85 Prozent der Schüler eines Gymnasiums wollen weiter eine Maske tragen

hzMaskenpflicht im Unterricht

Ab Dienstag (1.9.) gibt es keine Maskenpflicht im Unterricht weiterführender Schulen mehr. Wie gehen die Schulen im Dortmunder Westen damit um?

Mengede, Lütgendortmund, Huckarde, Dorstfeld

, 31.08.2020, 13:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Drei Wochen nach Schuljahresbeginn hebt die Landesregierung ab Dienstag (1.9.) die Maskenpflicht im Unterricht an den weiterführenden Schulen wieder auf. Ist das Ende der Maskenpflicht im Unterricht das Ende eines „lästigen Übels“? Geht es künftig nur um Selbstverantwortung? Was heißt das in der Praxis? Wir haben uns an weiterführenden Schulen im Dortmunder Westen umgehört.

„Das ist gelebte Demokratie“

Susanne Köhnen kommt gerade aus einer Sondersitzung der Schülervertretung, als unsere Redaktion sie am Telefon erreicht. „Das Weitertragen der Maske kann nur auf Freiwilligkeit beruhen“, sagt die Schulleiterin des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Nette. „Viele Schüler haben aber richtig Sorge – nicht nur um sich, sondern vor allem um ihre Familien.“

Susanne Köhnen leitet das Heinrich-Heine-Gymnasium. 85 Prozent der HHG-Schüler wollen weiter eine Maske tragen.

Susanne Köhnen leitet das Heinrich-Heine-Gymnasium. 85 Prozent der HHG-Schüler wollen weiter eine Maske tragen. © Ilka Bielefeld

Über das Wochenende hat Köhnen Eltern- und Schülervertreter angeschrieben und um ein Meinungsbild gebeten. In den ersten Stunden des Montagmorgens berieten Klassen und Kurse. „85 Prozent unserer Schüler wollen freiwillig die Maske weiter tragen“, berichtet Susanne Köhnen. „Das ist jetzt eine Solidaraktion.“

Die Schulgemeinde wolle ausloten, wo es Lockerungen gebe. Köhnen sieht in der aktuellen Entwicklung eine Herausforderung. „Es ist die spannende Frage, wie die Schüler Eigenverantwortung leben können“, sagt sie. „Das hat etwas mit Herzensbildung zu tun. Ich beschneide selbst meine Rechte. Das ist gelebte Demokratie.“

Jetzt lesen

Die Aufhebung der Maskenpflicht wird sich auf die Unterrichtsorganisation auswirken. Jeder fünfte Lehrer am HHG gehört zur Risikogruppe. „Sie sind alle hier“, sagt Köhnen. „Mit Aufhebung der Maskenpflicht wird sich das ändern. Sie gehen dann in den Distanzunterricht.“

Schulleiter spricht dringende Empfehlung aus

Tobias Schnitker, Leiter der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Lütgendortmund, ist für rund 1200 Schüler verantwortlich. „Ich habe ihnen gegenüber die dringende Empfehlung ausgesprochen, die Masken auch weiterhin im Unterricht zu tragen“, sagt der Rektor auf Anfrage dieser Redaktion.

Schulleiter Tobias Schnitker hat eine „dringende Empfehlung“ für das Masketragen im Unterricht ausgesprochen.

Schulleiter Tobias Schnitker hat eine „dringende Empfehlung“ für das Masketragen im Unterricht ausgesprochen. © Carolin West

Für Schüler, die sich für die Maske aussprechen, werde man entsprechende Situationen schaffen, damit sie sich weiterhin gut schützen können. „Wir werden die Sitzpläne noch einmal ändern, damit Schüler mit und Schüler ohne Maske zusammensitzen“, sagt Tobias Schnitker.

Weil die Masken-Gegner in der Regel lauter seien als die Masken-Befürworter, sei es sehr schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt ein Stimmungsbild wiederzugeben. „Ich gehe aber davon aus, dass sich eine Mehrheit für die Maske ausspricht.“ Für gefährdete Lehrer stehe ein kleines Kontingent an FFP2-Masken zur Verfügung.

„Was ist am Montag anders als am Dienstag?“

Die Aufhebung der Maskenpflicht nach nur drei Wochen sieht Tobias Schnitker kritisch. „Wenn sich Regeln so schnell ändern, nimmt die Akzeptanz immer mehr ab. Wir hatten kaum Zeit, die Maskenpflicht einzuführen, da ist sie auch schon wieder obsolet.“ Es sei schwierig, Eltern und Schülern die „Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung“ zu erklären: „Was ist am Montag anders als am Dienstag?“

Fraglos sei das Maskentragen im Unterricht eine Belastung. „Man muss den Schülern einfach Möglichkeiten zum Durchatmen geben“, so Schnitker. Momentan sei das zum Beispiel durch Unterricht im Freien möglich.

Pro-Masken-Appell auf der Schul-Homepage

Karola Hügging und Miriam Rychter, Leiterinnen des Reinoldus- und Schiller-Gymnasiums in Dorstfeld, wenden sich mit einem Appell auf der Schul-Homepage an alle Mitglieder der Schulgemeinschaft. Darin fordern sie sie auf, „sich für das Vernünftige und Sinnvolle zu entscheiden, also weiterhin, insbesondere im Unterricht, wo der Mindestabstand nicht einzuhalten ist, eine Maske zu tragen.“

Karola Hügging und ihre Stellvertreterin wenden sich auf der Schul-Homepage mit einem Pro-Masken-Appell an die Schulgemeinschaft.

Karola Hügging und ihre Stellvertreterin wenden sich auf der Schul-Homepage mit einem Pro-Masken-Appell an die Schulgemeinschaft. © Stephan Schütze

„Gerade in den Klassenzimmern können wir doch keinen Mindestabstand von 1,5 Metern, wie ihn das Robert-Koch-Institut empfiehlt, gewährleisten“, so Karola Hügging im Gespräch mit unserer Redaktion. Man hoffe, dass sich Eltern- und Schüler-Gremien dem Aufruf der Schulleitung anschließen werden: „Aber verpflichtend einfordern können wir das Masketragen nicht.“

Sie rechne damit, so Karola Hügging, dass viele ihrer Schüler auch weiterhin eine Maske im Unterricht tragen werden. „Ich habe schon viele Stimmen gehört, die sich dafür ausgesprochen haben.“

Jetzt lesen

Masken-Appell bei Unterricht mit Lehrern der Risikogruppe

Sabine Schmidt-Strehlau hat eine E-Mail an die Schulgemeinde des Kirchlinder Bert-Brecht-Gymnasiums (BBG) am Freitag vorbereitet, aber am Montag erst noch die Pressekonferenz von Schulministerin Yvonne Gebauer abgewartet. Den Inhalt hat sie über das Wochenende mit der Schulpflegschaft abgestimmt.

BBG-Schulleiterin Sabine Schmidt Strehlau möchte eine Form von Schulalltag finden, in der nicht ständig wechselnde organisatorische Fragen wie der der Maskenpflicht im Vordergrund stehen.

BBG-Schulleiterin Sabine Schmidt Strehlau möchte eine Form von Schulalltag finden, in der nicht ständig wechselnde organisatorische Fragen wie der der Maskenpflicht im Vordergrund stehen. © Stephan Schütze (A)

Der Tenor: „Erst wenn alle Schüler und der Lehrer in der Klasse sind, darf die Maske abgenommen werden.“ Mit einer Einschränkung: „Bei Arbeit in Kleingruppen muss die Maske trotzdem getragen werden“, sagt die BBG-Schulleiterin.

Und: „Wir appellieren an die Schüler, vor allem bei Lehrern mit einem Risikopotenzial, immer die Maske zu tragen.“ Auch Lehrer aus der Risikogruppe hätten derweil signalisiert, weiterhin Präsenzunterricht geben zu können.

Sabine Schmidt-Stehlau kritisiert die erneut kurzfristige Entscheidung des Ministeriums. Schulen würden sich sehr wohl auf veränderte Bedingungen einstellen können. „Dafür müssen wir nur wissen, wo es hingeht“, sagt sie. „Ich möchte, dass wir eine Form von Alltag finden, wo sich unsere Arbeit nicht zu 50 bis 70 Prozent auf Fragen wie die Maskenpflicht reduziert.“

Lesen Sie jetzt