Telefonseelsorge: Selbstmordgedanken und Einsamkeit quälen Anrufer

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Die Telefonseelsorge hat ihre Schichten ausgeweitet, um die erhöhte Nachfrage bewältigen zu können. Was die Anrufer und Chat-Nutzer wegen Corona bewegt, ist alarmierend.

Dorsten

, 18.07.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Telefonseelsorge Recklinghausen hat für die Monate April bis Juni eine deutliche Steigerung der Nachfrage erfasst. Auffällig vor allem: Gespräche kreisen immer häufiger um das Thema Selbstmord.

In konkreten Zahlen zeigt sich der Unterschied so: 3000 Anrufe zählte die Telefonseelsorge von April bis Juni. Im Vorjahr waren es in dem Zeitraum 2200.

Hinzu kommt das erhöhte Chat-Aufkommen. Waren es vor Corona noch im Schnitt 90 Chats, die die Telefonseelsorge Recklinghausen monatlich zählte, sind es nun im Schnitt 200 im Monat. Die Ehrenamtler fahren deshalb mehr Schichten als üblich.

Not psychisch erkrankter Menschen ist groß

„Die Not der jungen Menschen ist groß“, so die Leiterin der Telefonseelsorge im Kreis Recklinghausen, Gunhild Vestner. Vor allem psychisch Erkrankte würden nun häufiger die Telefonseelsorger kontaktieren, denn die Therapeuten seien „nicht so erreichbar“. Eigentlich werden diese Menschen schon psychotherapeutisch wegen ihrer Depression oder Borderline-Störung behandelt, aber Corona habe die Versorgungssituation verändert. „Das psychosoziale Hilfenetz ist sehr ausgedünnt. Psychiatrien haben versucht, Stationen leerzuziehen, um Schutzmaßnahmen umzusetzen“, weiß Vestner.

Wenn Ihre Gedanken um das Thema Suizid kreisen oder Sie darüber nachdenken, sich das Leben zu nehmen, holen Sie sich Hilfe. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111 erreichbar. Den Chat erreichen Sie unter https://online.telefonseelsorge.de/. Sie können sich auch an die Telefonseelsorge wenden, wenn Sie Sorge haben, dass jemand in ihrem Umfeld sich umbringen will.

Äußere Krise kann kurzfristig von innerer Krise ablenken

Was überrascht: Zu Beginn des Lockdowns im April beschäftigte das Thema Selbstmord weniger Menschen als üblich. „Eine äußere Krise kann von einer inneren Krise erst mal ablenken“, erklärt die Pfarrerin. Deshalb handelten in den ersten Wochen nur 20 Prozent der Gespräche von diesem Thema, 10 Prozent weniger als vor dem Lockdown.

So bekam Gunhild Vestner von einer Patientin mit einer sozialen Phobie die Rückmeldung, dass sie sich sehr viel normaler fühle, jetzt wo alle in ihren eigenen vier Wänden bleiben müssten. Doch mit der Zeit rückten die Gedanken an Selbstmord wieder in den Fokus und die Zahlen stiegen deutlich an - auf 36 Prozent in Juni.

Telefonseelsorge via Chat ist bei jungen Frauen beliebt

Den Chat nutzen vor allem junge Frauen. Vor Corona waren die meisten Nutzer zwischen 20 und 29 Jahre alt. Vestner hat eine Veränderung festgestellt: Die Gruppe der jungen Leute, die noch bei ihren Eltern leben, habe sich stärker erhöht. „Der Anteil hat sich durch die Pandemie verschoben.“

Die Beobachtung passt zu den Zahlen einer Studie, die unlängst das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf veröffentlicht hat. Per Online-Fragebogen wurden 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren zu ihrem Wohlbefinden befragt. Das Ergebnis war alarmierend: 71 Prozent gaben an, sich durch die Pandemie belastet zu fühlen, zwei Drittel sprachen von einem geringeren psychischen Wohlbefinden.

Die tägliche Dosis Kontakt

Sorge bereitet Vestner auch die hohe Zahl der Anrufer, die unter Einsamkeit leiden. „Einsamkeit macht krank und wird ähnlich verarbeitet wie Schmerzen“, erklärt die Pfarrerin. Depressionen und Suizidgedanken können die Folge sein. Laut einer Studie des Instituts für Deutsche Wirtschaft fühlt sich rund jeder Zehnte oft oder sehr oft einsam.

Schon 2019 sei Einsamkeit ein Brandthema gewesen, doch jetzt sei es schwieriger, den Menschen zu helfen. Die Möglichkeiten mit Menschen in Kontakt zu kommen, sei es über die Gemeinde oder Vereine, sind durch Corona stark eingeschränkt.

Für viele Anrufer sei die Telefonseelsorge „die tägliche Dosis Kontakt, um über den Tag zu kommen“, schildert Vestner die Bedeutung der ehrenamtlichen Arbeit eindringlich.

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