OB-Wahl: Wird die Stichwahl am Ende für SPD und CDU zur Preisfrage?

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Wenn es bei der Oberbürgermeister-Wahl in Dortmund zur Stichwahl kommt, sind die Grünen vermutlich das Zünglein an der Waage. Von wem lassen sie sich ködern? Ein Gedankenspiel.

Dortmund

, 30.05.2020, 11:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Betrachtet man die Ergebnisse der Forsa-Umfrage von Ruhr Nachrichten und Radio91.2 zur Oberbürgermeister-Wahl in Dortmund, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es eine Stichwahl geben wird. Voraussichtlich wird es am Ende auf Thomas Westphal (SPD) und Dr. Andreas Hollstein (CDU) hinauslaufen. 35 Prozent der befragten Wahlwilligen würden dem Wirtschaftsförderer Westphal ihre Stimme geben, 31 Prozent Hollstein, dem Noch-Bürgermeister von Altena.

Falls es die Kandidatin der Grünen, Daniela Schneckenburger, mit aktuell 20 Prozent tatsächlich nicht in die Stichwahl schafft, sind die Grünen das Zünglein an der Waage. Doch zu wem neigt die Partei, und bei wem sehen die grünen Wähler die größte Nähe zu ihren Überzeugungen und Werten? Bei Rot oder Schwarz?

Wildern in grünen Gefilden

Bei Thomas Westphal weiß die grüne Partei, wen sie vor sich hat. Mit seinen Ideen zu Mobilität und Klimaschutz hat er zuletzt einen Schritt auf sie zugemacht. Er strebt ein sicheres und geschlossenes Radwegenetz an, will H-Bahn- und Stadtbahnstrecken ausbauen und so den Umstieg auf den ÖPNV vorantreiben. Damit wildert er geradezu in grünen Gefilden. Das wäre eine gemeinsame Basis.

Auch sein jüngster Vorstoß, sich zu einem westfälischen Flughafenverbund mit Münster und Paderborn zusammenzuschließen, wäre zwar noch nicht das Traumziel der Grünen, aber vielleicht eine Etappe dorthin.

Dagegen stößt Westphals Flächenpolitik als Wirtschaftsförderer bei den Grünen eher auf Gegenwind. Zu unterschätzen ist auch nicht, dass viele unter ihnen einen politischen Wechsel in dieser Stadt nach 70 Jahren herbeisehnen, wobei sie natürlich vor allem den politischen Wechsel mithilfe ihrer OB-Kandidatin Schneckenburger anstreben.

Erfahrung mit Schwarz-Grün

Für Westphal wäre es einfacher, in einer Stichwahl gegen Schneckenburger anzutreten; denn konservativen und wirtschaftsaffinen CDU-Wählern steht ein SPD-Wirtschaftsförderer näher als eine grüne Schuldezernentin.

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Schafft Schneckenburger es nicht in die Stichwahl, wäre ein politischer Wechsel nur noch mit dem CDU-Kandidaten Hollstein möglich. Dass der Noch-Bürgermeister von Altena mit den Grünen gut kann, hat er seit 2014 mit einer schwarz-grünen Koalition bewiesen. Hollstein gilt als integrativer Kandidat, der auf Menschen zugeht und offen ist für solch ein politisches Farbenspiel.

Schon bei der Kandidatensuche hatte es Gespräche zwischen CDU und Grünen gegeben, ob man sich nicht auf einen gemeinsamen Bewerber einigen könnte. Konnte man damals nicht, aber wenn die eigene Kandidatin nicht mehr im Rennen wäre . . .

Liberale Flüchtlingspolitik

Hollsteins liberale Flüchtlingspolitik in Altena ist bei den Grünen ebenfalls ein Pluspunkt. Mobilität und Klimaschutz, Zukunftsgewandtheit und Bürgermitwirkung – Stichworte aus Hollsteins Agenda für Dortmund – finden sich auch in den Reden von Daniela Schneckenburger wieder. Das Hollstein-Gesamtpaket könnte am Ende schwerer wiegen, als das, was Westphal anbieten kann oder will, um die Grünen in der Stichwahl für einen Wahlaufruf zu ködern.

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Für wen die Grünen am Ende eine Empfehlung aussprechen, wird letztlich eine Frage des Preises. Nicht in Euro und Cent, sondern in politischen Zugeständnissen. Für die Grünen ist entscheidend, mit wem sie ihre Werte teilen und ihre Politik am ehesten durchsetzen können.

Sollten die Grünen tatsächlich einen Wahlaufruf für Hollstein machen, heißt das noch lange nicht, dass die Parteianhänger – durch die Fridays-for-Future-Bewegung sind viele hinzugekommen – dem auch folgen. Würde es am Ende bei niedriger Wahlbeteiligung und hoher Briefwahlquote ganz eng werden im Kampf um wenige Prozentpunkte hinter dem Komma, könnten sogar noch die FDP-Wähler einem der Kandidaten den Steigbügel halten. Der hieße dann vermutlich Hollstein.

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