Überraschung: Im Prozess um einen Würgeangriff in der Hertener LWL-Klinik. © Werner von Braunschweig
Landgericht Bochum

Würger-Prozess: Dorstener simulierte jahrelang einen psychisch Kranken

Ein Mann aus Dorsten wird in vier Jahren an 455 Tagen stationär als psychisch Gestörter in der LWL-Klinik in Herten behandelt. Jetzt zerplatzte seine bizarre Lügengeschichte.

Dann nennt man dann wohl eine faustdicke Überraschung: Im Prozess um einen Würgeangriff in der Hertener LWL-Klinik ist am Donnerstag bekannt geworden, dass der angeklagte Dorstener offenbar jahrelang ein perfekter Simulant gewesen ist. Zur festen Überzeugung eines Psychiaters hat der 23-Jährige angeblich bei ihm seit Jahren vorliegende psychische Störungen durchweg nur vorgetäuscht.

„Er hat kein Trauma, er hat keine Persönlichkeitsstörung – er ist ein kerngesunder 23-jähriger junger Mann“, legte sich der vom Bochumer Schwurgericht beauftragte Sachverständige am Donnerstag fest. Eine drohende Zwangseinweisung in die geschlossenen Psychiatrie zum Schutz der Allgemeinheit scheint damit bereits vom Tisch.

Keine Defizite

Der Gutachter hatte zuletzt stundenlang mit dem Angeklagten ein Explorationsgespräch in der LWL-Klinik in Lippstadt (dort war der 23-Jährige vorläufig untergebracht) geführt. „Dabei habe ich gleich vorweggeschickt, dass ich auf die Wahrheit angewiesen bin“, erklärte der Sachverständige. „Er hat mir dann berichtet, dass er sich in der Psychiatrie absolut fehlplatziert sieht und große Angst hat, am Ende des Prozesses im Maßregelvollzug untergebracht zu werden.“

Sowohl von der körperlichen, als auch von der geistigen Seite her konnte der Sachverständige bei dem 23-Jährigen keinerlei Defizite ausmachen. „Es gibt überhaupt keine Anzeichen, dass hier eine Psychose vorliegt. Das kann man ganz sicher ausschließen“, so der Sachverständige.

Angeblich vom IS gekidnappt

Dem 23-Jährigen sei es offensichtlich gelungen, vor Jahren eine Lügengeschichte zu stricken, er sei im Libanon vom „IS“ gekidnappt, gegen 300.000 Euro ausgelöst worden und dadurch schwer traumatisiert. In der Folgezeit habe er es in vier Jahren auf 455 stationäre Behandlungstage in der LWL-Klinik Herten gebracht – zuletzt mit der Diagnose einer instabilen Persönlichkeitsstörung. Allein bei einer bestimmten Ärztin soll der 23-Jährige 500 Behandlungsstunden absolviert haben. „Eine unglückliche Ärztin-Patienten-Beziehung“, hieß es dazu am Bochumer Schwurgericht.

Mitpatient war bewusstlos

Im Mittelpunkt des Prozesses steht ein Würgeangriff auf einen Mitpatienten im Garten der Hertener LWL-Klinik am 25. August 2019. Mit einem Griff im Stile der umstrittenen Kampfsportart Mixed Martial Arts (MMA) soll der 23-Jährige einen Mitpatienten so fest umklammert haben, dass dieser bewusstlos zusammenbrach.

Nach dem Gutachten des Psychiaters läuft nun wohl alles darauf hinaus, dass der Dorstener zu einer „normalen“ Haftstrafe wegen Körperverletzung verurteilt wird. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. Urteil: voraussichtlich am 12. März.

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