Am Citywall in Dortmund wohnen immer weniger Menschen – woran liegt das?

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Dortmund wächst. In einigen Gegenden aber ziehen mehr Menschen weg als sich neu ansiedeln. Besonders auffällig ist das rund um den Innenstadt-Wall. Warum flüchten die Leute aus der City?

Mitte

, 13.08.2019, 12:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der City-Wall mutet seinen Anwohnern einiges zu: Verkehr, Lärm, Trubel. Mancher sucht da das Weite. Fast 4000 Menschen sind in den Jahren 2016 bis 2018 vom Cityring weggezogen. Nicht überall zogen wieder neue Mieter ein. Unter dem Strich wanderten knapp 300 Menschen mehr ab als zu.

Hannah Schmidt kann das verstehen. Die 28-Jährige wohnt seit vier Jahren am Ostwall und ist auch öfter genervt von dem Stress vor ihrer Haustür. Aber sie sieht auch die Vorteile der zentralen Lage und liebt ihre große Wohnung in der zweiten Etage viel zu sehr, um wegzuziehen.

Häufige Mieterwechsel in den Wohnhäusern

Auf den anderen Etagen gab es einige Mieterwechsel in den vergangenen Jahren. „Die Frau über mir kam mit der Lautstärke nicht klar und ist ausgezogen“, sagt Hannah Schmidt. „Sie hat gesagt, ,Ich kann nicht mehr‘.“

Ostwall und Schwanenwall sind besonders vom Bevölkerungsschwund betroffen, wie die Statistik der Dortmunder Verwaltung zeigt. Am Hohen Wall sowie am Süd-, Hiltrop- und Königswall sieht es etwas besser aus, aber auch dort liegt die Bilanz im negativen Bereich.

Was treibt die Bewohner aus der City? Oder gehen frei werdende Wohnungen nicht wieder in die Vermietung als Wohnraum, sondern werden in Büro- oder Geschäftsräume umgewandelt? Vielleicht sogar illegal als lukrative Ferienwohnungen angeboten?

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Zumindest bei einigen Fällen ist das nachweislich so. Stadtsprecher Christian Schön verweist auf die Übergangseinrichtung im ehemaligen Kreiswehrersatzamt in der Leuthardstraße, deren Schließung 2017 sich auf die Zahlen auswirkt. Eine weitere schlüssige Erklärung kann die Stadt nicht liefern. „Vielleicht gibt es dort einige langwierige Umbau- bzw. Modernisierungsmaßnahmen im Wohnungsbestand“, schreibt Christian Schön. Möglich sei auch, dass die Umnutzung von Wohnraum nicht wie vorgeschrieben in allen Fällen angemeldet wurde. Und Zahlen für offizielle Umwandlungen gibt es auch nur bis 2016.

Wohnen an einer sechsspurigen Bundesstraße

Beim Anwohnerschwund könnten also eine Reihe von Faktoren eine Rolle spielen. Sicher ist aber auch, dass der Wall und seine Geschäftigkeit einige Mieter verschreckt. Auch Hannah Schmidt leidet mitunter unter Lärm und Hektik vor ihrer Tür. Durch ihre großen Fenster schaut sie zwar in die grünen Baumkronen der Wallbepflanzung, die sechsspurige Bundesstraße aber nervt. Vor allem nachts bringen aufheulende Motoren und die Sirenen von Krankenwagen und Polizei die junge Frau um den Schlaf.

Bis vor Kurzem war der Ostwall eine riesen Baustelle, da sei es angenehm gewesen. Dafür legten allerdings morgens um 8 Uhr die Baumaschinen los. Schlimmer als der Verkehr sei aber ohnehin die Tuner-Szene, die sich nachts auf dem seitlichen Parkstreifen vor der Aula am Ostwall trifft und Party macht. „Ich wusste gar nicht, dass Autos so laut Musik abspielen können“, sagt Hannah Schmidt.

Partyszene trifft sich direkt vor dem Fenster

Ihren Bruder, der ebenfalls am Ostwall wohnt, in Höhe der Kaiserstraße, treffe es noch schlimmer. „Der hat die Partys direkt vor seinem Fenster.“ Sie habe sich weitgehend an den Trubel gewöhnt. „Wenn es ganz ruhig ist, kann ich gar nicht mehr schlafen.“

Am Citywall in Dortmund wohnen immer weniger Menschen – woran liegt das?

Im Erdgeschoss des Wohnhauses bleiben die Rollläden stets unten. Eine Musikschule gibt es schon lange nicht mehr. © Susanne Riese

Sie könne sich vorstellen, dass einige auch wegziehen, weil rundum vieles verwaist ist. Der Parkett-Laden in der Junggesellenstraße nebenan steht schon ewig leer und auch in ihrem Wohnhaus bleiben die Rollläden im Erdgeschoss Tag und Nacht geschlossen. In der Gegend sei die Fluktuation hoch. „Von dem berühmten Kneipenviertel, dass es hier am Ostwall mal gegeben haben soll, ist nichts mehr übrig.“

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Stattdessen sei es abends unheimlich – schlecht beleuchtet und einsam. Bis zur U-Bahn sei es nicht weit, aber durch die Kreuzungen aufwendig, der Bahnhof ist ein ganzes Stück weg und es gibt keinen Supermarkt. Zum Essengehen sei die Lage aber perfekt.

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