Wie schnell ist der Kfz-Verkehr auf der Luisenstraße? Eine verdeckte Messung überrascht

hzForderung nach Tempolimit

An Tempo 30 in der Luisenstraße scheiden sich die Geister. Stadt und Anlieger sind geteilter Meinung. Eine verdeckte 24-Stunden-Geschwindigkeitsmessung dürfte alle überraschen.

Dorsten

, 28.11.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Marienviertel, Cafe Spangemacher und Bismarckstraße an einem Samstagmorgen: Ein Auto düst mit holperndem Anhänger im rasanten Tempo vorbei. „Das waren geschätzte 60 km/h“, wollen Bewohner des Marienviertels beim morgendlichen Kaffee von ihrem Beobachtungsposten ausgemacht haben. Sie halten daran fest, dass das herrschende Tempolimit von 30 nicht gekippt werden darf, wenn die Luisenstraße umgebaut worden ist.

Was spricht für 50, was gegen 30?

Mit der Erneuerung der Luisenstraße sollen – so die bisherigen Überlegungen der Stadtverwaltung – die beiden Tempo-30-Bereiche auf der Bismarck- und der Luisenstraße abgeschafft werden. Dann soll auf beiden Straßen das innerörtliche Tempolimit 50 km/h gelten.

„Wir möchten die Beibehaltung von 30 km/h, das hat sich bewährt“, sagt indes Luisenstraßen-Bewohner Gerd Schute. Er hat für diese in einem Positionspapier untermauerte Forderung viel Beifall auf der jüngsten Versammlung der Initiative Zukunft Marienviertel (IZM) erhalten.

Die Luisenstraße und die Bismarckstraße sind Zubringerstraßen im Viertel. Für die Stadt sind es Vorbehaltsstraßen, heißt: Wenn die Borkener Straße verstopft ist, muss der Verkehr alternativ abfließen können. Abfließen wiederum heißt: 50 km/h müssen, wie fast überall innerorts, erlaubt sein.

Gefühlte Geschwindigkeit und echte Geschwindigkeit

Die von Beobachtern gefühlte Geschwindigkeit von Fahrzeugen stimmt häufig aber nicht mit dem tatsächlich gefahrenen Tempo überein. Auf Anfrage sagte Stadtsprecher Ludger Böhne, dass der Super-Radarwagen der Stadt - er kann in beide Richtungen blitzen - in diesem Jahr einmal an der Luisenstraße die Geschwindigkeiten gemessen habe. Innerhalb von vier Stunden seien 116 Fahrzeuge registriert worden, die mit mehr als 39 km/h unterwegs waren - rechnet man das haarscharf herunter, waren das stündlich 29 Fahrzeuge.

Verdeckte Messung ist ein anerkanntes Verfahren

Im Geheimen lief indes eine 24-Stunden-Messung der Abteilung Verkehrsplanung der Stadt am 5. November an der Luisenstraße ab, um den tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeiten und dem Fahrzeugaufkommen auf die Spur zu kommen. „Die verdeckte Messung ist ein anerkanntes Verfahren. Anders als die Smiley-Tafel ist sie für Autofahrer nicht erkennbar“, sagt Ludger Böhne. Diese Messungen würden nur an Dienstagen oder Donnerstagen durchgeführt und nur außerhalb von Ferienzeiten.

Laut Auskunft von Böhne wurde auf halber Strecke zwischen Hammbachbrücke und abknickender Vorfahrt an der Luisenstraße gemessen (vor Haus Luisenstraße 9f).

Für die Luisenstraße ergaben sich demnach folgende Werte:

Gezählt wurden in 24 Stunden 3806 Fahrzeuge, davon 3440 Pkw, 96 Zweiräder und 270 Last- bzw. Schwerlastfahrzeuge. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 37 km/h, der für Verkehrsplaner relevante „V85“-Wert (die Geschwindigkeit, die von 85 Prozent aller Fahrzeuge nicht überschritten wird) bei 44 km/h.

Es wurden 121 Fahrzeuge registriert mit Geschwindigkeiten zwischen 50 und 60 km/h sowie 7 Fahrzeuge mit Geschwindigkeiten von 60 bis 70 km/h (diese vor 7 Uhr bzw. nach 19 Uhr). Der absolute Spitzenwert lag bei 67 km/h.

Anlieger: Wie kann die Stadt nur?!

Dass Tempo 30 nur noch zeitlich begrenzt gelten soll, können Vertreter der Initiative Zukunft Marienviertel (IZM) nicht nachvollziehen. In einer Stellungnahme, die der Redaktion vorliegt, spricht Maria Hoffrogge aus, was viele ihrer Mitbewohner denken: „Wie kann die Stadt nur?!“

Die Stadt lege als Grundlage für ihre Befürwortung der Wiedereinführung von 50 km/h die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Autofahrer zugrunde. Es werde davon ausgegangen, dass „eine Einbremsung des Verkehrs im gesamten Stadtgebiet letztlich von Autofahrern nicht akzeptiert würde“. Die IZM habe dazu folgenden Standpunkt:

„Lebensqualität der Bewohner sollte oberste Priorität haben“

„Erstens sind auch Gebiete, in denen sich sogenannte ‚Vorbehaltsstraßen‘ zur Entzerrung eines hohen Verkehrsaufkommens befinden, vorrangig Wohngebiete, in denen die Lebensqualität der Bewohner oberste Priorität haben sollte. Zweitens sollte eine in die Zukunft gerichtete Verkehrspolitik implizieren, dass man im Sinne der Umwelt vorrangig die nicht CO 2-ausstoßenden Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer in den Blick nimmt“, heißt es in der Stellungnahme der IZM.

Fazit der Initiative „Es gibt Argumente genug, das Tempolimit beizubehalten, denn auch bei Tempo 30 bleibt eine ‚Vorbehaltsstraße‘ eine Alternative für Ausnahmesituationen wie sehr hohes Verkehrsaufkommen, Unfälle etc. auf den Hauptstraßen, bei Tempo 50 aber wird sie sich schnell als normale Durchfahrtstraße mit den bekannten Risiken etablieren.“

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