Kinder- und Jugendliche kehren den Vereinen den Rücken. © picture alliance / dpa
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1.000.000 Mitglieder verlassen die Vereine – Mehr Kinder und Frauen melden sich ab

Das Corona-Jahr 2020 hat Spuren hinterlassen bei den Mitgliederzahlen der Sportvereine in NRW und Deutschland. Zwei Gruppen trifft die Entwicklung besonders hart, andere kommen ungeschoren davon.

Die Zahlen liegen vor. Jetzt gibt es der Landessportbund NRW (LSB) seinen Vereinen, Sportlerinnen und Sportler schwarz auf weiß, wie sich die Mitgliederzahlen im Jahr 2020 entwickelt haben. Eine Befürchtung – die sich allerdings schon langfristig abgezeichnet hat – ist eingetreten: Zum ersten Mal seit 2004 fällt die Zahl der Mitglieder in den Sportvereinen des Landes wieder unter die Fünf-Millionen-Marke. Schloss das Jahr 2019 nach einem Mitgliederplus noch bei 5.084.000 Sportvereinsmitgliedern ab, waren es Ende 2020 nur noch 4.918.000. Das entspricht einem Minus von 3,4 Prozent – in Zahlen 166.000 Sportlerinnen und Sportler allein in NRW.

Der Aderlass sei jedoch nicht überall gleich, erklärt LSB-Sprecher Frank-Michael Rall. „Was wir aus den Zahlen erkennen ist, dass die vielen ganz kleinen Klubs (8.859) im Lande – also jene Vereine, die bis zu 100 Mitglieder haben – die Krise fast unbeschadet überstanden haben. Da gibt es sogar ein ganz kleines Mitgliederplus von 0,7 Prozent. Und auch in der Gruppe bis 1000 Mitglieder (8.313) ist nur ein Rückgang von einem Prozent zu verzeichnen.“

Die volle Wucht der Krise

Oberhalb dieser Grenze sehe es jedoch anders aus. Insbesondere die 618 Klubs mit 1000 bis 2500 Mitgliedern träfe die Wucht der Krise voll. Ein Minus von über zehn Prozent schlage bei ihnen zu Buche. Und auch die ganz wenigen Großvereine in Nordrhein-Westfalen mit mehr als 2500 Mitgliedern sind stärker betroffen als die kleinen Klubs.“ Bei ihnen liegt der Verlust mit 4,5 Prozent allerdings nur etwas oberhalb des Landesschnitts. „Was wir merken ist, dass überall dort, wo Klubs verstärkt als Dienstleister mit Kursen und Veranstaltungen wahrgenommen werden, der Rückgang der Mitglieder besonders stark ist“, sagt Rall.

Hingegen zeichnet sich ab, dass überall dort, wo der Verein noch als solcher – also als ein Stück Gesellschaft und Teil des soziales Lebens – wahrgenommen wird, seine Bindungskraft und das Beharrungsvermögen seiner Mitglieder deutlich höher sind.

Bemerkenswert ist zudem, dass prozentual betrachtet deutlich mehr Frauen als Männer den Vereinen verlorengegangen sind. Während Ende 2020 noch 3,066 Millionen Sportler Vereinsmitglied waren, waren zum gleichen Zeitpunkt nur noch 1,852 Millionen Sportlerinnnen. Das ist ein Minus von gut zwei Prozent bei den Männern und einem Minus von über 4 Prozent bei den Frauen. Eine Quote, die den Klubs zu denken gibt.

In der sportlosen Zeit verbringen Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm. © picture alliance/dpa/dpa-tmn © picture alliance/dpa/dpa-tmn

Und noch eine Zahl ist alarmierend, betrifft sie doch den Sportlernachwuchs. Denn insbesondere in der Gruppe der 0- bis 14-Jährigen lag die Quote derer, die sich gegen eine Zukunft im Verein entschieden, weit über dem Landesschnitt. Bei den 0- bis 6-Jährigen lag sie bei dramatischen 16 Prozent, bei den 6- bis 14-Jährigen bei sechs Prozent.

Rückgang bei den Kleinsten

Für die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes, Veronika Rücker, erlebt der deutschen Vereinssport gerade eine seiner größten Krisen. „Und dieser dramatische Rückgang bei den Kleinsten tut da natürlich besonders weh“, sagt sie. „Das macht uns große Sorgen. Denn es fehlen einfach die Neuanmeldungen im letzten Jahr. Und es sieht ganz so aus, als werde sich dieser Trend ins Jahr 2021 nahtlos fortsetzen.“

Die Folgen sind aus Rückers Sicht gravierend. „Natürlich beeinträchtigt das die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten erheblich. Aber mindestens genauso schwer wiegt, dass viele Kinder und Jugendliche ganz viele und prägende Dinge einfach nicht erleben. Es ist ja ein Kernelement im Verein, dass man Gemeinschaft erlebt, lernt ein Team zu sein.“

Privilegierung der bis 14-Jährigen

Auch DOSB-Vizepräsident Andreas Silbersack mahnt dazu, Kinder und Jugendlichen Sport zu ermöglichen. „Seit mehr als einem Jahr sind die Kinder in den Schulen und Vereinen nicht mehr in der Lage, Sport zu treiben, wie sie es bräuchten“, sagt Silbersack. „Wir brauchen vor der geplanten Änderung des Infektionsschutzgesetzes deshalb eine Privilegierung der bis 14-Jährigen, damit sie Sport treiben können.“

„Wir produzieren eine verlorene Generation. Die Bewegung, die wir für die Kinder brauchen, ist eine Investition in die Zukunft“, sagte Silbersack weiter. Laut Silbersack sind ein Drittel der 27 Millionen Vereinsmitglieder Kinder und Jugendliche. „Am Ende des Tages reden wir von 1 bis 1,5 Millionen Kinder, die mit Fettleibigkeit, Essstörungen und psychischen Problemen beschäftigt sind“, erklärte er.

Laut einer Erhebung des DOSB für alle seine 90.000 Vereine hat der Mitgliederschwund bereits eine erodierende Dimension. Dort heißt es: „Nach aktuellem Stand werden wir wohl zum Jahresende 2020 rund eine Million Mitglieder verloren haben und in den ersten Monaten des Jahres könnte nochmals eine ähnliche Größenordnung an Rückgang entstanden sein.“

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Sportredaktion Dortmund
61er-Jahrgang aus Bochum, seit über 35 Jahren im Journalismus zu Hause - dem Sport und dem blau-weißen VfL schon ewig von Herzen verbunden - als Sportredakteur aber ein Spätberufener.
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