Ein Dortmunder Kreisligist muss ohne einen seiner wichtigsten Männer auskommen. © picture alliance/dpa
Fußball-Kreisliga

Dortmunder Kreisligist darf endlich in den Titelkampf eingreifen – Start gegen Tormaschine

Während der Großteil der Dortmunder Amateurfußballklubs zuletzt in den Ligenbetrieb einstieg, war ein Kreisligist zwei Wochen zum Zuschauen verdammt. Am Wochenende geht es nun endlich los - gegen eine Tormaschine.

Der fünfjährige Aziz machte das, was viele Jungen seiner Zeit unbedingt machen wollten. Sie gingen zum Fußballverein vor der Haustür und waren mächtig stolz darauf, zum ersten Mal das Trikot zu tragen. Und sie kamen immer wieder. Aziz Darssi kommt seit 1986 immer wieder.

Bis auf drei Jahre als Seniorenkicker im SV Berghofen trug er nur das Rot-Schwarz des VfL Hörde. Heute ist „ein echter Clarenberger“, der nicht weit weg an der Piepenstockstraße wohnt, Trainer seines Herzensvereins. Mit Lukas Lakoma ist er für die erste Mannschaft verantwortlich. Auch als Mensch ist Aziz Darssi mit Hörde so richtig verwachsen: „Kurz nach meiner Geburt kamen wir aus Iserlohn hierher. Und wir blieben.“ Ein VfL Hörde ohne seinen „Anton“, so lautet sein Spitzname („Lukas kann sich einfach unsere Namen nicht merken, daher heiße ich so“), ist für fast alle im Verein kaum vorstellbar. Trotz seiner mittlerweile 40 Jahre spielt er sogar noch immer gerne ab und an mit.

Aber das Herz des „Anton aus Hörde“ blutete zuletzt wie das vieler junger Hörder, denn Corona verbat das, was „alle Jungs, die zu uns kommen, lieben, den Fußball“. Und auch mit dem Meisterschaftsstart hängen die Hörder nun hinterher. Erst am Sonntag, wenn die meisten Teams auch der Kreisliga A1, in der Hörde unterwegs ist, schon den dritten Spieltag bestreiten, geht es für den VfL los. Der erste Gegner Sarajewo Bosna durfte wegen Infektionsausbrüchen im Team nicht gegen die Hörder spielen. Vergangenen Sonntag hätte Rot-Schwarz gegen den BSV Schüren II gespielt. Doch der BSV hatte seine Mannschaft zurückgezogen.

Also jetzt das große Comeback nach Corona ausgerechnet bei Phönix, das in Eving langsam wieder aus der Asche aufzusteigen scheint. „Die Wartezeit auf ein reizvolles Spiel macht uns nur noch heißer“, gibt Darssi ein glaubwürdiges Stimmungsbild ab. Denn der VfL war durch das Virus besonders schwer getroffen.

Im sozial nicht einfachen Clarenberg fiel es besonders den jungen Menschen in den oft relativ kleinen Wohnungen schwer, den verordneten Bewegungsmangel in den Vereinen zu verkraften. Und das Ganze hat auch eine sportliche Komponente. Der VfL war in der abgebrochenen Saison 2020/2021 als Aufsteiger mit makellosen acht Siegen aus acht Spielen Spitzenreiter. Jetzt fangen die Hörder wieder bei Null an, und das erst am dritten Spieltag.

Dass seine Jungs, die in der Vorbereitung zwar auch einige Spiele verloren, aber laut Coach sehr gut mitzogen, jetzt brennen, sagte Darssi ja bereits. Aber das alles solle jetzt nicht zu allzu großen Emotionen auf dem Feld führen. Dafür, dass seine Jungs den Nachholbedarf in geordneten Bahnen ausleben, sorgt Darssi höchstpersönlich: „Ich kenne den Clarenberg wie meine Westentasche, war in meinen jungen Jahren auch nicht immer einfach. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie die Jungs zu packen sind: Wenn sie eine Respektperson haben, ordnen sie sich unter.“ Und diesen starken Mann verkörpert wohl kaum jemand so glaubwürdig wie einer, der da aufwuchs, wo die jungen Spieler heute leben.

„Willkommen“, versichert das VfL-Urgestein, „ist bei uns jeder. Wer bei uns im Goy Fußball spielt, gehört einfach dazu.“ Der VfL als Integrationsprojekt: Darssi baut auf die fußballverrückte Nachbarschaft: „Nationalität, Religion, Hautfarbe – alles egal. Hauptsache Spaß am Fußball! Um den Rest kümmern sich Lukas Lakoma, ich oder andere Leute im Verein.“ Da geht es dann auch mal um Lebenshilfe – wohl gemerkt, wenn sie gerade nicht im Goy kicken. Denn dann dürfen sie alle Probleme gerne mal vor dem Stadiontor zurücklassen.

Am Sonntag aber dreht es sich für die Multikulti-Mannschaft nur um den VfL. An einer neben dem Goystadion weiteren großen Traditionsstätte des Dortmunder Fußball, dem Grävingholz in Eving, wartet Phönix. Ein Verein, der sich in Sachen aktueller Zukunftssorgen gar nicht mal so sehr von der jüngeren VfL-Historie unterschied.

„Wir hatten vor fünf, sechs Jahren einen Umbruch im Verein, Phönix scheint jetzt mit vielen jungen Leuten wieder deutlich besser zu spielen“, sagt Darssi. Und Phönix trifft! Gegen den Aufstiegsaspiranten gelangen beim 2:4 die ersten beiden Treffer, weiter ging es mit einem 7:3 bei Mengede II.

Darssi weiß, was ihn erwartet: „Wir müssen aufpassen, wollen aber natürlich auch unser Spiel machen.“ Das Gute aus ihrer Sicht: Nach kleinen „Wehwehchen“ sind alle Hörder an Bord. Und mit diesem Aufgebot möchte der VfL natürlich da weitermachen, wo er im vergangenen Herbst aufgehört hatte. „Klar, welcher Fußballer will nicht immer gewinnen? Aber wir tun gut daran, erst einmal wieder von Spiel zu Spiel zu denken. Wir respektieren alle Gegner. Was dann daraus wird, sehen wir.“

Den Spaß teilt der 40 Jahre alte Aziz Darssi mit dem fünfjährigen Kind in ihm. Und die jungen Spieler dürfen sich dann auch, das gestattet die erwachsene Respektperson Aziz Darssi, freuen wie Kinder, wenn der Ball wieder rollt: „Spaß am Sport ist so wichtig. Den haben wir doch alle, ob Groß oder Klein, monatelang vermisst.“

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Freier Mitarbeiter
Dortmunder Jung! Seit 1995 im Dortmunder Sport als Berichterstatter im Einsatz. Wo Bälle rollen oder fliegen, fühlt er sich wohl und entwickelt ein Mitteilungsbedürfnis. Wichtig ist ihm, dass Menschen diese Sportarten betreiben. Und die sind oft spannender als der Spielverlauf.
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