Zeitzeuge Lothar Stein weiß mehr über die Bergschäden unter der Autobahn 44 nahe dem Autobahnkreuz Witten-Ost/Dortmund-West. © Jürgen Theobald
Autobahn-Bauarbeiten

Riesiges Loch unter der A44: Persebecker (73) klaute dort als Kind die Kohlen

Wo derzeit an der Autobahn 44 aufwendige Verfüllungsarbeiten stattfinden, waren vor Jahrzehnten Kinder zum Kohleklau unterwegs. Ein Kind von damals, Lothar Stein aus Persebeck, erinnert sich.

Für Pendler kam die Nachricht überraschend, dass bei Bauarbeiten ein Stollen unter der A44 gefunden worden ist, der nun schon seit Oktober verfüllt werden muss. Für Lothar Stein hingegen nicht: Der 73-Jährige weiß schon lange, wie löchrig der Boden an der Stelle ist. Schließlich ist er als Kind dort selbst in den Stollen geklettert.

Der Persebecker, der von Kindesbeinen an direkt an der Stadtgrenze zu Witten wohnt, erinnert sich noch ganz genau an die Zeit, als von der Autobahn noch keine Rede war. „Damals waren da nur Wiesen und Felder.“ Und der Stollen eben.

Richtig offiziell sei der wohl nicht gewesen. „Der war nicht gesichert oder so“, sagt Stein. Aber es seien doch immer Arbeiter da gewesen, die Kohle abgebaut hätten, die dann mit Lastwagen abtransportiert worden sei.

Kinder haben Kohlen gestohlen

Für Lothar Stein und seine Freunde, damals alle so zehn bis zwölf Jahre alt, war das eine spannende Sache. Und für seine Eltern eine lohnende: „Wir hatten ja kein Geld, deswegen hat mich mein Vater immer dorthin geschickt, um Kohlen zu klauen.“

Das habe die Familie durch manch kalten Winter gebracht. Mit dem Schlitten sei er losgezogen, „damals hatten wir ja noch mehr Schnee“. Keine fünf Minuten habe er zu Fuß über die Feldwege gebraucht, um zum Stollen zu kommen.

„Und dann haben wir uns an dem Haufen Kohle bedient.“ Die größten Stücke hätte er rausgesucht und mit dem Schlitten nach Hause gebracht. „Da haben wir sie dann kurz und klein gekloppt.“

Hamstern war nicht ungefährlich

Das Hamstern war natürlich nicht ganz ungefährlich. „Wir mussten immer aufpassen, dass uns keiner der Männer sieht“, erzählt Lothar Stein schmunzelnd. Es ist ihm geglückt: „Die haben uns nie erwischt.“ Auch nicht, als die Jungs leichtsinnigerweise in den Stollen reingeklettert sind. Der 73-Jährige hat den Anblick nicht vergessen: „Da hatten wir ganz schön Angst. Acht Meter tief war der bestimmt, das ging steil bergab.“

Seine Erinnerungen trügen ihn nicht: Zehn Meter tief und drei Meter breit ist das Loch, das die Mitarbeiter von Straßen NRW bei Probebohrungen für den Umbau des Autobahnkreuzes unter der A44 gefunden haben. Das bestätigt Susanne Schlenga von der Pressestelle.

Das sei aber nicht alles: Dahinter gebe es noch zahlreiche Verästelungen. „Klar, das zog sich weit durch die Felder. Bis dahin, wo die Windräder stehen“, meint auch Lothar Stein. Auch im angrenzenden Wäldchen habe es damals immer wieder kleine Tagesbrüche gegeben. „Da musste man höllisch aufpassen.“

Stand der Technik war Schuld

Schon als die Autobahn in den 70er-Jahren gebaut wurde, hat sich Lothar Stein gewundert, dass den Schäden nicht mehr Beachtung geschenkt wurde. „Die wussten doch, dass da die Stollen sind. Aber da wurde ein bisschen Dreck ins Loch gekippt und fertig“, so hat er es damals gesehen.

Susanne Schlenga erklärt, wieso: „Damals war der Stand der Technik ein anderer.“ Anstatt wie jetzt die Löcher mit flüssigem Beton zu verfüllen, seien sie damals nur überdeckt worden. „Man dachte, eine Betonplatte darüber zu legen, reicht aus – aber die Verkehrsbelastung war ja auch eine ganz andere als heute.“ Und: Bei weitem seien nicht alle Stollen verzeichnet gewesen.

„Der oberflächennahe Bergbau in der Region war teilweise offiziell, teils aber auch illegal.“ Inzwischen sei klar, dass das Ausmaß der Schäden weit über das Bekannte hinaus geht, so die Expertin von Straßen NRW. Deshalb werde die Zeit der Sperrung jetzt genutzt, um nicht nur – wie geplant – vom Seitenstreifen aus, sondern auch direkt unter der Fahrbahn nach weiteren Hinterlassenschaften des Bergbaus zu suchen.

„Da haben wir auch schon kleinere Sachen gefunden, die dann gleich verfüllt wurden.“ Es werde noch einige Wochen dauern, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. Lothar Stein wird sie sicher genau verfolgen – jetzt aber aus sicherer Entfernung.

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