Vor genau einem Jahr durften Friseure wie Coiffeur Schäfer nach dem ersten Lockdown wieder eröffnen. Damals reichten noch Abstand und Maske. Mittlerweile zermürben kurzfristige neue Regelungen die Branche. © Coiffeur Schäfer
Coronavirus

Immer neue Regeln zermürben Friseure: „Von jetzt auf gleich ist blöd“

Erst Lockdown, dann Testpflicht. Nun stellt die Landesregierung Geimpfte und Genesene den Getesteten gleich. Eine neue Herausforderung für die Friseure. Die Stimmung ist im Keller.

Die Chefin kommt erst gar nicht ans Telefon. „Ich habe so eine schlechte Stimmung“, lässt sie von der Angestellten ihres Huckarder Friseur-Salons ausrichten. „Da habe ich gar keine Lust, etwas zu sagen.“ Ihre klare Ansage ist im Hintergrund deutlich zu hören.

Die Stimmung unter den Friseuren und Inhabern von Betrieben mit körpernahen Dienstleistungen ist im Keller. Das zeigt eine Stichprobe in der Branche am Montag (3.5.). Erst der lange Lockdown, dann nach der Wiederöffnung die Testpflicht infolge der Bundesnotbremse.

Nun eine wieder neue Regelung – nach einem Beschluss der nordrhein-westfälischen Landesregierung vom Samstag (1.5.): Sie stellt komplett geimpfte oder von einer Corona-Infektion genesene Kunden solchen mit einem negativen Testergebnis gleich.

Noch keine Vorgaben von Kammer und Innung

„Ich weiß noch nicht, wie wir das machen“, sagt Nina Degen. Sie ist Inhaberin von Coiffeur Schäfer in Mengede. Der Beschluss ist ja auch erst zwei Tage alt. Was für ältere Kunden eine Erleichterung ist, erfordert von den Betrieben kurzfristige Maßnahmen. Das zerrt an den Nerven. Und nicht zum ersten Mal.

„Von jetzt auf gleich ist blöd“, sagt Nina Degen. Beispiel Bundesnotbremse: „14 Tage ging es hin und her. Die Testpflicht war dann von Donnerstag auf Samstag umzusetzen.“ Jetzt also die Neuregelung für Geimpfte und Genesene: „Es gibt noch keine Vorgabe von der Handwerkskammer oder der Friseur-Innung“, betont Degen.

Die Landes-Regelung dürfte jedoch wieder zu mehr Kundschaft führen. „Die letzte Woche war extrem wenig zu tun“, erzählt die Friseur-Meisterin. Fehlende Testmöglichkeiten, lange Wartezeiten, Regelungswirrwarr.

„Nach dem zweiten Lockdown wird viel mehr diskutiert. Die Leute blicken nicht mehr durch und sind müde, die immer neuen Regeln zu befolgen.“ Vor allem für ältere Kunden sei es schwierig, kurzfristigen Testtermin und Friseurtermin zu koordinieren.

Vollständig geimpfte Stammkunden will Nina Degen wenn möglich in einer Kartei registrieren. Ein Entgegenkommen in Zeiten von „eh viel Papierkram“. Mittelfristig hofft sie, „dass wir unserem eigentlichen Beruf wieder nachgehen und den Kunden etwas Gutes tun können“.

„Wir stehen uns die Beine in den Bauch“

150 Meter entfernt, im Salon Mekelburg, ist das nicht anders. „Es ist so ruhig, dass ich den Donnerstag ganz zulasse“, sagt Inhaberin Ariane Vasiliou. Die Testpflicht lässt grüßen. Für ihre Festangestellte hat sie erneut Kurzarbeit beantragt.

„Wir stehen uns die Beine in den Bauch“, sagt sie. Neben den Problemen, Test- und Friseurtermin zu koordinieren, gebe es auch Weigerungen. „Dann komme ich nicht“, höre Vasiliou mehrfach am Telefon. Und: „Ich lasse mir doch nicht in der Nase rumpopeln.“

Ariane Vasiliou (M. hier mit ihren Mitarbeiterinnen) hat große Angst vor einem zweiten Lockdown.
Ariane Vasiliou (M. hier mit ihren Mitarbeiterinnen) hat große Angst vor einem zweiten Lockdown. © Salon Mekelburg © Salon Mekelburg

Ausnahmen vom Test, die in der Branche durchaus kolportiert würden, kommen für sie absolut nicht in Frage. „Das ist unsolidarisch, vor allem aber gefährlich“, sagt die Salon-Inhaberin. Dem Nachweis der vollständigen Impfung sieht sie positiv entgegen. „Wir werden den Impfpass wie den Personalausweis mit uns führen.“

Vor allem dürfte die Regelung ihr wieder regelmäßig Kunden bescheren. Und damit Einnahmen. „Die Situation macht einen echt mürbe“, sagt Ariane Vasiliou. Sie warte immer noch auf die Überbrückungshilfe 3 und das Kurzarbeitergeld aus dem zweiten Lockdown. „Wer bezahlt mir die Überziehungszinsen?“, fragt sie. „Es macht keinen Spaß im Moment.“

Schnelltest im Salon

Rebecca Paschke, Inhaberin des Friseursalons „Haarige Zeiten“, sieht das Thema „Schnelltests“ relativ gelassen. Anders als andere Friseure konnte die Lütgendortmunder Friseurmeisterin bislang keinen Rückgang an Kunden feststellen. „Bei mir läuft das ganz unkompliziert.“

Rebecca Paschke kommt gut mit der Testpflicht klar. Nach einer Unterweisung durch eine Ärztin nimmt sie die Tests bei ihren Kunden selbst vor.
Rebecca Paschke kommt gut mit der Testpflicht klar. Nach einer Unterweisung durch eine Ärztin nimmt sie die Tests bei ihren Kunden selbst vor. © Beate Dönnewald © Beate Dönnewald

Dennoch freue sie sich, dass komplett Geimpfte oder Genesene nun ohne tagesaktuellen negativen Schnelltest einen Friseur- oder Fußpflege-Termin wahrnehmen dürfen. „Vor allem für die älteren Leute ist das eine große Erleichterung.“

Denn gerade für sie sei es ja nicht so leicht, sich online einen Termin in einer Teststelle zu buchen. Bisweilen habe sie mit der Durchführung von Schnelltests vor Ort ausgeholfen. „Dafür habe ich mich eigens von einer befreundeten Ärztin ausbilden lassen.“

Fußpflege ja – Nageldesign nein

Alles andere als glücklich ist Nagel-Designerin und Fußpflegerin Anna Polyakova aus Oespel mit der aktuellen Corona-Situation samt bundesweiter Notbremse. Denn ihr Kerngeschäft Nagel-Design darf sie momentan nicht anbieten. „Erst wenn die Inzidenz auf 150 gesunken ist“, so die 37-Jährige.

Nur fürs Foto demonstrieren  Anna Polykova (r.) und Friseurmeisterin Ulrike Wernicke, wie coronasicher der Arbeitsplatz der Nageldesignerin ist.
Nur fürs Foto demonstrieren Anna Polykova (r.) und Friseurmeisterin Ulrike Wernicke, wie Corona-sicher der Arbeitsplatz der Nageldesignerin ist. © Beate Dönnewald © Beate Dönnewald

Fußpflege sei bei ihr generell weniger nachgefragt. „Doch mit der Testpflicht ist die Nachfrage weiter gesunken.“ Sie hoffe, dass durch den Wegfall der Testpflicht für zweimal geimpfte Kunden sowie Corona-Genesene wieder mehr Termine gebucht werden – auch bei den Friseuren.

Erfreulich sei die Entwicklung in Sachen Teststellen. Denn mittlerweile gebe es drei Teststellen in Oespel für alle diejenigen, für die die neuen „Freiheiten“ noch nicht gelten. Und das ist ja die große Mehrheit.

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Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1968 geboren und seit über 20 Jahren Redakteurin bei Lensing Media. Zuständig für den Dortmunder Westen mit seinen Stadtbezirken Lütgendortmund, Mengede und Huckarde sowie für die Stadt Castrop-Rauxel.
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