Die alte Postkarte einer "Villa Großbüning" von 1910 war der Ursprung der Suche. Laut Recherchen von Stadtarchivar Martin Köcher in historischen Karten handelt es sich bei dem Gebäude um die Villa Keller (Bilder aus den 1980er- und 1990er-Jahren und jetziger Zustand). © Montage: Leonie Sauerland
Lokalgeschichte

Rätsel um eine geheimnisvolle alte Villa in Dorsten endlich gelöst

Das Rätsel um ein geheimnisvolles Anwesen auf einer alten Postkarte von Dorsten ist gelöst, die ominöse „Villa Großbüning“ ist gefunden. Doch es bleiben weiter Fragen offen.

„Diese Geschichte hat mich nie ganz in Ruhe gelassen“, sagt Martin Köcher. Immer mal wieder ist der Dorstener Stadtarchivar auf Akten-Suche nach Spuren einer mysteriösen alten Villa in Dorsten und seines damaligen Besitzers gegangen. Und jetzt endlich kann er Licht ins Dunkle bringen – denn er hat das Rätsel um die ominöse Fabrikanten-Villa „Großbüning“ gelöst.

Postkarten von 1910

Es ist fast zwei Jahre her, da bat Heimatkenner Wolfgang Burkhardt die Leser der Dorstener Zeitung um Mithilfe: Er hatte im Internet zwei alte Dorstener Ansichtskarten mit Poststempel von 1910 ersteigert. Auf den Vorderseiten waren repräsentative Häuser abgebildet, die weder er noch andere Heimatexperten in der Stadt verorten konnte.

Zwar wurde nach dem Aufruf ein Haus wiedererkannt. Der Standort der auf der anderen Ansichtskarte abgebildeten „Villa Großbüning, Hervest-Dorsten“ blieb aber unbekannt. Fest stand nur: Ein 1937 in Dortmund verstorbener Moritz Großbüning war Generaldirektor einer Glasfabrik in Gelsenkirchen-Schalke und errichtete in Dorsten auf dem Gelände der späteren Glashütte ein Zweigwerk.

Stadtarchivar Martin Köcher hat per Zufall den Standort der rätselhaften Villa Großbüning auf einer Karte von 1912 entdeckt.
Stadtarchivar Martin Köcher hat per Zufall den Standort der rätselhaften Villa Großbüning auf einer Karte von 1912 entdeckt. © Michael Klein © Michael Klein

Martin Köcher begann zu recherchieren. „Eine Einwohnermeldekarte liegt hier in Dorsten leider nicht vor“, erzählt er. Nach Anfragen im Stadtarchiv Dortmund und dem Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen stieß er aber auf ein Sterbebildchen von Moritz Großbüning, aber in dem dazugehörigen Nachruf gab es nicht ein Sterbenswörtchen zu dessen Dorstener Jahren.

Kommissar Zufall

Im Stadtarchiv ist Martin Köcher auf einen Zeitungsartikel von 1920 gestoßen, in dem die Villa erwähnt wird. In dem Bericht geht es um einen „unsittlichen Angriff“, die Täter konnten in Richtung der Villa Großbüning fliehen. Nichts Konkretes also. Doch dann kam ihm Kommissar Zufall zu Hilfe.

Vor ein paar Wochen erhielt Köcher aus einem Privatbesitz Pläne vom Bau des Wesel-Datteln-Kanals überreicht. „Darunter war auch ein Plan vom Lippeverlauf aus dem Jahr 1912, als es den Kanal noch nicht gab.“

Name verzeichnet

Und auf dieser Karte ist nördlich der Lippe in deren Schleife nahe der Glashütte ein Haus-Umriss samt Grundstücksgrenzen verzeichnet, mit dem Namen des Besitzers: „Moritz Großbüning, Direktor in Schalke“.

Auf der Karte von 1912 ist die Villa Großbüning in einer Schleife der Lippe verortet, die damals noch weiter südlich als jetzt durch Dorsten floss.
Auf der Karte von 1912 ist die Villa Großbüning in einer Schleife der Lippe verortet, die damals noch weiter südlich als jetzt durch Dorsten floss. © Michael Klein © Michael Klein

15, 20 Jahre später wurde der Wesel-Datteln-Kanal gebaut, die Lippe in Dorsten begradigt, ihr Lauf in Richtung Norden verlegt. Auf einer Karte von 1930, die die neue Kanaltrasse zeigt, suchte Martin Köcher gemeinsam mit Willy Ridder, Leiter des Katasteramtes, nach dem Ort, an dem auf der alten Karte von 1912 die Großbüning-Villa stand – und fand das Anwesen wieder.

„Die alte Villa Großbüning gibt es noch heute und sie ist stadtbekannt“, so Martin Köcher. Es handelt sich dabei um die Villa Keller, die heute als Wohnheim von der Lebenshilfe genutzt wird. Der Fabrikant Karl Keller, Direktor der Glashütte, ist im Jahre 1919 in die vor dem Kanalbau noch zu Hervest gehörende Villa mit der Anschrift „Wasserstraße 64“ gezogen.

Von Hervest zur Feldmark

1924 zog er nach Gelsenkirchen, Ehefrau und Kinder blieben aber bis 1933 in der Villa wohnen, die wegen der Grenzverschiebung infolge der Lippeverlegung nun an der Straße „In der Ovelgünne“ liegt und zur Feldmark gehört.

Diese Karte von 1930 ist aus der Zeit nach dem Bau des Wesel-Dattelln-Kanals. Dort, wo auf der Karte von 1912 die Villa Großbüning eingezeichnet war, steht das denkmalgeschützte Gebäude, das heute als
Diese Karte ist von 1930 aus der Zeit nach dem Bau des Wesel-Datttel-Kanals. Dort, wo auf der Karte von 1912 die Villa Großbüning eingezeichnet war, steht das denkmalgeschützte Gebäude, das heute als “Villa Keller” bekannt ist. © Michael Klein © Michael Klein

Vergleicht man die Villa auf der alten Postkarte mit späteren Fotos und dem heutigen Aussehen des Gebäudes, mag man kaum glauben, dass die denkmalgeschützte Villa Keller wirklich identisch mit der Villa Großbüning ist: zu unterschiedlich mutet die jeweilige architektonische Erscheinung an. Womöglich ist die Villa in alten Zeiten schon einmal umfassend umgebaut worden.

Weiter keine Ruhe

Kurios auch, dass sich in einer Broschüre zur Villa Keller, die im Stadtarchiv vorliegt, weder darüber noch über Erstbesitzer Großbüning etwas zu lesen ist. Die Villa wirft also weitere Fragen auf, die Martin Köcher sicherlich nicht in Ruhe lassen werden.

Über den Autor
Redaktion Dorsten
Geboren 1961 in Dorsten. Hier auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach erfolgreich abgebrochenem Studium in Münster und Marburg und lang-jährigem Aufenthalt in der Wahlheimat Bochum nach Dorsten zurückgekehrt. Jazz-Fan mit großem Interesse an kulturellen Themen und an der Stadtentwicklung Dorstens.
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