200 Anfragen, keine Zusage: Neunköpfige Familie findet keine Wohnung

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Zwei Erwachsene, sieben Kinder: Die Familie Selo Sudi aus dem Irak hat es in dieser Konstellation nicht einfach, eine passende Wohnung zu finden. Dabei wäre das so dringend nötig.

Hörde

, 13.01.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Vormittage sind ruhig. Dann sind Jalal Selo Sudi und seine Frau Basma alleine mit ihrer jüngsten Tochter in der Wohnung. 79 Quadratmeter in einem Altbau in Hörde, ein Bad ohne Fenster, eine schmale Küche, drei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer ohne Heizung.

Ab Mittag wird es voll. Dann kommen die übrigen sechs Kinder der Familie aus dem Kindergarten und aus der Schule nach Hause. „Ein zweites Badezimmer wäre schön“, sagt Vater Jalal und lacht.

„Ich will Deutsch lernen“, hat Basma gesagt

Denn wenn neun Menschen, davon sieben Kinder zwischen 2 und 16 Jahren, gleichzeitig auf nur eine Toilette und nur eine Dusche wollen, wird es eng.

Auch wenn der Wohnungsmarkt in Dortmund – so wie in vielen anderen Großstädten – angespannt ist, gibt es immer wieder freie Wohnungen. Doch in keine davon konnte die Familie bislang einziehen.

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„Ich habe bestimmt schon bei 200 Angeboten angefragt“, sagt Fabiloa Baumann. Sie engagiert sich beim Hörder Verein Chancengleich in Europa und begleitet die Familie, seit sie in Hörde ist.

„Irgendwann stand Basma vor unserer Tür und sagte: ‚Ich will Deutsch lernen‘“, erzählt Baumann. Das war vor gut zweieinhalb Jahren.

Als Jesiden getötet wurden, floh die Familie aus dem Irak

So lange lebt die Familie schon in der Wohnung in Hörde. Vater Jalal ist vor knapp fünf Jahren mit seinem ältesten Sohn nach Deutschland gekommen, ein Jahr später folgte seine Frau mit den damals noch anderen fünf Kindern. Sie kam zu Fuß aus dem Irak, ließ sich von Hunger und Angst nicht unterkriegen.

200 Anfragen, keine Zusage: Neunköpfige Familie findet keine Wohnung

Es gibt in der Wohnung keinen installierten Heizkörper. Geheizt wird über die Steckdose. Das ist teuer – und der Winter war noch gar nicht da. © Michael Nickel

Getrennt voneinander verbrachte die Familie ein halbes Jahr in Deutschland, ein Jahr lang lebten sie dann gemeinsam in Hacheney, ehe sie die Wohnung in Hörde beziehen durften.

Im Irak lebte die jesidische Familie in einem großen Haus. Als der sogenannte Islamische Staat immer näher kam, tausende Jesiden tötete, Kinder entführte und wie Vieh verkaufte, floh sie.

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Jalal und Basma sprechen gutes Deutsch, die Kinder können es noch besser. Manchmal ruft der älteste Sohn bei einem interessanten Wohnungsangebot den Makler an. Doch auch er bekommt nur Absagen.

Sobald von sieben Kindern die Rede ist, wird es nichts mit der Wohnung

„Wenn ich irgendwo ein leeres Fenster sehe, halte ich sofort meinen Wagen an“, sagt Fabiola Baumann. Wenn sie wegen einer Wohnung telefoniert, seien die Menschen am anderen Ende der Leitung ganz angetan von einer Familie als potentieller Mieter. Wenn dann die Rede von sieben Kindern ist, seien die Gespräche vorbei.

200 Anfragen, keine Zusage: Neunköpfige Familie findet keine Wohnung

Tagsüber sind die Matratzen übereinander gestapelt, abends werden sie in der Wohnung verteilt. © Michael Nickel

Auch die großen Wohnungsunternehmen hätten laut Baumann nichts Passendes im Angebot. „Wir schaffen es, eine Wohnung zu finden. Ich weiß nur nicht, wann.“

Seit mehr als zwei Jahren lebt die neunköpfige Familie auf 79 Quadratmetern. Die Matratzen der Kinder sind auf einem der zwei Stockbetten gestapelt. Abends werden die Matratzen dann auf dem Boden verteilt, damit alle einen Platz zum Schlafen haben.

Jalal hat sich als Busfahrer bei DSW21 beworben

Zweimal musste die Familie die Wände in der kurzen Zeit selbst streichen, weil das Haus in die Jahre gekommen ist. Einen fest installierten Heizkörper gibt es im Wohnzimmer nicht, die Selo Sudis haben einen Heizkörper an die Steckdose angeschlossen. Kalt ist es trotzdem.

Wenn Basma und Jalal an die Zukunft denken, ist ihr größter Wunsch eine neue Wohnung. Am liebsten eine in Hörde. Denn hier gehen die Kinder zur Schule und in die Kita, hier gehen sie auch zu den Integrations- und Betreuungsangeboten.

Jalal Selo Sudi hat seinen Sprachkurs mit dem B1-Zertifikat abgeschlossen, er hat einen Gabelstapler-Führerschein gemacht und sich als Busfahrer bei DSW21 beworben. Damit das mit dem Job klappt, braucht er gestempelte Papiere aus Bagdad. Auf die wartet er seit Monaten.

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