Alkohol: Suchtmediziner warnt vor Gefahr im Homeoffice

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Das Homeoffice birgt Gefahren für Suchtkranke. Sagt Arne Lueg, Oberarzt der Suchtmedizin der LWL-Klinik. Von einem Entzug daheim rät er dennoch deutlich ab.

Dortmund

, 14.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie läuft die Arbeit bei Ihnen im Moment?

Aufgrund der Corona-Krise haben wir viele Bestimmungen, die neu sind. Dazu zählt das Kontaktverbot, das gilt hier natürlich genauso. Wir machen also im Moment auf Abstand eine therapeutische Behandlung, was mitunter sehr schwierig ist. Das fängt bereits damit an, dass die Zimmer als Zwei-Bett-Zimmer ausgelegt sind. Insgesamt wird auch unsere Arbeit schwieriger.

Wie stelle ich mir die Situation in den Zweit-Bett-Zimmern vor?

Die Zimmer sind zum Glück groß genug, dass die Betten weit genug Abstand haben. Aber wir sind nicht ausreichend ausgestattet mit zum Beispiel einem Mundschutz. Den gibt es nur in ganz begründeten Fällen, wenn also ein Corona-Fall auftreten sollte. Aber flächendeckend haben wir das nicht.

Wie viele Patienten haben sie im Moment auf Ihrer Station?

Um die 30, 35 im Moment. Wir sind eine 50-Betten-Station und normalerweise auch ausgelastet. Wir beschäftigen uns hier mit dem Entzug von Alkohol und Medikamenten.

Jede Menge Strukturen, die wir bisher aus unserem Alltagsleben kannten, sind weggefallen. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice oder sind in der Kurzarbeit. Sagen Sie bitte ein paar Worte zur Wichtigkeit von Struktur.

Grundsätzlich ist Struktur wichtig, das gilt besonders für einen Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung. Ein Job, soziale Integration, eine Familie, all das bietet eine Struktur und ein höheres soziales Wohlbefinden.

Und das ist wichtig für einen Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, um nicht in den Rückfall zu geraten. Eine neue Situation - und das muss jetzt nicht nur ein Mangel an Struktur sein - macht anfälliger für einen Rückfall. Die Situation, die wir gerade erleben, ist sehr gefährdend.

Das gilt auch für das Homeoffice?

Wenn man sich dort als Mensch mit einer Alkoholkrankheit befindet, entgeht man ja der sozialen Kontrolle, die normalerweise im Büro besteht. Wer dann zur Flasche greift, fällt nicht mehr auf. Insofern macht das Homeoffice die Situation jetzt schwieriger, denn der Großteil unserer Patienten kommt zu uns über Dritte.

Befördert das Homeoffice Alkoholsucht?

Grundsätzlich denke ich nicht, da kenne ich auch keine Zahlen zu. Aber ich habe schon den einen oder anderen Patienten gehabt, der im Homeoffice gearbeitet hat und der aufgrund dieser Struktur das Problem hatte, immer Zugang zu Alkohol zu haben. Und da kann er dann auch konsumieren, denn es fällt ja nicht auf.

Also würde ich nicht sagen, dass das Homeoffice Alkoholsucht fördert. Aber wenn man eine Suchterkrankung bereits hat, ist es deutlich leichter, im Homeoffice in den Rückfall zu geraten.

Haben Sie aktuell solche Patienten?

Tatsächlich nein. Seit der Corona-Krise nicht. Man muss allerdings dazu sagen, dass wir als Klinik im Moment die Aufnahme von geplanten Entzugsbehandlungen über drei Wochen eingestellt haben.

Wir haben also keine Patienten mehr, die klassisch mit Termin eingewiesen werden. Wir haben nur noch Notfälle, das sieht man ja an den Patientenzahlen. Also sehen wir diese Patienten im Moment auch noch gar nicht.

Wenn die Beschränkungen, mit denen wir aktuell leben, irgendwann wieder aufgehoben oder gelockert werden, mit was rechnen Sie dann?

Das fragen wir uns alle. Ich persönlich rechne damit, dass der Zulauf deutlich zunimmt. Aktuell haben wir Stationen geschlossen und Mitarbeiter auf anderen Stationen zusammengeführt, um so Personalressourcen übrig zu haben für den Fall eines Corona-Ausbruchs in der Klinik. Damit wir auch dann arbeitsfähig wären.

Das hat natürlich zur Folge, dass in einigen Bereichen keine Patienten behandelt werden - all die Fälle, die jetzt warten konnten, kommen dann. Ich nehme an, wir haben dann sehr, sehr viel zu tun.

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Mit einem Andrang auf Ihre Suchtstation rechnen Sie auch?

Ich weiß nicht. In der Suchtmedizin ist es so, dass wir im Vergleich zu anderen Erkrankungen relativ kurze Behandlungsdauern haben. Wir haben immer viele Aufnahmen. Und viele Entlassungen. Wichtig ist nur, dass dann nicht alle auf einmal kommen.

Was machen Suchtkranke jetzt, die sich ein Stück weit selbst stützen in Gesprächskreisen oder Treffen?

Diese Dinge fallen im Moment weg, das ist eine Abwägung. Zu Beginn der Corona-Krise hatten wir noch unsere ambulanten Gruppen, da kommen normalerweise 10 bis 20 Menschen hin. Die Nachfrage sank dann aber sehr schnell, weil die Menschen Angst hatten, an Covid-19 zu erkranken.

Aber es ist tatsächlich so: Durch den Wegfall solcher Strukturen sind Patienten deutlich gefährdeter, rückfällig zu werden. Wir müssen davon ausgehen, dass jetzt schon wieder einige rückfällig und noch nicht in Behandlung sind.


Ist das gefährlich?

Wir nehmen nicht jeden Menschen, der Alkohol trinkt, sofort als Notfall auf. Ein Patient kann auch über zwei Wochen kontinuierlich trinken und dann einen Termin zur Entgiftung wahrnehmen. Was man jetzt auf keinen Fall machen sollte, wäre, in den eigenen vier Wänden kalt zu entziehen. Das kann gefährlich werden. Dann begeben Sie sich besser in unsere Notfallaufnahme.

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