So sah die Großsiedlung Scharnhorst-Ost während ihres Baus im Jahre 1968 aus. © Archiv Dogewo21
Scharnhorst der Zukunft

Könnte Scharnhorst-Ost so attraktiv werden wie das Kreuzviertel?

Angehende Stadtplaner haben Scharnhorst-Ost in der Theorie umgebaut. Ihr Ziel: Die Siedlung urbaner und attraktiver machen. Die Studierenden sahen für die Einkaufspassage nur eine Möglichkeit: Abriss.

Wohnraum wird knapp, Bauland teurer – die Stadtplaner von morgen müssen neue Wege gehen. Entstanden in den 1950er-Jahren eigene Vorstädte auf der grünen Wiese in den Randbezirken Dortmunds, heißt das Zauberwort heute „verdichten“.

Wie man eine Planstadt fit machen kann für die Zukunft, das haben Studierende aus Dortmund mit Kollegen aus Potsdam, Italien und den Niederlanden während eines Workshops ausprobiert.

Scharnhorst: Satellit, Schlaf-Vorstadt – eine andere Welt

Die Studentin Luisa Marschner schaute sich die Planstadt im Rahmen des Workshops das erste Mal an. „Scharnhorst-Ost war mir lange kein Begriff. Es war faszinierend dort auszusteigen, es war eine andere Welt.“ Als Satelliten nehmen andere Studierende die Siedlung wahr.

„Das Gebiet ist wenig strukturiert“, fasst Student Niklas Illner das Problem in einem Gespräch zusammen.

Eine urbane Atmosphäre könne in solchen Planstädten gar nicht entstehen. Das liege zum einen an der Bauweise der Gebäude, an den Straßen, die in Sackgassen enden, und am fehlenden Stadtkern.

„Der Hype um das Kaiser- oder Kreuzviertel liegt daran, dass dort alles gut proportioniert ist“, sagt Professor Olaf Schmidt. Scharnhorst-Ost sei als Schlaf-Vorstadt geplant; man müsse aus ihr herausfahren, um zur Arbeit, zum Shoppen und ins Grüne zu gelangen.

Die Einkaufspassage hat keine Zukunft

Die Studierenden haben die Stadt deshalb umgeplant: Soweit wie möglich behielten sie alten Baubestand bei. Ein Plan zeigt, wie Scharnhorst mit 50, 70 oder 90 Prozent Erhalt umstrukturiert werden könnte.

Die Pläne zeigen drei Varianten mit unterschiedlich viel Erhalt der Bausubstanz. In rot eingezeichnet sind die Gebäude, die verändert werden würden.
Die Pläne zeigen drei Varianten mit unterschiedlich viel Erhalt der Bausubstanz. In rot eingezeichnet sind die Gebäude, die verändert werden würden. © Technische Universität Dortmund Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen Lehrgebiet Internationale Frühjahrsakademie © Technische Universität Dortmund Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen Lehrgebiet Internationale Frühjahrsakademie

Die angehenden Architekten erkannten viel Potenzial: Der Bestand wurde durch Etagen ergänzt oder durch Anbauten. Innenhöfe würden so entstehen. Zwar gebe es schon jetzt Schrebergärten, aber die Gärten direkt hinterm Haus könnten die Bewohner viel schneller erreichen.

Dass die Bewohner den schnellen Weg ins Grüne besonders schätzen, fanden die Workshop-Teilnehmer durch Befragungen heraus. Diesen Standortvorteil wollten sie auch beibehalten, stärkten ihn sogar, indem sie weitere Grünflächen schufen.

„Wir verdichten nicht, um des Verdichtens Willen. Wir müssen uns klar machen, dass wir im letzten Drittel des Strukturwandels sind. Dortmund als Stahl- und Bierstadt ist Geschichte“, sagt Professor Michael Schwarz.

Ein Stadtkern sei wichtig, die jetzige Einkaufspassage reiche dafür nicht aus. In einem urbanen Zentrum könne man nicht nur einkaufen, dort müsse auch Raum zum Wohnen und Arbeiten sein.

Die Studierenden rissen die Einkaufspassage auf ihren Plänen ab, ersetzten sie durch neue Gebäude.

Das 3D-Modell zeigt die neu geplante Höhe der Gebäude. Die U-Bahn-Linie bleibt erhalten.
Das 3D-Modell zeigt die neu geplante Höhe der Gebäude. Die U-Bahn-Linie bleibt erhalten. © Technische Universität Dortmund Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen Lehrgebiet Internationale Frühjahrsakademie © Technische Universität Dortmund Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen Lehrgebiet Internationale Frühjahrsakademie

Die überirdische U-Bahn, in den Plänen als grauen Schlange zu erkennen, sei von „besonderer Bedeutung“, so Michael Schwarz. Auf den Zukunftsplänen ist die Bahn erhalten geblieben, sie passt zur Stärkung des ÖPNV.

Wird Scharnhorst bald eine Großbaustelle?

Müssen sich die Scharnhorster nun in den kommenden Jahren auf Baustellen einstellen? Nein, denken die Studierenden und Professoren. Sie wollen aber zeigen, was möglich ist, und übergeben die Pläne deshalb auch dem städtischen Bauamt.

„Tagtäglich wird nachverdichtet“, sagt Luisa Marschner. Mit Blick auf den Wohnungsmarkt käme man gar nicht drumherum, in den nächsten zehn Jahren werde es aber sicher nicht passieren.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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