Der Lanstroper Pfarrer Konstantin Kolanczyk galt als unbeugsamer Gegner der Nazis und war deswegen vielen Anfeindungen ausgesetzt. © Archiv Meinolf Schwering
Dortmunder Geschichte

Pfarrer leistete Widerstand gegen die Nazis – und entging nur knapp dem Tod

Wer sich auf die Heimatgeschichte einlässt, befördert Interessantes zutage - wie zum Beispiel das Wirken eines couragierten Pfarrers während der Nazi-Zeit. Noch heute ist sein Andenken präsent.

Seit der Lanstroper Matthias Hüppe die Touren „Begegnung vor Ort“ im Auftrag der Awo anbietet, stößt er bei seinen Recherchen dazu immer wieder auf interessante Geschichten, die vielleicht etwas in Vergessenheit geraten sind, das aber nicht verdient haben – wie zum Beispiel jene Geschichte über das Wirken von Konstantin Kolanczyk (1889 – 1964), der von 1933 bis 1959 katholischer Pfarrer in Lanstrop war.

Religionsunterricht schon vor der ersten Stunde

Kolanczyk leistete erbitterten Widerstand gegen das Nazi-Regime, trug zum Beispiel die regimekritischen Predigten des Bischofs und späteren Kardinals von Galens aus Münster vor und verteilte sie auf Papier in der Gemeinde. Er hielt den Religionsunterricht schon vor der ersten Schulstunde ab, weil Religion unter den Nazis im regulären Unterricht verboten war.

Er setzte zahlreiche Ausflüge für die Lanstroper Jugendlichen an, weil er dabei ungestörter mit ihnen arbeiten konnte, er setzte sich dafür ein, dass das Kreuz in der Lanstroper Schule noch etwas länger hängen blieb, als eigentlich von den Nazis angeordnet war. Er schmückte verbotenerweise an Fronleichnam einen Prozessionsweg – um nur einige Beispiele zu nennen.

Matthias Hüppe und Meinolf Schwering (v.l.) stöbern gern in der Lanstroper Geschichte - und fördern dabei Interessantes zutage
Matthias Hüppe und Meinolf Schwering (v.l.) stöbern gern in der Lanstroper Geschichte – und fördern dabei Interessantes zutage. © Andreas Schröter © Andreas Schröter

Von vielen Lanstropern, vor allem den Lehrern, wurde er angegriffen und verleumdet. Einem Kind, das „Guten Tag, Herr Pastor“ gesagt hatte, verordnete der Schulleiter die Strafe, 50 Mal zu schreiben: „Trittst du in Pastors Garten, soll dein Gruß ,Heil Hitler‘ sein.“

Weil das Papier knapp war, musste das Kind auf Tapete weiterschreiben. Interessanterweise verlangten gerade solche Leute nach Kriegsende von ihrem Pfarrer, er möge ihnen bescheinigen, niemals Anhänger der Nazis gewesen zu sein – etwas, das er verweigerte.

Konstantin Kolanczyk war ständig in Gefahr

Trauten sich die Nazis nicht, einen Bischof wie von Galen zu belangen, sah das bei einem Dorfpfarrer schon anders aus. Kolanczyk war ständig in Gefahr, inhaftiert oder sogar ermordet zu werden. Die gefürchteten Männer im Ledermantel von der Gestapo standen bei jedem Gottesdienst im Hintergrund der St.-Michael-Kirche.

Auch wurde Kolanczyk 17 Mal in die gefürchtete Gestapo-Wache nach Hörde geladen – zur Schikane morgens früh, was ohne Auto und bei noch nicht so ausgebautem ÖPNV von Lanstrop aus eine kleine Reise war. Auch Wilhelmine Ostermann, die Haushälterin des Pfarrers, war von solchen Vorladungen betroffen.

So sah die gefürchtete Vorladung auf die Gestapo-Wache nach Hörde aus
So sah die gefürchtete Vorladung auf die Gestapo-Wache nach Hörde aus. © Archiv Meinof Schwering © Archiv Meinof Schwering

1939 wurde Kolanczyk zu sechs Wochen Haft verurteilt, entging aber dem Kerker, weil Hitler zu seinem 50. Geburtstag eine General-Amnestie erlassen hatte. Und gegen Ende des Krieges sei er quasi schon auf dem Weg Richtung Rombergpark zur Erschießung gewesen, so der Lanstroper Heimatforscher Meinolf Schwering, aber die Amerikaner kamen diesem Unterfangen zuvor.

Kind aus dem Obstbaum gesegnet

Kolanczyk selbst muss dabei ein skurriler Zeitgenosse gewesen sein. So geht ein Gerücht über ihn, dass einmal eine Mutter von ihm verlangte, ihr Kind zu segnen. Problem: Kolanczyk befand sich gerade hoch oben in einem Obstbaum und hatte keine Lust runterzukommen.

Er mache das von hier oben, beschied er der Mutter, da sei er dem Himmel ohnehin näher. Also hielt die Mutter ihr Kind mit beiden Armen in die Höhe und der Pfarrer segnete es aus dem Obstbaum heraus.

Einmal soll ein Lehrer in SA-Uniform vor dem Pfarrhaus gestanden haben und seinen Schülern befohlen haben, dreimal laut „Pfui“ zu rufen. Bernhard Ostermann, Bruder der Haushälterin, hörte das und verfolgte den Lehrer. Der sprang daraufhin über eine Weißdornhecke und verletzte sich dabei nicht unerheblich. Seitdem hieß jener Zeitgenosse „Der Heckenspringer“.

Noch heute erinnert eine Glocke in St. Michael an Konstantin Kolanczyk. Er spendete sie 1949 der Gemeinde zum Zehnjährigen seiner Verurteilung zur Kerkerhaft.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Ich fahre täglich durch den Dortmunder Nordosten und besuche Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen haben. Ich bin seit 1991 bei den RN. Vorher habe ich Publizistik, Germanistik und Politik studiert. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter.
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