Weil die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen war: Vierte Prozessrunde um Oralsex

hzSexuelle Nötigung

Es ist ein Fall, der „zwei Familien in tiefes Unglück gestürzt hat“: Im Prozess um eine sexuelle Nötigung treffen sich Angeklagter und sein Opfer wieder. Richter hatten Fehler gemacht.

Dorsten

, 17.06.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

2017 musste sich ein damals 32-jähriger Lembecker wegen mutmaßlicher sexueller Nötigung einer Bekannten vor dem Schöffengericht in Dorsten verantworten. Ihm wurde zur Last gelegt, die 30-jährige Frau in der Silvesternacht 2016/17 zum Oralsex gezwungen zu haben.

In Dorsten wurde der Mann im November 2017 freigesprochen; in Essen wurde er von einer kleinen Strafkammer am 10. April 2018 wegen Vergewaltigung verurteilt, nachdem die Frau Berufung gegen den Dorstener Freispruch eingelegt hatte. Ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung lautete der neuerliche Richterspruch.

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Gegen das Essener Urteil legte wiederum der Angeklagte Revision vor dem Oberlandesgericht in Hamm ein. Sein Anwalt rügte am ersten Essener Verfahren, dass die Öffentlichkeit bei den Schlussvorträgen nicht ausgeschlossen worden sei. Es handele sich um ein Unterlassen des Gerichts. Gleichzeitig solle das angefochtene Urteil aufgehoben werden.

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Der 5. Strafsenat des Oberlandesgerichtes Hamm erkannte jetzt darauf, dass das Urteil aufgehoben werden muss und „die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten des Revisionsverfahrens“ an eine andere kleine Strafkammer in Essen zurückverwiesen werden soll.

So wird es nun eine weitere Runde in einem Fall geben, der die Beteiligten stark belastet. Die mittlerweile 32-jährige Frau hatte wegen des aus ihrer Sicht erzwungenen Sex‘ Traumata erlitten. Sie sei monatelang in stationärer Therapie gewesen, um das Erlebte zu verarbeiten. Eine ambulante Behandlung sei im Anschluss geplant, so die Informationen unserer Zeitung.

Aus Rücksicht auf die Intimsphäre gehandelt

Der Angeklagte selbst beansprucht für sich, in Essen aus Rücksicht auf die Intimsphäre seiner Bekannten nicht alles gesagt zu haben: „Infolge des unterbliebenen Ausschlusses der Öffentlichkeit während der Schlussvorträge - hierunter ein Vertreter der Presse sowie der Ehemann der Nebenklägerin - habe sich der Angeklagte nicht in der Lage gesehen, in seinem letzte Wort auf intime Details der in nicht öffentlicher Verhandlung gemachten Aussage der Nebenklägerin einzugehen, obschon er das gewollt habe“, heißt es in den Ausführungen der Richter in Hamm.

Letztendlich habe er „aus Resignation unterlassen, zu äußern, dass er weitere Ausführungen habe machen wollen und sich schließlich wesentlich den Ausführungen seines Verteidigers angeschlossen“.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Hamm beantragte, die Revision als unbegründet zurückzuweisen. Das Gericht entschied aber: Die Revision des Angeklagten ist begründet.

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