Rund 60 Zuschauer sind zum ersten Abend des "Sommers am U" am Mittwoch gekommen. © Felix Guth
Union-Viertel

Ärger um „Dauer-Partymeile“ am Dortmunder U: Eine Anwohnerin läuft Sturm

Für Dortmunds Partymacher ist Silvia Schneider eine Spaßbremse: Sie beschwert sich regelmäßig bei Stadt und Polizei über Lärm im Union-Viertel. Sogar ein beliebtes Festival scheiterte an der Anwohnerin.

Silvia Schneider kennt sich aus mit dem Feiertagsgesetz, mit Ruhezeiten und Lautstärke-Richtwerten. Die Anwohnerin vom Königswall kämpft seit Jahren gegen den Lärm im Union-Viertel, der ihr nachts den Schlaf und an den Wochenenden die Sonntagsruhe raubt.

Von ihrer Wahlheimat Dortmund spricht die gebürtige Wuppertalerin nur noch als „Qualheimat“. Ihre Wohnung sei wegen des Lärms ein „Fall für den Sondermüll“.

Der jüngste Vorschlag des grünen Bezirksbürgermeisters Friedrich Fuß, die Szene an der Möllerbrücke zum Möllern auf die Treppe am U-Turm zwischen die Berufskollegs zu verlagern, hat für zusätzliche Schnappatmung bei der 55-Jährigen gesorgt.

Der Wohnblock des Spar- und Bauvereins, in dem die Fachinformatikerin lebt, liegt zwischen Schmieding- und Kampstraße direkt gegenüber der Leonie-Reygers-Terrasse unter dem Dortmunder U, einem kulturellen Zentrum der Stadt. Hier finden im Frühjahr und Sommer regelmäßig Konzerte im Freien statt.

„Unbewohnbare Wohnung“

Silvia Schneider hat an manchen Abenden quasi eine Standleitung zur Polizei. Misst sie am späten Sonntagnachmittag 48 Dezibel (dB) auf ihrem Balkon, dreht sie ein Beweisvideo und greift zum Hörer. Bei 50 Dezibel spricht sie von einer „unbewohnbaren Wohnung“. 50 Dezibel gelten jedoch gemeinhin als angenehm, 55 Dezibel als Lautstärke bei einem normalen Gespräch.

Mit den Mails, Nachrichten und Anzeigen an die Stadt Dortmund, das Umweltamt, das Ordnungsamt und das Umweltministerium könne sie mittlerweile ihre „Wände tapezieren“, sagt sie. Auch die Bezirksregierung habe sie eingeschaltet, aber nichts weiter von dort gehört.

Ohne Wirkung bleiben ihre Beschwerden aber nicht. So war am 11. August ein Konzert der Reihe „Sommer am U“ abgebrochen worden, noch bevor der eigentlich laute Teil des von der Stadt veranstalteten Konzerts überhaupt begann.

Dauer-Baustelle und Dauer-Partymeile

Laut Freizeit-Lärmerlass des Landes NRW liegt der für Musikveranstaltungen zulässige Lärmpegel in einem Kerngebiet wie dem Union-Viertel werktags bis 20 Uhr bei 60 Dezibel, ist aber zwischen 20 und 22 Uhr auf 55 Dezibel reduziert. An Sonn- und Feiertagen sind ganztägig die Ruhezeitenpegel von 55 Dezibel einzuhalten.

Allerdings gibt es Sondergenehmigungen für einzelne Konzerte bis 24 Uhr. Laut Stadt war das beim diesjährigen „Sommer am U“ bei zwei Konzerten der Fall, die das U selbst organisiert hat, möglicherweise habe es Sondergenehmigungen auch für andere Veranstaltungen gegeben.

Doch der Lärm vom U ist es nicht allein, der Silvia Schneider quält. „Seitdem ich hier wohne, lebe ich in einer Dauer-Baustelle und einer Dauer-Partymeile“, sagt sie und meint neben den Baustellen in und vor ihrem Haus die Wallraser, die Hupkonzerte, und die „besoffenen grölenden Menschen“ rund um das U, manchmal 500 an der Zahl „nachts mit 70 dB“. Sie sei wegen des Lärmterrors „absolut am Ende ihrer Nerven“, sagt sie, spricht von „Körperverletzung“.

Stadt muss Grundrechte abwägen

Sie hat auch Rechtsanwältin Dr. Dorothee Höcker konsultiert, die ihr aber den Glauben an Gerechtigkeit genommen habe, sagt Silvia Schneider. Klagen könne sie nur als Wohnungseigentümerin oder Gründerin einer Bürgerinitiative.

Auf Anfrage sagt Dr. Höcker, in einer Stadt lebe man mit vielen Lärmquellen zusammen. Es sei Aufgabe der Stadt, alle Grundrechte im öffentlichen Bereich abzuwägen. Silvia Schneider wolle nichts anderes, als dass die Anliegen der Anwohner berücksichtigt werden. Und wenn es keine Klage gebe, deren Verhandlung in einem Hauptsacheverfahren bis zu vier Jahren dauern könne, bedeute das nicht, dass es keine Betroffenheit gebe.

Der Bau- und Sparverein, der neben der Stadt Dortmund Zielscheibe für Schneiders Kritik ist, habe „immer ein offenes Ohr für die Anliegen“ seiner Mitglieder, sagt der Vorstandsvorsitzende Franz-Bernd Große-Wilde auf Anfrage. „Gleichwohl können wir kein Adressat für Forderungen nach Durchführung hoheitsrechtlicher Maßnahmen sein – das obliegt den Behörden der Stadt, mit denen wir aber stets in gutem Austausch stehen.“

Mieter sind schon weggezogen

Im konkreten Fall seien aber von Mietern der Spar- und Bauverein-Genossenschaft keine gehäuften Beschwerden aus dem Union-Viertel eingegangen, so der Vorstandschef.

Möglicherweise haben Mieter eine andere Lösung vorgezogen. „Zwei Etagen über mir, die ist vor wenigen Monaten weggezogen, die über mir ist gerade im Umzug“, berichtet Silvia Schneider, „gegenüber sind sechs bis sieben Wohnungen leer. Und ich hoffe, dass ich die Nächste bin, deren Umzugswagen vor der Tür steht. Ich scheiß‘ auf Dortmund.“

Die Obdachlosen auf Frankfurts Straßen lebten ruhiger, „als wir in unseren Dortmunder bezahlten Wohnungen“, meint die Anwohnerin. Ihre Entscheidung sei gefallen: Sie werde Dortmund verlassen. Schon länger sei sie auf der Suche, habe zuletzt eine Wohnung in Mülheim angesehen. Gepasst hat es bisher offenbar nicht.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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