Den Anwohnern gefallen die Nachrichten aus dem Wasser- und Schifffahrtsamt überhaupt nicht. Noch Jahre sollen sie mit der gesperrten Verbindung über den Kanal leben. © Uwe von Schirp
Dortmund-Ems-Kanal

Marode Kanalbrücke: Zwei Hiobsbotschaften für die Anwohner

Seit acht Monaten ist die Brücke über den Dortmund-Ems-Kanal für Kraftfahrzeuge gesperrt. Eine Behelfsbrücke wird nicht gebaut. Für die Anwohner könnte es aber noch schlimmer kommen.

„Ich bin hinten rübergefallen und habe gedacht, das gibt es doch nicht“, sagt Julia Meininghaus. Am Dienstag (11.5.) schickte ihr Bezirksbürgermeister Axel Kunstmann die erschreckende Nachricht: „Es wir keine Behelfsbrücke geben“, schrieb er. Das sollte nicht die einzige schlechte Botschaft bleiben.

Seit dem 17. September 2020 ist die Schwieringhauser Brücke für den motorisierten Verkehr gesperrt. Grund sind Risse in der Stahlkonstruktion. Allein Fußgänger und Radfahrer dürfen seitdem den Dortmund-Ems-Kanal an dieser Stelle queren.

Für die Anwohner von Schwieringhausen bedeutet das weite Umwege, um zum Einkaufen nach Mengede, in die Schulen des Stadtbezirks und zum Arzt zu kommen. Oder um soziale Kontakte zu pflegen. Es kostet Zeit, Benzin – und vor allem für die Kinder womöglich auch Freundschaften.

Mit der Sperrung kündigte die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) an, den Bau einer Behelfsbrücke zu prüfen. Die Prüfung dauerte Monate. Unterdessen diskutierte die Bezirksvertretung mehrfach das Thema. Julia Meininghaus und ihre Schwester Nina Lamhaouch pochten immer wieder auf eine Lösung.

Telefonat mit ernüchternden Botschaften

Die Bezirksvertretung beschloss einen Vor-Ort-Termin mit WSV, Stadt, Politik und Anwohnern. Der kam aufgrund des Infektionsschutzes nicht zustande. Axel Kunstmann suchte dann mehrfach das Gespräch am Telefon.

Das gab es am Dienstagmorgen. Mit einem ernüchternden Resultat. Der für Brückenneubau und -erhalt Verantwortliche beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Westdeutsche Kanäle habe ihm erklärt, dass der Bau einer Behelfsbrücke nicht möglich sei, berichtet Axel Kunstmann.

Risse in tragenden Bauteilen verbieten einen motorisierten Verkehr über die Schwieringhauser Brücke. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Massive, irreparable Schäden habe das Schifffahrtsamt an den Brückenlagern festgestellt. Deswegen überprüfe es nun die Brücke nicht mehr nur routinemäßig alle sechs Jahre, sondern jährlich. Die Brücke könne derzeit weiterhin nur für Fußgänger und Radfahrer freigegeben werden. Schlimmer noch: „Es steht hier sogar die Frage im Raum, ob dies auch weiterhin so möglich sein wird“, erklärt Kunstmann.

„Das wäre für uns ein Albtraum“, sagt Julia Meininghaus. „In den acht Monaten haben wir uns ein bisschen arrangiert.“ Heißt: Wenn am Tag mehrere Termine in Mengede oder Nette anstehen, parken die Anwohner zwischen den Terminen ihr Auto auf der Mengeder Seite des Kanals.

Kinder verlieren Freundschaften

Mehrmals laufen sie dann zu Fuß die gut 400 Meter vom Auto nach Hause und wieder zurück. Bei einer Vollsperrung hieße das, für jeden Weg über Ellinghausen oder Brambauer zu fahren – statt vier sind es dann, je nach Ziel, rund zehn Kilometer Fahrtstrecke. Zurück ebenso.

Wie grotesk die Situation ist, zeigt das Beispiel von Merle Blum. Sie arbeite in Hagen, erzählt sie beim Vor-Ort-Termin mit dieser Redaktion. Vor der Sperrung machte sie auf dem Weg dorthin nach zwei Minuten einen kurzen Stopp, um ihren Sohn bei der Tagesmutter unterzubringen.

Deren Räume sind auf der anderen Seite des Kanals, direkt unterhalb der Rampe, kaum 800 Meter entfernt. Jetzt bringt sie Paul zu Fuß über den Kanal. Bei einer Vollsperrung hätten sie und der Eineinhalbjährige einen Weg von neun Kilometern zur Tagesmutter.

Nur knapp 800 Meter von zuhause hat die Tagesmutter von Paul ihr Domizil. Merle Blum bringt ihren Sohn derzeit noch zu Fuß über den Kanal.
Nur knapp 800 Meter von Zuhause hat die Tagesmutter von Paul ihr Domizil. Merle Blum bringt ihren Sohn derzeit noch zu Fuß über den Kanal. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

„Es sind nicht nur die Wege zur Arbeit und zur Schule“, sagt Julia Meininghaus. „Vor allem sind es die sozialen Kontakte.“ Und dabei denkt sie insbesondere an die Kinder. Ihr Sohn Tim (8) besucht in Mengede die Grundschule. „Übernächstes Jahr geht er auf eine weiterführende Schule. Ich muss jetzt schon überlegen, ob ich ihn noch in Nette anmelde oder gleich in der Innenstadt.“

Neubau soll 2025 beginnen

Grund ist eine weitere Nachricht aus der Schifffahrtsverwaltung: Obwohl seit 2006 ein rechtskräftiger Planfeststellungsbeschluss besteht, soll ein Neubau der Brücke erst Anfang/Mitte 2025 beginnen. Die Planungen hätten aber bereits begonnen, erfuhr Axel Kunstmann im Gespräch mit dem Schifffahrtsamt.

„Es wird eine europaweite Ausschreibung geben müssen“, berichtet der Bezirksbürgermeister. „Möglicherweise wird es ein Planänderungsverfahren geben. Die Denkmalbehörde muss beteiligt werden.“ All das dauere seine Zeit. Die Bauzeit setze die WSV mit zwei Jahren an. In der Konsequenz heißt das: Frühestens 2027 kann wieder motorisierter Verkehr über die Brücke rollen.

„Es kann ja nicht unser Problem sein, dass sie sehenden Auges da jahrelang eine Baustelle lassen, von der jeder weiß, dass das Ding marode ist“, schimpft Julia Meininghaus. Denn schon seit November 2017 war die Brücke nur einspurig befahrbar. „Fünf Jahre soll es nun keine Veränderung geben und mittelfristig eher noch eine Verschlechterung. Das ist ein Skandal.“

Sanierungsstau bei den Kanalbrücken

Ein Hinweis Kunstmanns aus dem Gespräch tröstet die Anwohner da wenig: Das Schwieringhauser Bauwerk stehe auf der Prioritätenliste ganz oben. Mit 50 weiteren Brücken gebe einen eklatanten Sanierungsstau im Bereich der westdeutschen Kanäle.

„Für mich ist das keine Priorität bei der Wasser- und Schifffahrtsstraßenverwaltung“, sagt Julia Meininghaus. „Und die Brücke scheint auch keine Priorität bei der Stadt zu haben. Wenn man in Schwieringhausen lebt, hat man ebenso ein Recht auf Daseinsvorsorge wie in anderen Stadtteilen.“

Eine Sperrung wie in Beton gegossen: Massive Stahlträger ersetzen mittlerweile die Baustellenbaken aus Kunststoff.
Eine Sperrung wie in Beton gegossen: Massive Stahlträger ersetzen mittlerweile die Baustellenbaken aus Kunststoff. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Indes hat sich das Bild an den Brückenköpfen seit ein paar Wochen gewandelt. Die Baustellenbaken aus Kunststoff sind verschwunden. Dicke Betonplatten sind in den Boden eingelassen. Massive Stahlträger ragen daraus hervor und tragen rot-weiße Baken. Eine Sperrung – wie in Beton gegossen.

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Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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