Die Anlieger der Behringstraße vor dem gerodeten Gelände. Sie beklagen, dass sie im Vorfeld nicht informiert wurden. © Britta Linnhoff
Neubauprojekt

Malen gegen den Frust: Anwohner protestieren gegen Rodung ohne Ankündigung

Enttäuscht, frustriert, wütend: In ihrer Ohnmacht haben Anlieger der Behringstraße zu Pinsel und Farbe gegriffen, um ihren Protest auszudrücken. Sie vermissen vor allem eine Sache.

Es war vor ein paar Tagen, als sich der Blick für die Anlieger der Behringstraße von ihren Balkonen aus nach Jahrzehnten massiv veränderte: Das war der Tag, an dem Arbeiter mit schwerem Gerät anrückten, und das Eckgrundstück an der Ecke Steinäckerstraße/Am Gemeindehaus rodeten. Zahlreiche Bäume und viele Büsche und Sträucher, über Jahrzehnte gewachsen, dem Erdboden gleich gemacht.

Einfach nur „entsetzlich“ findet Anliegerin Inge Kaufmann die „erbarmungslose Abholzung“ auf dem Grundstück vor ihrem Balkon. Ihr Nachbar Ralf Bönstrup formuliert es etwas differenzierter: „Dass wir hier wohnen bedeutet, es gibt Wohnungen“, sagt der Familienvater.

Es geht ihm um das „Spannungsfeld Wohnen und Natur“. Er stellt klar: „Wir haben nichts gegen neue Nachbarn.“ Aber ihm und seinen Mitstreitern tun eben auch die Tiere leid, die nun viel Lebensraum verloren hätten.

Anlieger: Informationen im Vorfeld wären schön gewesen

Vor allem eines behagt ihm und auch Aliya Malik gar nicht: Es habe, so klagen sie, im Vorfeld keinerlei Informationen gegeben. „Dialog wäre gut gewesen“ sagt Ralf Bönstrup. „Es hat keinerlei Transparenz gegeben“, sagt Aliya Malik.

Das Grundstück hat der Evangelische Kirchenkreis Dortmund übernommen. Der plant hier, wie er selbst sagt, ein „nachhaltiges Areal mit 40 barrierefreien Wohnungen“: Fünf Häuser sollen zu dem neuen Gebäudekomplex gehören.

Verbunden über Innenhöfe, ausgestattet mit einem Mehrzweckraum, der gemeinschaftlich von allen Mietern genutzt werden kann, und einer Tiefgarage.

Das Interesse an dem Projekt sei groß, heißt es beim Kirchenkreis. Es werde auch ein Seniorenbüro geben.

„Man hätte das Grundstück anders bebauen können“

Inge Kaufmann ist sich sicher: „Das Grundstück hätte man sicher auch anders bebauen können, ohne soviel Schaden an der Natur anzurichten.“ Die Abholzung der Bäume, insbesondere der vielen Pappeln, die an den Grundstücksmauern der Hausbesitzer in einer Reihe standen, waren aus ihrer Sicht überhaupt nicht nötig, da sie für das Bauvorhaben gar nicht störend waren.

Dass die Pappeln an der Mauer weg mussten stört auch Jamal (12): „Die standen doch gar nicht im Weg“, meint er. Auch er hat gemalt, gemeinsam mit Maida (8), Anton, der – wie er noch schnell sagt, „morgen (3.3.) acht wird“ – und Lene (5). Die Erwachsenen haben geholfen.

Auf dem Gelände stapeln sich noch die Baumstämme.
Auf dem Gelände stapeln sich noch die Baumstämme. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Ob tatsächlich mehr Bäume hätten stehen bleiben können, wissen sie nicht, aber genau das beklagen sie alle. Zumal es im Vorfeld geheißen habe, es würden mehr erhalten werden können. Für diese Bäume kommt mögliche Hilfe zu spät, aber die Anlieger würden sich auch jetzt noch freuen, wenn jemand mit Informationen käme, betonen sie.

Wie, was und wann genau wird gebaut? Wer kann da einziehen? Was kostet das? Und wie viele Bäume genau werden als Ersatz für die abgeholzten neu gepflanzt?

Der Bauherr hatte vor einigen Tagen betont, dass „einige große Bäume“ stehen geblieben seien und in das Projekt integriert würden. Für die, die man habe entfernen müssen, werde man neue pflanzen – und „sicherlich auch noch ein paar darüber hinaus“.

„Warum so viele?
„Warum so viele?”, steht auf diesem Plakat, das am Bauzaun hängt. Es geht um die Anzahl der gefällten Bäume. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Die ganze Gefühlswelt der Anlieger ist in den Plakaten sichtbar: Es gibt das Willkommensbanner für die neuen Nachbarn, aber jene, die den Verlust von Lebensraum für Tiere und Bäumen beklagen. Gebaut wird voraussichtlich im Herbst.

Mit diesem Plakat werden schon mal die neuen Nachbarn begrüßt.
Mit diesem Plakat werden schon mal die neuen Nachbarn begrüßt. © Britta Linnhoff © Britta Linnhoff

Sorgen macht man sich unter den Anliegern auch um das künftige Verkehrsaufkommen in der Straße: In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht derzeit eine neue Rettungswache.

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