Kampfmittelräumer Christian Titt ist gelernter Landschaftsbauer und hat beim Graben nach Blindgängern schon ganz andere Dinge gefunden. © Sascha Kreklau
Blindgänger-Verdacht

Bombensuche: Gleich elf Verdachtspunkte auf Vonovia-Grundstück

In Scharnhorst wurden elf Blindgängerverdachtspunkte entdeckt - auf einem einzigen Grundstück. Wie die Wohnungsgesellschaft Vonovia damit umgeht – und wie der Kampfmittelräumdienst arbeitet.

Christian Titt gräbt beruflich Bomben aus. Seit zehn Jahren ist er Kampfmittelräumer, hat schon viel gesehen. Lässig lehnt er sich während seiner Pause an die Baggerschaufel, zündet sich eine Zigarette an, wirkt tiefenentspannt.

Etwa 50 bis 60 Bomben hat er im Laufe seiner Karriere bereits gefunden, häufig finde man nichts – oder aber Dinge, mit denen man gar nicht gerechnet hätte.

„Man kann so ziemlich alles finden“, sagt er. Eine seiner interessantesten Ausgrabungen: Ein Motorrad aus den 40er-Jahren, also ein Weltkriegs-Moped statt der erwarteten Weltkriegs-Bombe.

Eigentlich ist Christian Titt Garten-Landschaftsbauer, wechselte mehr durch Zufall den Job, weil die Annonce ihn reizte. Für den Job gebe es keine feste Ausbildung, jeder könne Kampfmittelräumer werden. Auch Frauen sind bei der Fachfirma Röhll angestellt. Wichtig dabei sei nur, dass man keine Angst vor dem Wetter oder Schmutz haben dürfe.

Großer Fund: Ein Flugzeug

Zu Beginn seiner Karriere hatte er noch ganz andere Ängste, gibt er zu: „Da war ich ziemlich unentspannt, wusste gar nicht, was auf mich zukommt, wie man mit den Funden umgeht. Aber die Kollegen nahmen mich an die Hand, schnell war die Angst verflogen.“ Die Entschärfung der Bomben übernimmt letztendlich eine andere Firma.

37 Löcher bohren die Kampfmittelräumer an jedem Verdachtspunkt.
37 Löcher bohren die Kampfmittelräumer an jedem Verdachtspunkt. © Sascha Kreklau © Sascha Kreklau

Doch nicht nur zu Blindgänger-Verdachtspunkten werden er und seine Kollegen gerufen. Das Größte, was er bislang ausgegraben hat, war ein Flugzeug: „Bei Dülmen sollte vor langer Zeit ein Flugzeug abgestürzt sein. Es wurden keine Fallschirme gefunden, die Aufzeichnungen brachen an dieser Stelle ab, also lag nahe, dass das Flugzeug noch dort liegen muss. Das haben wir dann ganz vorsichtig freigelegt.“

Wie durchnummerierte Maulwurfshügel sehen die Bohrungspunkte aus.
Wie durchnummerierte Maulwurfshügel sehen die Bohrungspunkte aus. © Sascha Kreklau © Sascha Kreklau

Christian Titts aktuelle Baustelle ist in Scharnhorst. Dort, auf einem Grundstück der Vonovia, wurden elf Blindgängerverdachtspunkte ausgemacht. Immer, wenn Modernisierungen oder Bauarbeiten anstehen, muss die Wohnungsgesellschaft sicherstellen, dass keine Blindgänger auf dem Grundstück liegen. Das Prozedere ist aufwändig, sowohl die Stadt als auch die Bezirksregierung sind beteiligt.

Kampfmittel-Beauftragter mit explosivem Hobby

Das Bindeglied zwischen diesen Parteien ist Nicolas Meininghaus, der technische Bauleiter der Vonovia, der mit der Kampfmittelräumung betraut ist. Seit drei Jahren macht er diesen Job, kennt sich aber schon viel länger mit Sprengstoff aus.

Denn Meininghaus hat ein explosives Hobby: Seit 15 Jahren ist er geprüfter Pyrotechniker für Großfeuerwerke. Ein Freund hatte ihn zu diesem Hobby gebracht. Schießpulver braucht er auch für sein zweites Hobby, die Jagd.

Nicolas Meininghaus ist der Kampfmittel-Experte der Vonovia. Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Sprengstoff.
Nicolas Meininghaus ist der Kampfmittel-Experte der Vonovia. Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Sprengstoff. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

Im Job ist Meininghaus unter anderem der Ansprechpartner für die Mieter vor Ort. „Der persönliche Kontakt ist uns wichtig. So können wir Ängste abbauen und mit Rat und Tat zur Seite stehen“, sagt er und fügt hinzu: „Die meisten sind eigentlich froh, wenn wir wieder weg sind, also wenn wir nichts gefunden haben.“

An 17 Orten hat die Vonovia in diesem Jahr bereits Blindgängerverdachtspunkte ausgemacht. Kommt es zu einem tatsächlichen Bombenfund, werden für die Entschärfung die Wohnungen evakuiert.

Kampfmittelüberprüfung für anstehende Modernisierung

Darauf reagieren laut Meininghaus die Mieter ganz unterschiedlich: „Viele, auch ältere Menschen, nehmen ganz gefasst ihre gepackte Tasche, manche sind etwas beunruhigt, da nehme ich ihnen gerne die Angst. Andere müssen unter Zwang rausgeholt werden, aber das ist wirklich die Seltenheit.“

Insgesamt 11 Verdachtspunkte gab es an der Lüttenwiese.
Insgesamt 11 Verdachtspunkte gab es an der Lüttenwiese. © Sascha Kreklau © Sascha Kreklau

Wie viele Bohrungen er in seiner Karriere bereits betreut hat, zählt Meininghaus nicht mehr mit. Die aktuelle Baustelle an der Lüttenwiese ist nötig, weil die Vonovia im kommenden Jahr umfassende Modernisierungsmaßnahmen an den Häusern durchführen will.

Weil dafür schwere Fahrzeuge über die Wiesen rund um die Häuser rollen müssen, die mögliche Blindgänger auslösen könnten, muss der Boden überprüft werden. Nach demselben Schema ist auch bei Neubauten vorzugehen. Wie dieses Schema aussieht, erklärt Vonovia-Pressesprecherin Bettina Benner Schritt für Schritt:

  • Zunächst wird eine Luftbildauswertung bei der Ordnungsbehörde oder Feuerwehr beantragt. Anhand der Luftbilder kann man erkennen, wo möglicherweise Blindgänger liegen könnten. Sind Verdachtspunkte vorhanden, müssen diese von einem staatlichen Vermesser eingemessen werden.
  • Bei einem Ortstermin mit Bezirksregierung und Ordnungsamt wird festgelegt, was wir für Vorbereitungen getroffen werden müssen, damit der Kampfmitteldienst behinderungsfrei arbeiten kann.
  • Dann wird geschaut, wo Versorgungsleitungen und Telekommunikationsleitungen liegen. Vonovia-Mitarbeiter führen daraufhin vorbereitende Maßnahmen durch, beispielsweise das Freilegen der Leitungen und Rodungsarbeiten.
  • Daraufhin kommt der Kampfmittelräumdienst ins Spiel: Pro Blindgängerverdachtspunkt werden im Rauten-Muster 37 Bohrungen durchgeführt, die jeweils 7 Meter tief sind.
  • Wenn eine Messung der 37 Bohrlöcher positiv war, erfolgen noch weitere Zusatzbohrungen, um die genaue Lage des Objektes zu lokalisieren
  • Das Objekt wird gezielt ausgegraben, gegebenenfalls werden die Anwohner evakuiert und der Blindgänger entschärft.
  • Daraufhin wird die Baugrube geschlossen, die Fläche wird durch das Vonovia-Team wieder in Stand gesetzt.
  • Nun erfolgt ein Abschlussbericht durch die Bezirksregierung, die schriftliche Anforderung bei der Ordnungsbehörde für die offizielle Freigabe und letztlich die Weiterleitung der Freigabe an die Planungsabteilung – dann kann es mit dem Bauprojekt weiter gehen.

Bislang – Stand 28.7. – haben Christian Titt und seine Kollegen an der Lüttenwiese kein verdächtiges Objekt gefunden. Im August steht für sie eine andere Baustelle in Bochum an, im September kehren sie nach Scharnhorst zurück. Auch Nicolas Meininghaus wird dann wieder vor Ort sein und den Mietern zur Seite stehen.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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