nehmen. Lydia wird umfassend von den Mitarbeiterinnen im Perspektivehaus beraten, begleitet und betreut. „Pflegeeltern haben Anspruch darauf“, sagt Hildegard Overfeld.

Menschen, die bereit seien, ein Kind zu sich nehmen, bekämen es aber nicht einfach so ausgehändigt: „Wir schauen sehr genau hin, besuchen zu zweit mehrfach potenzielle Pflegeeltern und erwarten auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion und dass die betreuenden Personen sich pädagogisch weiterbilden“, sagt das Team.

Kinder in Babyschutzstelle sind bis zu vier Jahre alt

Die Kinder in der Dorstener Babyschutzstelle sind bis zu vier Jahre alt. Ein Kind muss das Perspektivehaus-Team jetzt schweren Herzens in eine stationäre Einrichtung geben. „Wir haben niemanden für den Jungen gefunden“, sagt Hildegard Overfeld.

Die Kinder selbst haben Schlimmes erfahren. Sie sind traumatisiert. Sonst wären sie ihren leiblichen Eltern nicht weggenommen worden. Mangelnde Versorgung, emotional wie physisch, Misshandlung oder Stress der Mutter in der Schwangerschaft, weil sie selbst von ihrem Partner verprügelt worden ist - all das hinterlässt Spuren in der kindlichen Psyche.

Wichtig sei aber zu wissen: „Nicht die Kinder sind verrückt, sondern die Dinge, die sie erlebt haben“, sagt eine Pädagogin aus dem Perspektivehaus. Mit Zuwendung und liebevoller Aufmerksamkeit könnten diese Kinder aufblühen.

Pflegepersonen werden gründlich vorbereitet

  • Die Vorbereitung der Familien, der alleinerziehenden oder der Paare, egal welchen Alters, dauert bei der Dorstener Perspektive GmbH drei bis sechs Monate. Es werden viele Gespräche geführt, in denen sich unter anderem auch mit der Familiengeschichte der potenziellen Pflegeeltern auseinandergesetzt wird.
  • Paare müssen nicht verheiratet sein. Auch gleichgeschlechtliche Paare sind willkommen. Wichtig ist die Bereitschaft, die eigenen Erziehungsmethoden zu reflektieren und sie an die Bedürfnisse eines traumatisierten Kindes anzupassen. Pflicht sind ein Telefonat pro Woche, ein Hausbesuch pro Monat, die Teilnahme an einem Elternabend pro Monat sowie einmal jährlich die Teilnahme an einem Fortbildungswochenende.
  • Kontakt: Perspektive Erziehungshilfen, An der Molkerei 24, Tel. (02362) 20 12 24.
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