Gefährliche Krankheit für Schwangere: Wie sie sich vor Zytomegalie schützen sollten

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Zyto…was? Das fragen viele Frauen, wenn sie in der Schwangerschaft auf einen Test auf Zytomegalie angesprochen werden. So wenig bekannt das Virus ist, so gefährlich ist es für das Baby.

Dorsten

, 17.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Deswegen ist es wichtig, die Krankheit – und wie man sich vor ihr schützen kann – noch bekannter zu machen, findet der Dorstener Pränataldiagnostiker Dr. Thomas von Ostrowski.

Zytomegalie, genauer das humane Zytomegalievirus, gehört zur Familie der Herpesviren. Es ist für gesunde Erwachsene und Kinder in der Regel ungefährlich. Gefährlich ist es allerdings für alle kranken Menschen, insbesondere für Personen mit geschwächtem Immunsystem. „Bei dieser Personengruppe kommt es zu Lungenentzündungen, Infektionen des Darms, auch eine Beteiligung des Gehirns und Auges ist möglich. Bei sehr kranken Menschen kann es auch zum Tod führen“, skizziert Thomas von Ostrowski die Auswirkungen einer Infektion.

Wer einmal infiziert war, ist gegen weitere Infektionen in der Regel immun. Selten ist eine Reaktivierung des Virus oder auch eine Zweitinfektion mit einem anderen, genetisch unterschiedlichen Zytomegalievirus möglich.

Zytomegalie ist gefährlich für Schwangere

Für Schwangere, die eine Zytomegalie noch nicht durchlaufen haben, ist eine Ansteckung mit dem Virus ein besonderes Problem: Es kann das ungeborene Kind gefährden. 47 Prozent der Schwangeren weisen laut Robert-Koch-Institut eine Immunität auf, haben eine Infektion also bereits durchlaufen.

Jennifer Neumann gehört zu der knappen Mehrheit ohne Immunschutz. Das weiß sie, seit sie mit ihrem ersten Sohn schwanger war. Wie viele Frauen ließ sie sich in der frühen Schwangerschaft auf Toxoplasmose, Ringelröteln und eben Zytomegalie testen. Gegen das gefährliche Virus zeigten sich bei der Blutuntersuchung keine Antikörper; sie hatte eine Infektion bisher also nicht durchlaufen. „Ich wurde dann mehrfach in der Schwangerschaft getestet.“ Aber sie hatte Glück, steckte sich nicht an, obwohl sie keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen ergriff.

Keinen engen Kontakt zu Kindergartenkindern

Das musste sie auch nicht, denn zur „Hauptinfektionsquelle“ hatte sie in ihrer ersten Schwangerschaft keinen engen Kontakt: Kindergartenkinder. Das Virus wird von Infizierten mit den Körperflüssigkeiten ausgeschieden und durch engen Kontakt auf andere übertragen, sprich durch Speichel, Blut, Tränen und Urin.

„Im Kindergarten sind sich die Kinder sehr nahe, kommen mit dem Speichel und Tränen der anderen in Kontakt und stecken sich gegenseitig schnell an. Einige Kinder sind drei bis sechs Jahre lang ‚Ausscheider‘, Erwachsene nur ein halbes Jahr. Das heißt: Sie können viel länger und viel mehr Menschen anstecken“, sagt Thomas von Ostrowski.

Deswegen sind gerade Schwangere, die beruflich viel mit kleinen Kindern zu tun haben, gefährdet. Erzieherinnen, die schwanger werden und nicht immun sind, erhalten mitunter ein Beschäftigungsverbot, um sich und das Kind in ihrem Körper zu schützen. Frauen, die zum zweiten Mal schwanger sind, können sich hingegen nicht von ihrem Erstgeborenen, häufig im Kleinkindalter, fernhalten. Für Jennifer Neumann ein echtes Problem.

Sie ließ sich wie in ihrer ersten Schwangerschaft wieder sehr früh, in der achten Schwangerschaftswoche, auf Zytomegalie testen, hoffte, in der Zwischenzeit einen Immunschutz erworben zu haben. Hatte sie nicht. Noch viel schlimmer: Der Test fiel positiv aus. Sie hatte sich – wahrscheinlich bei ihrem ersten Sohn – in der Zeit der zweiten Schwangerschaft angesteckt.

Bekommen wir ein behindertes Kind?

„Ich hatte 1000 Fragen im Kopf“, erinnert sie sich. Eine dominierte: Bekommen wir jetzt ein behindertes Kind? „Man soll ja nicht googeln, aber das habe ich natürlich trotzdem gemacht und was ich fand, hat mich dann doch sehr besorgt.“

Denn eine Infektion kann massive Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. Bei infizierten Schwangeren wird das Virus in 20 Prozent der Fälle auf das Kind übertragen. In diesen Fällen sind bei über 50 Prozent der Feten dauerhafte Schäden zu erwarten. „Am häufigsten treten Hörschäden auf, eine geistige Behinderung und ein zu kleiner Kopf (Mikrozephalie)“, sagt Thomas von Ostrowski.

Von ihrer Ansteckung hatte Jennifer Neumann nichts bemerkt. „Ich habe mich nicht krank gefühlt.“ Grippeähnliche Symptome können auf die Infektion hindeuten. „In 90 Prozent der Fälle verläuft sie aber ohne oder nur mit geringen Krankheitssymptomen“, sagt auch Thomas von Ostrowski.

Jennifer Neumanns Glück: Die Infektion lag wohl noch nicht lang zurück, wurde direkt erkannt und behandelt. „Ich habe Infusionen bekommen. Jeweils sechs Stunden in vier Sitzungen“, sagt sie. Aber: „Die Therapie stellt keine Garantie da, dass die Infektion des Kindes verhindert wird“, sagt Ostrowski.

„Man lebt in ständiger Angst“

Deswegen war die werdende Mutter danach auch nicht beruhigt. „Eine sorgenfreie Schwangerschaft war das nicht“, erinnert sie sich. „Man lebt in ständiger Angst.“ Bei einer Fruchtwasseruntersuchung kam zwar heraus, dass das Kind das Virus nicht ausscheidet, also wohl keine Übertragung stattgefunden hatte. „Aber eine richtige Sicherheit brachten erst die Tests nach der Geburt. Man ist nach so einer Schwangerschaft wahrscheinlich noch viel dankbarer für ein kerngesundes Kind“, sagt Jennifer Neumann.

Denn es hätte auch anders ausgehen können. „Wird bei der Fruchtwasseruntersuchung festgestellt, dass das Kind das Virus ausscheidet, gibt es experimentelle Therapieansätze, um die Folgeschäden des Kindes zu minimieren. Und infizierte Kinder werden über die ersten Lebensjahre sehr intensiv beobachtet“, beschreibt Thomas von Ostrowski die geringen Möglichkeiten der Behandlung.

Kassen übernehmen Kosten für den Test nicht

„Meine Freundinnen, auch die die noch gar keine Kinder planen, haben sich jetzt schon mal testen lassen. Damit sie Bescheid wissen, ob sie gefährdet sind oder nicht“, sagt Jennifer Neumann. Eine Vorsichtsmaßnahme, die Thomas von Ostrowski sehr begrüßt.

Er kritisiert: „Die Mutterschaftsrichtlinien sehen keine solche Untersuchung vor, sie ist also nur als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) möglich.“ Auch in der Schwangerschaft übernehmen die Krankenkassen die Kosten für den Test nicht. „Das ist nicht in Ordnung. Alle werdenden Mütter sollten ihren Antikörperstatus bestimmen lassen können, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten“, fordert der Pränataldiagnostiker.

Gefährliche Krankheit für Schwangere: Wie sie sich vor Zytomegalie schützen sollten

Dr. Thomas von Ostrowski findet, dass die Kassen die Kosten für den Test übernehmen sollten. © privat

Finden die Frauen heraus, dass sie nicht immun sind, sollten sie sich so gut wie möglich schützen. Thomas von Ostrowski rät: „Als Mutter von Kindergartenkindern sollten Schwangere selbst, aber auch der Partner, auf das Essen vom gleichen Löffel und das Aufessen von angefangenen Speisen des Kindes verzichten. Heruntergefallenen Schnuller sollten nicht abgeleckt werden und das Kind sollte nicht auf den Mund (Wange und Stirn ist möglich) geküsst werden. Insbesondere beim Windelwechsel muss auf Hygiene geachtet werden.“

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Es sollte häufiges gründliches Händewaschen mit Wasser und normaler Seife, besonders nach Windelwechsel, nach Fütterung oder Baden des Kindes, nach Abwischen von Nasensekret, Tränen oder Speichel, nach Berührung von Spielsachen erfolgen. Sofern nicht bekannt ist, ob der Partner mit dem Zytomegalievirus infiziert ist, kann ungeschützter Geschlechtsverkehr kritisch sein.“

Neben einem Test auf Zytomegalie wird Schwangeren auch ein Test auf Toxoplasmose und Ringelröteln angeboten. Auch diesen müssen die Schwangeren selbst übernehmen. Sie kosten jeweils zwischen 10 und 30 Euro. Sinnvollerweise testen sich Frauen und Männer bereits vor Kinderwunsch auf das Virus und weitere Erreger. Insgesamt sind 0,4 bis 1,2 Prozent der Lebendgeburten von der Zytomegalie-Infektion betroffen. Eine Infektion während der Schwangerschaft stellt besonders im ersten Drittel ein hohes Risiko für den Fetus dar. Bei Infektionen im dritten Drittel der Schwangerschaft sind Schädigungen beim Fetus meist nicht mehr zu erwarten. In der Frühschwangerschaft kann eine Therapie im sogenannten individuellen Heilversuch mit einem HCMV-Hyperimmunglobulin angeboten werden.
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