Abiturientin Raphaela (19) will über 2000 Euro auf dem Westenhellweg verdienen

hzJunge Straßenmusikerin

Sie will nach Amerika, hat aber kein Geld – also singt Raphaela Kalla (19) jeden Tag für ihren Traum auf dem Westenhellweg. Doch warum ist die Frankfurterin dafür nach Dortmund gekommen?

Dortmund

, 23.08.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Raphaela Kalla hat ihre gebräunten Beine zum Schneidersitz geknotet, ihre Finger streichen über die Saiten ihrer kleinen, mit Reisestickern beklebten Ukulele. Dann fängt die zierliche Abiturientin an zu singen: „I‘m leaving on a jet plane, don‘t know when I‘ll be back again.“ Das Lied ist für Kalla nicht nur ein alter Hit von John Denver, nein: Die 19-Jährige meint das ernst.

„Für einen Flug nach Kalifornien“ steht auf dem selbst gebastelten Pappschild, das vor ihr steht. Anstatt des Wortes „Flug“ hat Kalla die farbige Silhouette eines Flugzeugs auf das Schild geklebt. Für ihren Traum von Amerika ist die junge Frau vor anderthalb Wochen unter die Straßenmusiker gegangen. Jeden Tag spielt sie sich von 11 Uhr bis 17.30 Uhr einmal den Westenhellweg herunter, von der Reinoldikirche bis zur Thier-Galerie.

Der Traum von Amerika entstand auf dem Jakobsweg

Die 19-Jährige hat bereits jetzt schon einen ziemlich langen Weg hinter sich: Sie wohnt eigentlich in Frankfurt am Main, den Plan mit Amerika fasste sie vor ein paar Monaten in Nordspanien, als sie allein auf dem Jakobsweg wanderte. Dort traf sie Keri und Dan, ein älteres, wohlhabendes Paar aus Kalifornien. Die drei kamen ins Gespräch, sie verstanden sich gut – so gut, dass Keri und Dan die junge Deutsche für ein halbes Jahr, gerne auch länger, zu sich nach Santa Cruz einluden, in das legendäre Surfer-Städtchen südlich von San Francisco.

Die 19-jährige Tochter zieht einfach so zu wildfremden Menschen auf einen anderen Kontinent? Von dieser Idee waren Kallas Eltern anfangs alles andere als begeistert. „Meine Mutter sagte: ‚Warum studierst du nicht wie alle anderen?‘“, erzählt Kalla. Doch von ihrer Entscheidung ließ sie sich nicht mehr abbringen: „Ich glaube, es ist wichtig, andere Erfahrungen zu machen, bevor ich mich festlege, was ich mit meinem Leben machen will.“

„Ich möchte das Geld selbst verdienen“

Wenn da nicht die Sache mit dem Geld für die Flugtickets wäre. Ihre Eltern anbetteln wollte Kalla dafür nicht. „Ich möchte das Geld selbst verdienen“, sagt sie. Für den Flug benötigt Kalla 600 bis 1000 Euro, dazu will sie noch einen Führerschein-Crashkurs machen, um in Amerika mobil zu sein. Insgesamt brauche sie etwas mehr als 2500 Euro, hat sie ausgerechnet.

Auf die Idee, das Geld mit Straßenmusik zusammen zu bekommen, haben sie Freunde gebracht: „Die meinten, dass ich doch gut singen kann.“ Doch was verschlägt eine junge Frankfurterin ausgerechnet auf den Dortmunder Westenhellweg? Bei der Frage lacht Kalla: „Die Leute sind hier offener und freundlicher als in Frankfurt“, sagt sie. Außerdem seien hier die Regeln für Straßenmusiker lockerer als in anderen deutschen Großstädten: „In München muss man zum Beispiel einmal pro Woche im Rathaus vorspielen, darauf hatte ich keine Lust.“ In Dortmund hingegen muss sie lediglich nach einer halben Stunde Musik genauso lange Pause machen und 150 Meter weiterziehen.

Straßenmusikerin verdient 10 bis 40 Euro die Stunde

Auch das Übernachten ist für Kalla kein Problem: Ein befreundeter Pastorialreferent, den sie vor fünf Jahren bei einer Reise der Taizé-Ordensgemeinschaft kennengelernt hat, besorgte ihr über Gemeindekontakte eine möbilierte Wohnung in Hombruch. „Weil die momentan leersteht, lassen mich die Besitzer dort kostenlos wohnen“, erzählt sie. Kalla hat offensichtlich ein Händchen im Umgang mit Menschen.

Davon profitiert sie auch bei der Straßenmusik. In der Instrumententasche vor ihr glänzt der Ertrag der vergangenen halben Stunde in der Sonne: mehrere Dutzend Münzen, viel Kupfer, aber auch das eine oder andere Ein- oder Zwei-Euro-Stück. Pro Halbstunden-Session verdiene sie zwischen 10 und 40 Euro, sagt sie, je nach Wetter und Tag. „Montags und dienstags ist es immer am schwersten.“

Mittlerweile hat sie sich ein Repertoire von etwa zehn Liedern beigebracht. Die meisten sind bekannte Gassenhauer von den Beatles, Elvis und One Republic. „Man muss sich Hits raussuchen, damit die Leute stehen bleiben“, sagt sie. Nur ab und an streue sie eigene Lieder ein.

Geld von einem Obdachlosen

Die Rückmeldungen der Passanten seien „zu 99 Prozent positiv“, sagt die 19-Jährige: „Manchmal fangen Kinder vor mir an zu tanzen.“ Mit den anderen Straßenmusikern, Bettlern und Obdachlosen, die wie sie tagtäglich auf dem Westenhellweg unterwegs sind, verstehe sie sich gut. „Einmal ist sogar ein Obdachloser gekommen, als ich gespielt habe, und hat mir Geld gegeben. Das hat mich sehr glücklich gemacht.“ Auch sie verteile ab und an etwas von ihren Einnahmen an die Bettler: „Man hilft sich gegenseitig, das finde ich schön.“

„Auch wenn es Überwindung kostet, sollte man den Mut aufbringen, auf seine Ziele hinzuarbeiten“, sagt sie noch. Dann packt sie ihre Ukulele ein und zieht weiter. Noch bis Mitte Oktober will sie – mit Unterbrechungen – auf dem Westenhellweg singen.

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