Gerhild Rose, Rola Seaib und Hussein Alchall im Geschäft an der Harkortstraße 79: Gemeinsam suchen sie nach einer Lösung. Aufgeben kommt für die Frohnatur Gerhild Rose (hier am Rosenmontag mit karnevalistischem Outfit) nicht in Frage. © Britta Linnhoff
Corona-Krise

Kampf hinter verschlossenen Türen: Corona trifft drei benachbarte Geschäfte hart

Ihre Läden sind wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Drei benachbarte Geschäftsinhaber kämpfen deshalb ums wirtschaftliche Überleben – mit unterschiedlichen Mitteln.

Es ist nichts los hier auf der unteren Harkortstraße. Es ist mehr als ungemütlich draußen an diesem Vormittag – es regnet, an den Straßenrändern türmen sich dreckige Schneeberge. Hinter den Kulissen der Geschäfte aber kämpfen Menschen ums wirtschaftliche Überleben.

Eine von denen, die in ihrem Geschäft stehen und kämpfen, ist Rola Seaib. Im Juli 2020 eröffnete die 43-Jährige ihr Geschäft „Floral Touch“ an der Harkortstraße. „Floral Touch“ ist mehr als ein Blumengeschäft: Für Rola Seaib ist es die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, für den sie drei Jahre lang alles investiert hat, sagt sie. Zeit, Arbeit und all ihre Ersparnisse aus drei Jahren.

Dann aber kam Corona. Und inzwischen wird es eng, denn die Miete laufe in voller Höhe weiter. Und: Weil es das Geschäft erst so kurze Zeit gibt, bekommt sie keinerlei staatliche Soforthilfe ausgezahlt, sie falle durch alle Förderraster.

„Wir haben genöffnet, aber kein kriegt es mit“

Rola Seaib darf nach den Bestimmungen ihren Laden zwar öffnen, aber das das Sortiment, was über den Ladentisch gehen dürfte, ist nach der Corona-Schutzverordnung stark eingeschränkt. Und natürlich fehlt die Laufkundschaft, jetzt da andere Geschäfte geschlossen sind.

Dabei ist die Lage des Ladens quasi am Bahnsteig der U-Bahnlinie Richtung Fußgängerzone ideal. Das findet Rola Seaib auch immer noch. Aber die Zahl ihrer Stammkunden sei noch gering, weil es das Geschäft noch nicht so lange gebe. „Wir haben geöffnet, aber keiner kriegt es mit“, sagt Rola Seaib, die aus dem australischen Sidney über Katar den Weg nach Hombruch fand.

Die Tische und Regale sind vielfach leer im Geschäft: Blumen sind frische Ware, die leicht verderblich ist. Wenn niemand kommt und sie kauft, steigt der wirtschaftliche Verlust weiter.
Die Tische und Regale sind vielfach leer im Geschäft: Blumen sind frische Ware, die leicht verderblich ist. Wenn niemand kommt und sie kauft, steigt der wirtschaftliche Verlust weiter. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Seit 20 Jahren ist sie im Geschäft mit den Blumen. Das berichtet Gerhild Rose. Sie ist eine Nachbarin – und inzwischen viel mehr als das: Gemeinsam mit ihrer Cousine Petra Hövelborn, die als „Business Coach“ arbeitet, versucht sie nach Kräften, Rola Seaib zu unterstützen.

Die ganz klar sagt: „I would like to stay here, it is an great location“, sie will unbedingt hier bleiben. Da hilft es, dass Gerhild Rose mal an der Uni die englische Sprache gelehrt hat, so kann sie mal eben dolmetschen, weil es bei Rola Seaib damit noch nicht so locker geht. In Betracht sagt sie, komme erst einmal alles, was helfen könne – bis hin zu einer Teilhaberschaft.

Seaib war Store Mangerin eines Londoner Rosenhandels

Wie überhaupt kommt eine Frau aus Sidney, die zuletzt in Katar in verantwortlicher Position unter anderem als „Operation and Stores Managerin“ eines Londoner Rosenhandels und Expertin für die ekuadorianischen Rose, die konserviert bis zu drei Jahre haltbar ist, nach Dortmund-Hombruch?

In Katar lernte sie Hussein Alchall kennen – einen Flüchtling aus dem Libanon. Alchall wollte nach Deutschland, und Rola Seaib, ein australisches „Farmerkind“, ging mit. „Sie hat alles für mich aufgegeben“, sagt Alchall.

Claudia Haskic vor dem Schaufenster ihres Brautmodengeschäftes
Claudia Haskic vor dem Schaufenster ihres Brautmodengeschäftes “Lavie Sposa” an der Harkortraße 88: Derzeit sind nur schwarze Kleider zu sehen. Haskic will damit auf die Lage der Branche aufmerksam machen. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

„Niemand möchte ein Brautkleid vor dem Badezimmerspiegel probieren“

Während die beiden mit Gerhild Rose und Petra Hövelborn um „Floral Touch“ kämpfen, versucht sich schräg gegenüber Claudia Haskic mit einer außergewöhnlichen Dekoration ihres Schaufensters: Seit wenigen Tagen sind dort nur noch schwarze Brautkleider zu sehen.

„Wir wollen damit auf die derzeitige Lage des Einzelhandels aufmerksam machen. Speziell in unserer Branche ist es in einigen Bundesländern jedoch gestattet, die Läden zu öffnen und Beratungen anzubieten, was für uns in NRW bedeutetet, dass die kaufwilligen Kundinnen in die geöffneten Läden abwandern.“

Haskic hält diese Situation für „untragbar“, „entweder alle oder keiner“, sagt sie. Die Landesregierung hier sehe ein Brautmodengeschäft als Einzelhandel, nicht als Dienstleistung. Dabei gehe es ohnehin nur mit Termin, „hier gibt es keine Laufkundschaft“. Auch die hauseigene Schneidere dürfe nicht arbeiten, weil das als körpernahe Dienstleistung“ angesehen werde.

Ein Brautkleid online bestellen, das funktioniere nun einmal nicht. Ein Brautkleid könne man nicht zurückgeben. Die Ware mit nach Hause geben, auch das sei keine Alternative: „Wer will schon ein Brautkleid vor seinem Badezimmerspiegel anprobieren?“, fragt Claudia Haskic.

Und sie könne ja auch nie wissen, wohin sie die teuren Kleider gebe: Gibt es Katzen, oder wird dort geraucht? Seit 15 Jahren ist sie im Geschäft mit Brautmode, seit drei Jahren in Hombruch vertreten. Nun sieht sie im wahrsten Sinn des Wortes ein bisschen schwarz.

Was ist notwendiger Tierbedarf?

Ein paar Meter weiter, um die Ecke an der Hombrucher Straße, kämpft Silke Burstedde für ihr Herzensprojekt: Mit der „Sattelkammer“ hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Hier geht es darum, was sich als notwendiger Tierbedarf definiert.

Die „Sattelkammer
Die „Sattelkammer” an der Hombrucher Straße: Hier laufen weiter die Verhandlungen zwischen den Inhabern und der Stadt was geht, und was nicht geht. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Nach unserer ersten Berichterstattung hat die Stadt nun Folgendes mitgeteilt: „Nach der Corona-Schutzverordnung ist der Betrieb von Futtermittelmärkten und Tierbedarfsmärkten weiter zulässig. Für Verkaufsstellen mit gemischtem Sortiment (sog. Mischbetriebe) gilt: Bilden diese Waren den Schwerpunkt des Sortiments, ist der Betrieb der Verkaufsstelle insgesamt zulässig, anderenfalls ist nur der Verkauf dieser Waren zulässig.“

Dabei werde der Schwerpunkt des Warensortiments nach dem Gesamtumsatz der betroffenen Einzelhandelsbetriebe (in Euro entsprechend den Prozent-Anteilen der Warengattungen) berechnet. Maßgeblich seien dabei die Umsätze in den Monaten vor dem Lockdown für Einzelhandelsbetriebe.

Im Fall der „Sattelkammer“ befinde man sich aktuell mit der Betreiberin in einer Abklärung, welche Umsatzanteile vor dem Lockdown auf die jeweiligen Warengruppen entfallen sind.

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Redaktion Dortmund
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