95-jährige Auschwitz-Überlebende rappt erfolgreich gegen Rechts

hzJugendfreizeitstätte Aplerbeck

Esther Bejarano berichtet über ihre Schreckenszeit im KZ, sorgt für Beklemmung und vermittelt mit ihren musikalischen Mitstreitern Joram Bejarano und Kutlu Jurtseven dennoch viel Spaß.

Aplerbeck

, 08.03.2020, 13:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Esther Bejarano, geborene Loewy, hat Ausschwitz überlebt und berichtet davon. Die vielen Jugendlichen sowie Kooperationspartner von "DoTour für Respekt" im vollen Saal der Jugendfreizeitstätte Aplerbeck (JFS) hören der Deutsch-Jüdin gebannt zu, singen mit ihr sogar Schlager.

Es sind zwei Stunden voller Beklemmung, aber auch mit viel Spaß. Für erstere sorgt die 95-jährige allein, für letzteren zudem ihre Mitstreiter, Sohn Joram am Bass und Kutlu Yurtseven vom Rapper-Duo „Microphone Mafia“ per deutsch-türkischem Sprechgesang.

30-minütige Lesung

30 Minuten liest die zierliche Frau, die auf dem Weg zur Bühne von ihrem 67-jährigen Sohn gestützt wird, mit klarer, kräftiger Stimme aus ihrem Buch „Erinnerungen“. Auf der Bühne lebt sie auf. Nur wenige Male stockt ihre Stimme, scheinen die Erinnerungen an ihre Qualen sehr gegenwärtig zu sein.

Ihre Erzählungen gehen unter die Haut. Ein Blick in die Augen der Zuhörer zeigt, dass die kaum glauben können, was sie da hören. Es herrscht absolute Stille, wenn über den Transport in Viehwaggons, die Unterbringung in ehemaligen Pferdeställen und sinnloses Steines chleppen bis zum Tod berichtet wird. „Sie schlugen auf wehrlose Frauen ein“, sagt Esther Bejarano, die Eltern und Schwester im KZ verlor. "Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen."

Viele junge Zuschauer hörten in der vollen Jugendfreizeitstätte Aplerbeck der 95-jährigen Auschwitz-Überlebenden aufmerksam zu.

Viele junge Zuschauer hörten in der vollen Jugendfreizeitstätte Aplerbeck der 95-jährigen Auschwitz-Überlebenden aufmerksam zu. © Foto: Dietmar Bock

Es war wie ein Wunder

Die junge Sängerin entkam dem nur, weil sie die Blockältesten mit Liedern von Schubert, Bach und Mozart unterhielt, bevor sie ins Mädchenorchester berufen wurde. Als Pianistin ohne Klavier stieg sie aufs Akkordeon um, intonierte den damaligen Schlagerhit „Bel Ami“. „Ich habe gleich alle Akkorde getroffen“, ist sie noch heute überrascht. „Es war wie ein Wunder.“

Mit dem Orchester musste sie immer spielen, wenn Arbeitskolonnen das Lagertor passierten. Aber auch, wenn Neuankömmlinge das KZ betraten. „Die dachten, da wird Musik gespielt, da wird es so schlimm nicht sein.“ Doch der Schein trog. Als Suppe habe es Wasser mit Kartoffelschalen gegeben. Hygiene fand nicht statt. Sie wurde krank. Durch Typhus und Keuchhusten sei sie aus dem Orchester geflogen und erst wieder hineingekommen, als sie auf Gitarre umgeschult hatte.

Ein Viertel "arisch"

„Durch eine christliche Oma war ich ein Viertel arisch.“ So habe sie ins KZ Ravensbrück gedurft, wo es besser gewesen sei. Bei einem Todesmarsch glückte ihr die Flucht, auf der sie mit Amerikanern und Russen das Kriegsende feierte. „Die Soldaten zündeten ein Hitlerbild an, ich spielte Akkordeon und die Mädchen und Soldaten tanzten“, sagt sie. „Dieses Bild werde ich nie vergessen. Es war mein zweiter Geburtstag.“

Nach der Lesung singt die 95-jährige mit kräftiger, hoher Stimme gemeinsam mit Joram und Rapper Kutlu Yurtseven Antikriegs- und Partisanenlieder in jiddischer, italienischer und deutscher Sprache. Dazu ballt sie die Faust, reißt ihre Arme hoch und tanzt.

Sangen und tanzten gegen Faschismus und Rechtsradikalismus (v.l.): Joram Bejarano, Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven vom Duo "Microphone Mafia".

Sangen und tanzten gegen Faschismus und Rechtsradikalismus (v.l.): Joram Bejarano, Esther Bejarano und Kutlu Yurtseven vom Duo "Microphone Mafia". © Foto: Dietmar Bock

Gerappte Ergänzungen

Kutlu Yurtseven ergänzt mit gerappten, eigenen Texten bekannte Songs wie „Bella Ciao“, „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ von Bert Brecht/Hanns Eisler und dem Hit „Wann jeiht d´r Himmel widder op“ der Kölschband "Höhner". Da singen alle mit, zumindest den Refrain. Wie beim 1930er-Hit „Bel Ami“, der Esther Bejarano das Leben rettete und die Anwesenden trotz alledem feiern lässt, denn: „Was wir hier machen ist Zukunft“, ruft Yurtseven. Und Zukunft brauche neben dem Widerspruch gegen Rassismus und Ausgrenzung auch Spaß am Leben.

Zukunft soll auch eine Friedensherberge im italienischen Stazzema haben. Dort brachte die Waffen-SS 560 Zivilisten um. Daher bitten Peter Gehrmann (JFS) und Kerstin Hoffmann (Freundeskreis „DoTour") um Spenden: IBAN: IT06L0872670250000000730185, BIC: ICRAITRRK60, Banca Versilia Lunigiana Garfagnana Pontestazzemese Agency, Verwendungszweck „Gemeinsam die Friedensherberge bauen“.

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