Käthchen Paulus flog mit einem Fahrrad durch die Lüfte - befestigt an einem Ballon in Leberwurstform. © Archiv Stangl
Es war einmal in Brackel

Von der fliegenden Leberwurst, Flugunglücken und winkenden Promis

In der Zeit, in der Brackel noch ein beschauliches Örtchen war, zog es die Bürger immer wieder aufs Flugfeld. Abenteuerliche Fluggeräte landeten dort und der ein oder andere Promi war zu sehen.

Das Auto war noch nicht erfunden, die ersten Dampfloks rollten durchs Land, die Fotografie steckte noch in den Kinderschuhen, da stiegen von Brackel aus bereits die ersten Fluggeräte in die Luft. Es war eine Sensation für die rund 9000 Einwohner des beschaulichen Örtchens, als 1847 ein Luftschiffer aus Paris seinen Heißluftballon vorführte.

Etliche Fluggeräte sollten ihm folgen – sie dienten mehr der Unterhaltung, als dass sie ein Transportmittel waren. Dabei handelte es sich anfänglich nicht um die Heißluftballone, die wir heute kennen, sondern zum Teil auch echte Kuriositäten wie das „Fahrrad in den Lüften“ von Käthchen Paulus, das Ende des 19. Jahrhunderts in Dortmund gastierte.

Fliegende Leberwurst und hoher Besuch

Ihr Ballon hatte die Form einer Leberwurst – und diese fliegende Leberwurst lockte etwa 10.000 Schaulustige an. Käthchen Paulus saß in einem eisernen Rahmen, an dessen vertikaler Stange ein Sitz angebracht war. An der anderen Stange befand sich die Lenkvorrichtung.

Hinten wackelte das Steuer, vorne eine propellerartige Vorrichtung. Wirklich lenkbar war das Fluggerät aber nicht – Käthchen segelte frisch und fröhlich dahin, bis nach Havixbeck bei Münster. Wie sie gelandet ist, ist leider nicht überliefert.

Nicht nur bekannte Luftfahrer machten in Brackel Station: So landete am 3. September 1927 im Rahmen des 66. katholischen Kirchentages Erzbischof Eugenio Pacelli, später bekannt als Papst Pius der Zwölfte., mit einigen Begleitern und dem Reichstagsabgeordneten Prälat Dr. Kaas auf dem Brackeler Flugfeld.

Er reiste mit einem dreimotorigen Großflugzeug der Deutschen Lufthansa an und wurde von hunderten Zuschauern von der Terrasse des Verwaltungsgebäudes aus beäugt.

Berühmte Flieger locken Tausende nach Brackel

Besuch aus Übersee bekamen die Brackeler 1927 vom Amerikaner Charles Lindberg. Er überflog als erster den Nordatlantik von New York über Neufundland, Irland und Paris und machte auch in Brackel Station.

Für die etwa 6000 Kilometer lange Strecke brauchte er 33,5 Stunden. Der Ozeanflieger „Chamberlain“ landete im selben Jahr hier, auch der Jagdflieger Ernst Udet zeigte 1927 seine Flugkünste.

Als der Zeppelin 1930 in Brackel landete, war das eine Sensation für die Dortmunder.
Als der Zeppelin 1930 in Brackel landete, war das eine Sensation für die Dortmunder. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Flugschauen dieser Art lockten tausende Menschen an, doch für das größte Aufsehen sorgte am 10. August 1930 die Landung eines Zeppelins vor 120.000 Schaulustigen. Im Ort waren alle höher gelegenen Bauwerke und Balkone, sogar Dächer und die Luken des Kirchturmes besetzt. Die Brackeler waren im Flugfieber.

Fallschirmsprünge waren beliebt

Stunden vor der erwarteten Landung hatten sich Verkehrsstaus in der Dortmunder Innenstadt gebildet. Polizisten versuchten die Menschenmassen einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

Um genau 17.18 Uhr war es so weit: Der Jubel der Menschen ging unter in den Klängen des Deutschlandliedes, das die Bergmannskapelle spielte. Das Luftschiff, aus Friedrichshafen kommend, setzte langsam und leise zur Landung an.

In Brackel landete so manches frühes Fluggerät.
In Brackel landete so manches frühes Fluggerät. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Teil der Flugschauen waren auch immer wieder Fallschirmsprünge – den Brackelern stockte der Atem, als sich an einem Sommertag ein Springer von der Maschine löste, der Fallschirm sich nach freien Flug öffnete, dann aber das Seil riss.

Der Fallschirm flog davon und der Mann fiel ungebremst auf die Besucher zu. Wenige Meter vor dem Boden öffnete sich doch noch ein zweiter Fallschirm, der Luftsportler landete sicher auf dem Boden.

Fluggeräte ohne richtige Bremsen

Doch nicht immer ging es so glimpflich aus: Rund um das Brackeler Flugfeld ereigneten sich einige Tragödien. So geschah es einmal, dass eine Maschine aus Richtung Westheck kommend die Frontmauer der Brackeler Milchproduktionsfirma „Käse Liemeyer“ prallte.

Der Pilot wähnte die Landebahn zwischen Westheck und Flughafenstraße. Weil etliche Maschinen zu dieser Zeit noch keine Bremsen hatten, mussten sie beim landen ausrollen.

So konnte es passieren, dass die Maschinen über die Landebahn hinausrollten – eines krachte etwa in das Flughafengebäude. Außerdem war die Landebahn in den frühen Jahren des Flughafens noch uneben und schlammig, sodass die Landung keineswegs sanft war.

Die Technik war damals noch nicht so fortschrittlich, manche Flugzeuge hatten gar keine Bremsen. So landete einmal ein Flugzeug in der Brackeler Käsefabrik.
Die Technik war damals noch nicht so fortschrittlich, manche Flugzeuge hatten gar keine Bremsen. So landete einmal ein Flugzeug in der Brackeler Käsefabrik. © Archiv Stangl © Archiv Stangl

Auch während des Krieges kam es immer wieder zu Unfällen: Mehrere Flugzeuge wurden noch im Dortmunder Raum von der eigenen Flak abgeschossen, weil diese nicht angemeldet wurden.

Die Queen winkte den Brackelern zu

Nach dem Krieg wurde die britische Artillerie auf dem Flughafengelände stationiert. Bis auf ein paar Segelflieger flog hier nicht mehr viel – am 23. Mai 1984 pilgerten dennoch wieder Tausende nach Brackel. Es gab hohen Besuch für die Soldaten: Queen Elizabeth besuchte ihre Truppen. Auf den Straßen versammelten sich die Leute, wollten einen Blick auf die Königin erhaschen, als sie in ihrer schwarzen Limousine durch Brackel rollte.

Die winkte freundlich lächelnd den Menschenmassen zu – „so wie sie das immer tut“, erinnert sich Anneliese Stangl, die damals ganz vorne stand. Den Golf Club auf dem ehemaligen Flugplatz gab es damals schon – er wurde 1969 für die Truppen errichtet. Die Queen schaute für ein Tässchen Tee dort vorbei. So endet die Geschichte der berühmten Gäste des Flugplatzes – statt kuriosen Fluggeräten fliegen dort heute nur noch Golfbälle.

In unserer Serie „Es war einmal in Brackel“ beschäftigen wir uns mit der Geschichte des Stadtteils. Anneliese Stangl, geschichtsinteressiert und gebürtige Brackelerin, lässt uns dafür in ihr Archiv blicken. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir historische Beiträge aus und rund um Brackel. In der nächsten Folge geht es um den Flughafen in der Zeit des 2. Weltkriegs. Danach wenden wir uns dem Pferdesport zu.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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