Warum ein Dorstener seinen Manager-Job kündigte, um in Norwegen Müll zu sammeln

hzAussteiger

Die Rettung des Planeten erfordert Opfer. Oft entpuppt sich dies als leeres Gerede. Der Dorstener Matthias Böing zieht es durch. Warum er ein Luxus-Leben aufgab – und damit sein Glück fand.

Dorsten

, 04.11.2019, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anstellung bei Eon, Duales Management-Studium, Auslandssemester in Boston, Master in England, Unternehmensberater in New York und für PwC in Düsseldorf, Management bei Daimler, Produkt-Manager bei Porsche. Der Dorstener Matthias Böing hat den Kapitalismus durchgespielt. Mit 29.

Heute sammelt er Müll an der norwegischen Küste. Zuletzt am Insel-Archipel Vega, das zum Weltkulturerbe gehört. Ausgerechnet in dem scheinbar unberührten Naturparadies zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe in den Weltmeeren.

Seit Jahrzehnten werden hier Tausende Tonnen von Plastikmüll aus aller Welt angeschwemmt. Cola-Flaschen, Kaffe-Deckel, Shampoo-Packungen. Aus Holland, Russland und England. Jahrzehntealte Plastikflaschen zerbröseln in der Hand. „Das Ausmaß ist erschreckend“, sagt der Dorstener.

Warum ein Dorstener seinen Manager-Job kündigte, um in Norwegen Müll zu sammeln

Jahrzehntealten Plastikmüll finden die Umweltschützer an der norwegischen Küste. © In The Same Boat

100 Kilo Müll am Tag pro Person

Seit dreieinhalb Monaten arbeitet er für die norwegische Nichtregierungsorganisation (NGO) „In The Same Boat“. Mit dem Segelboot fahren die Umweltschützer die norwegische Küste entlang, legen an unbewohnten Inseln und entlegenen Küstenstreifen an und sammeln Plastikmüll. 100 Kilo am Tag pro Person.

250 Tonnen Müll im Jahr 2019 sammelte die Gruppe von Freiwilligen. Es ist ein fast aussichtsloser Kampf. Rund 20.000 Tonnen liegen noch allein an der norwegischen Küste, schätzt Böing. Seinen Ehrgeiz hat er sich bewahrt. Bis 2025 will er mit seinen Kollegen alles einsammeln.

Warum ein Dorstener seinen Manager-Job kündigte, um in Norwegen Müll zu sammeln

100 Kilo pro Person pro Tag. Der gesammelte Plastikmüll wird dem Recycling-System zugeführt. © In The Same Boat

„Irgendwie fehlte mir der Sinn“

Die Zeit wird knapp. Nur noch zwei Wochen bleiben dem Team in diesem Jahr. „Es wird hier langsam kalt, nass und dunkel“, so Böing. Im Winter wird das Anlegen an den Felsenküsten unmöglich. „Zu stürmisch“, sagt der 29-Jährige.

Der Job ist für Böing mehr als eine temporäre Auszeit. Seinen lukrativen Job als Produktentwickler für Digitales bei Porsche hat er gekündigt. Innerhalb von vier Tagen löste er seine Wohnung auf, verkaufte die Möbel und brach über Dorsten auf nach Norwegen.

Warum ein Dorstener seinen Manager-Job kündigte, um in Norwegen Müll zu sammeln

Ein Leben auf dem Segelboot. Mehr als 100 Seemeilen legten die Freiwilligen in diesem Jahr zurück. © In The Same Boat

„Irgendwie fehlte mir der Sinn“, sagt er rückblickend. Mit Arbeitgebern wie dem Consulting-Riesen PwC habe er sich nie identifizieren können. Auch das Leben auf dem Gaspedal wurde ihm zuviel. „Ich habe mich in meinem Leben immer beeilt. Und die Consulting-Branche ist eine krasse Industrie.“ Also zog er die Notbremse. Der Entschluss sei nicht spontan gereift, sondern in einem langen Prozess. „Das war nur noch die logische Schlussfolgerung.“

„Das Schlimmste sind die Netze“

“Plastic Pirate“ nennt er sich jetzt im Internet - vom Produkt-Manager zum Piraten in vier Tagen. „Das war schon ein 180-Grad-Wechsel. Ich hatte ein tolles Gehalt und einen Dienstwagen. Jetzt arbeite ich unentgeltlich. Aber ohne Opfer ist es nicht möglich.“

Ein verrückter Schritt? Nicht für Matthias Böing: „Das ist, wofür mein Herz schlägt.“ Jetzt segelt er durch eine Traumkulisse, schippert abends den Nordlichtern entgegen. „Ich habe immer in großen Städten gewohnt. Da ist die Natur weit weg. Man merkt nicht, was man ihr antut“, sagt der Dorstener. „Dieses Bewusstsein fehlte mir.“

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„Ich wollte etwas für die Gemeinschaft tun“, sagt der Aussteiger. Dass es das Projekt in Norwegen wurde, ist wohl kein Zufall. Segelerfahrung hatte er schon. „Und beim Segeln rund um Stockholm, habe ich gesehen, wie groß das Müllproblem ist.“

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Besonders Netze der Fischerei-Großindustrie finden die Helfer an den Küsten. © In The Same Boat

Jetzt bekommt er es täglich vor Augen geführt. Kinderpuppen, die ihn mit großen Augen anschauen. Ketchup-Flaschen, selbst volle Ölfässer. „Das Schlimmste sind aber die Netze“, sagt er. „Die werden mit dem Messer abgeschnitten und bewusst über Bord geworfen.“ Tiere verfangen sich darin und verenden qualvoll. Verantwortlich dafür seien nicht die lokalen Fischer, sondern vor allem die großen Trawler der global tätigen Fischerei-Industrie.

Ein Manager arbeitet an der Expansion

„Es ist wichtig zu wissen, woher das Problem kommt“, sagt der Dorstener. „Deshalb wäre es ein wichtiger erster Schritt, nur noch lokalen Fisch zu essen.“ Aber nicht nur die Frage nach der Verantwortung der Konsumenten beschäftigt Böing. „Wir finden an jedem Strand Ketchup-Flaschen einer norwegischen Marke. Die sammeln wir und bringen sie zum Hersteller nach Oslo.“

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Abends geht es den Nordlichtern entgegen. © In The Same Boat

Während der Sammel-Pause im Winter arbeitet der 29-Jährige auf anderer Ebene weiter. Er hält Vorträge, um auf das Problem aufmerksam zu machen. „Wir wollen zeigen, was wir finden, damit die Leute umdenken.“

Aber das ist nicht das einzige Ziel. Denn das Projekt soll expandieren. Und wer könnte dafür besser geeignet sein als Business-Profi Matthias Böing? „Ich baue die Internationalisierung auf. Wir wollen mit dem Projekt demnächst nach Griechenland.“ An Freiwilligen fehle es dafür nicht, eher an Geld. „Funding“, sagt Matthias Böing. Ein bisschen ist er immer noch Manager.

  • Pfand-Berge aus Plastik: Im Kreis Recklinghausen könnten pro Jahr rund 61 Millionen Einwegflaschen allein bei Mineralwasser und Erfrischungsgetränken eingespart werden, wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mitteilt.
  • Dafür müssten Hersteller und Handel lediglich konsequent die gesetzliche Mehrwegquote einhalten. Hier lag der Anteil wiederbefüllbarer Mehrwegflaschen nach Angaben des Umweltbundesamts zuletzt bei lediglich 33 Prozent. Gesetzlich vorgeschrieben ist seit diesem Jahr jedoch eine Mehrwegquote von 70 Prozent.
  • Die NGG ruft die Getränkehersteller und den Handel dazu auf, den „Einweg-Trend auf Kosten von Umwelt und Jobs“ zu beenden. Hersteller, die die Mehrwegquote von 70 Prozent nicht einhalten, müssen bislang mit keinerlei Sanktionen rechnen, kritisiert die NGG.
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