Wie ein Ingenieur aus Dorsten die Stromversorgung der Städte revolutionieren möchte

hzRegeneratives Stadtkraftwerk

Das Gehirn eines Konstrukteurs ruht nie: Das sagt der Dorstener Johannes Krecher. Er hat ein regeneratives Stadtkraftwerk erfunden. Aber noch keine Partner für seine zündende Idee gefunden.

Dorsten, Rhade

, 22.02.2020, 04:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Energiewende ist das eine, eine zündende Idee, wie die Stromversorgung ohne Kohle und Atomkraft in Deutschland rund um die Uhr sichergestellt werden kann, das andere. Johannes Krecher (82), Ingenieur aus Rhade, hat eine Idee entwickelt, die reif für die Umsetzung ist. Ein regeneratives Stadtkraftwerk, das ausschließlich mit Strom aus Wind-, Sonne- und Biomasse gespeist werden kann und trotzdem bis zu 1,2 Millionen Menschen sicher versorgen könnte. Das sagt er.

Die Forschungsanstalt Jülich, eine der führenden Adressen Deutschlands für Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen in den Bereichen Information, Energie und Bioökonomie, hat dem Rhader Ingenieur schriftlich bescheinigt: „Wir halten Ihre Idee eines ,Stadt-KW 100 % regenerativ‘ für technisch grundsätzlich umsetzbar. Aufgrund der uns vorliegenden Unterlagen und der dargestellten Idee inklusive physikalischem Hintergrund sind wir von der prinzipiellen technischen Umsetzbarkeit des Konzeptes überzeugt.“

Das Stadtkraftwerk arbeitet mit einem Wirkungsgrad von 82 Prozent und kann eine Lebensdauer von mehr als 80 Jahren erreichen - Batterien haben maximal zehn Jahre Lebensdauer.
Johannes Krecher

Das klingt gut, hilft Krecher aber nicht weiter. „Mir rennt die Zeit davon“, sagt der Ingenieur. Die Patentierung seines Stadtkraftwerkes sei im vollen Gang: „Ich brauche Partner, um das Stadtkraftwerk zu bauen.“ Dazu benötige er eine Stadt, die sich als Modellkommune zur Verfügung stelle, aber auch digital gut aufgestellte Partner sowie einen Fertigungsbetrieb. In Dorsten seien die Verhandlungen zunächst gut angelaufen, so Krecher, hätten letztendlich leider aber in eine Sackgasse geführt.

Die Stadt nennt Gründe, warum das Projekt in Dorsten aus ihrer Sicht noch nicht angestoßen werden konnte: „Wir können die technische und wirtschaftliche Realisierbarkeit des Stadtkraftwerkes nicht abschließend beurteilen. Wir werden nicht als (Teil)-Investor auftreten“, sagt Stadtsprecher Ludger Böhne auf unsere Anfrage. Dieses Vorhaben bedürfe „einer Projektstruktur mit weiteren Beteiligten - Investoren, Versorgern, Fachhochschulen, Fördergebern“.

Das historische Wasserkraftwerk Spichra an der Werra in Thüringen produziert Strom: „Eine uralte Sache“, sagt auch Johannes Krecher. Neu sei, wie man regenerative Energie einbinden und die Netzleistung verstetigen könne.

Das historische Wasserkraftwerk Spichra an der Werra in Thüringen produziert Strom: „Eine uralte Sache“, sagt auch Johannes Krecher. Neu sei, wie man regenerative Energie einbinden und die Netzleistung verstetigen könne. © picture alliance/dpa

Das ist Johannes Krecher prinzipiell klar. Seinen Vorstoß in die Öffentlichkeit betrachtet er als letzte Möglichkeit, Interessenten zu mobilisieren: „Ich kann nicht als Einzelperson noch zig Anfragen stellen und Gespräche führen. Ich bin ein Ingenieur, der was bauen will.“

Gehör als Privatmensch finde man so gut wie gar nicht bei solchen Schaufensterprojekten. „Bei RWE in Essen war ich schon, der Energieversorger war prinzipiell interessiert. Am Ende scheiterten die Gespräche aber daran, dass ich keine Powerpoint-Präsentation bieten konnte“, so Krecher. Er sei ein Mann, der noch am Reißbrett arbeite: „Damit können Jüngere aber wohl nichts anfangen.“

Und das bietet Johannes Krecher potenziellen Zuschussgebern oder Fertigungsbetrieben, die seine Idee aufnehmen und umsetzen möchten: „Ich habe ein Kraftwerk, das volatile (flatterhafte) Energie aufnimmt und durch Stromwäsche in verstetigte Energie umwandelt.“ Als Basis für die Kraftwerke des neuen Typs könnten alte Kraftwerksstandorte in Deutschland dienen: „Die komplette Infrastruktur ist eine sehr gute Grundlage für ein Stadtkraftwerk.“

Speicherkraftwerke in den Alpen als Vorbild

Vorbild für sein Turbine-Generator-Pumpe-Stadtkraftwerk (TGP-Kraftwerk) seien die in den Alpen üblichen Speicher-Kraftwerke: „Die funktionieren über Wasser als Betriebsstoff“, sagt Krecher. Seine Kraftwerke bräuchten eine einmalige Füllung der Speicher mit 1,6 Millionen Liter Wasser. Dafür müsse aber kein Fluss oder See in der Nähe sein.

Ein solches Kraftwerk könne 10 bis 200 Megawatt Strom liefern, ohne dass die Haushalte oder Abnehmer einen Blackout befürchten müssten. Zum Vergleich: Ein Block des Braunkohlekraftwerkes Garzweiler brächte es auf 600 Megawatt Leistung. „Dafür müssen aber sieben Mühlen 130 Tonnen Braunkohle stündlich vermahlen“, sagt der ehemalige Babcock-Ingenieur, der selbst zu seiner aktiven Arbeitszeit für Braunkohlekraftwerke tätig war.

Windräder drehen sich auch in Dorsten: Ihren Strom könnte man fürs Stadtkraftwerk nutzen.

Windräder drehen sich auch in Dorsten: Ihren Strom könnte man fürs Stadtkraftwerk nutzen. © picture alliance / dpa

Warum regenerative Kraftwerke in Deutschland noch nicht gang und gäbe sind, kann Krecher erklären: „Es gibt noch keine Anlagen, die volatile Energien verstetigen.“ „Die Sonne scheint nur tagsüber und auch nicht immer, beim Wind gibt es Flauten.“ Sein Wasserkraftwerk könne diese volatile Energie so verstetigen, dass exakt 50 Hertz Netzfrequenz aufrechterhalten werden, ist der Konstrukteur überzeugt. Es müssten also keine neuen Leitungen gelegt werden.

Wie das sichergestellt wird, erklärt Krecher so: „Wind, Biomasse und Solarstrom, der als volatiler Rohstoff vom TGP-Stadt-Kraftwerk aufgenommen wird, erfährt über elektrisch betriebene Speicher-Pumpen eine physikalische Wandlung. „Stromwäsche“ nennt der Ingenieur das. „Das bedeutet, dass die Verteil- und Überlandnetze optimal arbeiten können, so wie wir es als Verbraucher seit Jahrzehnten gewohnt sind.“

Bundeswirtschaftsministerium hat Initiative angestoßen

Wenig hält der Dorstener Ingenieur von den Bemühungen der vom Bundeswirtschaftsministerium angestoßenen Initiative „Sintec“. Fünf Projekte in fünf Regionen Deutschlands arbeiten seit dreieinhalb Jahren daran, die Energieversorgung sicher, wirtschaftlich und umweltverträglich zu modernisieren - „alles läuft auf Batteriespeicherkraftwerke hinaus“, hat der Ingenieur aus Dorsten in seinem Verbandsblatt VDI nachgelesen. Das sei nicht umweltfreundlich, so Krecher. Denn Batterien hätten eine kurze Laufzeit, würden aus wertvollen Rohstoffen weltweit gespeist und müssten aufwendig entsorgt werden.

Beim NRW-Innovationsministerium hat Johannes Krecher seine Idee eingereicht, um Fördergelder zu bekommen. Ein weiterer Vorstoß des Dorsteners, seine Pläne zu verstetigen und der Nachwelt einen brauchbaren Anstoß zu liefern, wie die Stromversorgung der Zukunft in Deutschland umweltfreundlich sichergestellt werden kann.

Fakten des TGP-Stadtkraftwerkes

  • 100 Prozent regenerativ.
  • Nur Wasser, Wind und Sonne werden eingesetzt.
  • 100 Prozent emissionsfrei, kein CO2, NOx, SO2 und Staubemissionen.
  • 80 Jahre Lebensdauer.
  • Der Wasserspeicher sorgt für die Feinregulierung von Last und Leistung im Tagesgang.
  • Niedrige Gefahrenklasse.
  • Niedrige Geräuschemissionen.
  • Kraftwerksstandorte bleiben erhalten.
  • Netzanschlüsse und Trafos vorhanden.
  • Sichere Steuereinnahmen für Städte mit Kraftwerksstandort.
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